Mann, Frau, X – alles in bester (Schöpfungs-)Ordnung?

(Florian Kraemer)

In der christlichen Welt war der Begriff der “Schöpfungsordnung” zuweilen ein Leuchtturm der Orientierung in finsteren Zeiten: Der Schöpfer hat anscheinend aufgeräumt – und wir, so der Unterton, lassen wir besser die Finger von dieser Ordnung. Und besonders praktisch beim Herstellen von Ordnung sind bekanntlich Schubladen (mein Schreibtisch hat auch welche). Die elementarsten Schubladen stehen anscheinend direkt am Anfang der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte: “Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde und er schuf sie als Mann und Frau.” Zwei Schubladen, zwei Geschlechter, mehr ist nicht drin – oder?

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„Weiter Glauben“ von Thorsten Dietz – Eine Rezension

(Christoph Schmieding)

In seinem Buch „Weiter glauben“ nimmt sich Thorsten Dietz, Professor für systematische Theologie am theologischen Seminar TABOR in Marburg, auf knapp 200 Seiten so einiges vor. Bereits der Titel ist ein Spiel mit der Semantik. Denn „weiter glauben“ meint nicht nur ein weiter glauben im biografischen Sinne, spricht also von Menschen die vielleicht mit ihrem Glauben ringen und nach neuen Wegen suchen Glauben zu leben und auszudrücken, sondern eben auch ein „weiter“ in Kontrast zu einem Begriff der „Enge“.

Was ist eigentlich „post-evangelikal“? Eine Kolumne für die Eule.

(Re-Post vom Eule-Magazin)

Wir wollen wissen, was es mit den Post-Evangelikalen auf sich hat. In unserer neuen Kolumne post-evangelikal befragen wir deshalb Christoph Schmieding. Die Post-Evangelikalen sind keine einheitliche Gruppe: Wir wollen verstehen, was sie trotz Unterschieden eint, welche Fragen sie bewegen und welche Antworten sie für sich neu finden.

Welche Religion „gehört“ zu Deutschland? Untiefen und Hinterhalte im politischen Sprachspiel

(Florian Kraemer)

Religionen sind keine Bäume oder Häuser, die irgendwo herumstehen und abgerissen werden können. Religionen leben allein in den Köpfen – meinetwegen auch den Herzen – der Gläubigen. Sie gehören zur Welt der Ideen. Ideen wird man nur los, wenn man die Köpfe loswird, in denen sie stecken. Weshalb der Kampf gegen unerwünschte Ideen in der Geschichte auch meistens ziemlich grausig ablief. Wenn es Religion aber NUR in den einzelnen Gläubigen gibt, dann folgt daraus ganz logisch, dass die Aussage “der Islam gehört nicht zu Deutschland” zwingend die Aussage “die Muslime gehören nicht zu Deutschland” impliziert. Da ist nichts zu rütteln und schönzureden.

Mit „gefährlichen Ideen“ auf der Anklagebank – Zur Diskussion um Manuel Schmids idea Interview zum „Open Theism“

(Christoph Schmieding)

Vor kurzem gab Manuel Schmid, ICF Pastor und Dozent am Theologisches Seminar St. Chrischona in Basel, der idea ein spannendes Interview zu den theologischen Ansätzen des „Open Theism“. Ein spannendes Thema möge man meinen und absolut der Auseinandersetzung wert! Denkt man. Vermutlich hat ein Manuel Schmid selber nicht im Ansatz zu vermuten gewagt, welchen Sturm dieses kurze Interview in eher konservativen, evangelikalen Gefilden letztlich lostreten würde.

Der reiche Jüngling und das Kind im Teich – Exkursionen durchs Nadelöhr

(Florian Kraemer)

Das Matthäusevangelium erzählt die Geschichte eines reichen, jungen Mannes, der Jesus fragt: “Was muss ich tun, um gerettet zu werden?” Die Antwort: “Verkaufe alles, was Du hast und gib es den Armen und folge mir nach.” Eine offensichtlich niederschmetternde Antwort: “Er ging traurig davon, denn er hatte viele Güter.” (Mt. 19, 16-26)
Der Reichtum ist sein Stolperstein. Warum eigentlich?

Individualisierung und Glaube: Über den Generationenkonflikt in unseren freikirchlichen Gemeinden

(Christoph Schmieding)

Wenn Kirche mit ihrem Pochen auf Bekenntnisbekundungen und ihren Egozentrik Vorwürfen jungen Menschen Glauben so dermaßen verdichtet und verengt, ist vorhersehbar, dass ein Großteil der jungen Generationen Kirche und institutionalisiertem Glauben komplett den Rücken zuwenden wird. Einfach, weil der Spagat, der dort von ihnen gefordert wird, sie innerlich zerreißen würde. Kirche muss ihren Weg finden Pluralität zuzulassen, muss es aushalten können, wenn Menschen tradierte Werte und Vorstellungen hinterfragen, um für sich selbst Überzeugungen zu finden, die sie wirklich integrieren, die sie tragen und verantworten können.

Was ist Anbetung heute? – Eine Reise nach Phantasien

(Christoph Schmieding)

Ja, es geht nicht mehr darum Gott ein Rauchopfer zu bringen. Ja, es geht nicht mehr darum einem Gott zu huldigen einfach seiner Heiligkeit wegen. Es geht vielmehr darum in Beziehung zu treten. „It’s all about connection“ sagt wiederum Amanda Cook sehr häufig, ebenfalls prominente Worshipleiterin bei Bethel Music. Es geht darum Begegnung zu suchen, um in dieser Begegnung echt werden zu können, die Blätter abzulegen mit welchen wir unsere Scham bedecken. Es geht um einen Schutzraum, in welchem wir eine geistliche Freikörperkultur leben können, in welchem wir uns nicht voreinander verstecken brauchen, in welchem jeder so sein kann wie er ist, wie er wirklich empfindet, mit seinem Schmerz, seinen Minderwertigkeitsgefühlen und seinen Verletzungen. Wo wir uns zum Affen machen können, wo wir sagen: „Fuck you all – Jesus loves me“ Irgendwie sehr befreiend oder?

Ist Christsein unpolitisch? – Eine Kritik an der Idee des Unpolitischen

(Christoph Schmieding)

Zur Wahl zu gehen, die verschiedenen Fraktionen eines Landestages oder Bundestages direkt wählen zu können, dies ist nur die Oberfläche von dem was wir Demokratie nennen. Die Spitze des Eisberges sozusagen, das was für uns augenscheinlich ist. Es ist aber nicht das Ganze. Demokratie ist viel mehr. Demokratie ist der Bau unter der Wasseroberfläche, der Grund auf dem wir als Gesellschaft stehen, die Basis dafür, dass wir freie Wahlen überhaupt durchführen wollen und können. Deshalb erschöpft sich Partizipation auch nicht darin, lediglich zur Wahl zu gehen, sondern geht viel tiefer, ist viel alltäglicher. Wir sind viel politischer als wir denken.