Warum die Bibel kein Handbuch für moralische Gewissensfragen ist

Die Krux mit der Bibel Exegese

Für unsere christliche, religiöse Kultur ist die Bibel heute ein sehr wesentliches, konstituierendes Instrument. Gerade im freikirchlichen und evangelikalen Raum werden religiöse Frage zu aller erst an der Bibel erörtert und tradierte Werte und Vorstellung mit Hilfe dieser diskutiert und belegt. Die Bibel als Textsammlung ist Anker und Argumentationsgrundlage für Dogmatik und Lehrsätze, die, wie man häufig hört, sich eben immer an „Gottes Wort“ messen lassen müssen. Die Auseinandersetzung mit dem Text hat in weiten Teilen, Gott sei dank, vielen Aberglauben und Spiritualismus, aber auch traditionelle, autoritäre Rhetorik ersetzt. Gerade auch im evangelikalen Raum versucht man heute einem „Urverständnis“ der biblischen Texte immer näher zu kommen, versucht den historischen und mentalitätsgeschichtlichen Rahmen der Zeit, in welchem die Texte verfasst wurden, genauer zu skizzieren, um so die biblischen Texte noch treffsicherer zu interpretieren. Ein breiter hermeneutischer Diskurs ist im evangelikalen Raum um die Bibel entbrannt, in welchem sich viele unterschiedliche Positionen oft gar unversöhnlich gegenüber stehen. Da gibt es progressive Denker, wie beispielsweise Siegfried Zimmer, der mit seinen streitbaren Worthaus Beiträgen immer wieder sehr polarisierende Diskussionen anstößt. Da gibt es Traditionalisten, wie Johannes Hartl, die sich vor allem um Exegesetraditionen bemühen und auf die gewachsenen breiten Überzeugungen pochen. Und da gibt es das Lager der „bibeltreuen“ Christen, die besonderen Wert auf eine streng wörtliche Auslegung der Texte legen und teils gute, teils weniger fundierte Argumente aufbringen.


Ein hitziges Ringen um Deutungshoheit

Insgesamt gestaltet sich die Auseinandersetzung im evangelikalen Raum als ein sehr hitziges Ringen um Deutungshoheit, gerade auch in moralischen Fragestellungen. Ist die Bibel nun „homophob“ oder nicht? Wen hat Paulus da denn wie nun genau angesprochen? Für die Einen ist klar, dass Paulus homosexuelle Lebensweisen von heute gar nicht hat ansprechen können, da diese zu seiner Zeit so überhaupt noch nicht lebbar und existent waren, für die Anderen steht da nun Schwarz auf Weiß und ganz eindeutig, dass Paulus sich entsprechend klar geäußert hat und dass dies auch in die heutige Zeit transferierbar sei. Über die moralische Fragwürdigkeit hinaus, ob solcherlei, Dritte betreffende Fragen überhaupt mit Hilfe religiöser Texte erörtert werden sollten, und ein Infragestellens der Ansicht, ob man Paulus denn in allem als unfehlbaren Moralisten verstehen müsse, stellt sich beim Betrachter doch schnell die Erkenntnis ein, dass alle Parteien hier, rein Text bezogen, durchaus nachvollziehbare Argumente vorbringen. Geht man nur von den Texten aus, stellen sich durchaus sehr verschiedene, oft auch gegensätzliche Betrachtungsweisen als gleich streitbar dar und machen auf ein Problem aufmerksam, dass Texte als Medium generell in sich bergen, nämlich das der Polysemie.


Texte sind keine Gespräche

Texte sind immer mehrdeutig. Sie sind nicht gleichzusetzen mit einer Face to Face Situation, wo ich mein Gegenüber bei Verständnisschwierigkeiten befragen kann, wo in einem kommunikativen Prozess Vorstellungen abgeglichen und so zu einem gemeinsamen Verstehen gefunden werden kann. Über Texte kann ich den Autor nicht direkt kontaktieren. Ich kann nur versuchen das Geschriebene zu entschlüsseln. Ob meine Interpretation dann dem entspricht, was der Autor eigentlich hat ausdrücken wollen, das werde ich nie mit absoluter Sicherheit sagen können. Historische Kontextualisierungen und das hermeneutische Einbetten in größere Sinnzusammenhänge kann in Verstehensprozessen helfen, bei so alten und umfangreichen Textsammlungen wie der Bibel wird dieser Prozess aber nie wirklich zu einem Ende finden und niemals verschiedene Interpretationen letztlich klar als richtig oder falsch beweisen können. Texte sind immer abhängig von Interpretation. Sie existieren letztlich nur im Rahmen von Interpretation. Sie sind kein konkreter Gegenstand, sondern eine Sammlung an Zeichen und Symbolen, die wir deuten müssen.


Die Polysemie liegt bereits im Wesen der Sprache

Um das deutlicher zu verstehen, muss man vielleicht das Wesen von Sprache einmal tiefer reflektieren. Sprache an sich ist bereits per se abstrakt. So unterscheidet man in der Linguistik zwischen Signifikant (Bezeichnendes) und Signifikat (Bezeichnetes). Diese Differenz ergibt sich aus der Mittelbarkeit von Sprache. Nehmen wir beispielsweise den Begriff „Baum“ – Vorerst ist dies ja nichts weiter als ein Laut, oder ein Morphem. Mehr oder weniger also ein willkürliches verbales oder schriftliches Zeichen, das auf etwas konkretes verweisen soll. Spreche ich nun „Baum“ aus, wird dieses Zeichen von meinem Gegenüber als solches wahrgenommen und gedeutet, was bei diesem wiederum eine Vorstellung, ein Bild abruft. Wichtig hierbei ist, dass dieses Bild, diese Vorstellung in der Regel abhängig ist vom jeweiligen Kontext. Also sowohl wie ich dieses selbst in meiner Rede in einen Sinnzusammenhang mit anderen Zeichen stelle, als auch, welche Vorkenntnisse, oder Vorstellungen mein Gegenüber mit diesem Zeichen bereits verbindet. Denke ich als Europäer bei „Baum“ vielleicht an eine große, buschige Linde auf einer grünen Wiese und will den Begriff entsprechend verwenden, ruft das Zeichen bei meinem, möglicherweise israelischen oder arabischen, Gesprächspartner vielleicht das Bild eines knorrigen Olivenbaums in einer steinigen Wüstenlandschaft ab. Beides mögliche Deutungen des Wortes „Baum“, die sehr unterschiedliche Assoziationen und Konnotationen bergen. Wenn dies nun schon bei so gegenständlichen Dingen so different ist, wie verhält es sich da erst bei abstrakten Begriffen wie beispielsweise Liebe, Sexualität oder Ehe?


Sprache ist immer verweisend, nie konkret

Sprache ist nie wirklich eindeutig. Ihr Wesen ist das zeichenhafte, das Verweisende. Wir wissen selbst wie schwierig die Verständigung manchmal bereits im direkten Gesprächen sein kann. Um wie viel größer wird also das Potential des Missverstehens bei einem Text sein, einem nochmals abstrakteren Mittel, bei dem ich nicht die Möglichkeit habe aktiv Rückfragen zu stellen. Der Text lässt den Leser mit den Zeichen letztlich gänzlich allein. Und spätestens das ist der Moment wo die Signifikate anfangen zu schwimmen, und wo auch der Leser schwimmt und sich einen Reim auf die Zusammenstellung von Zeichen und Symbolen machen muss, die wir Text nennen.

Kohärenz entsteht im Kopf

Paul de Man, ein amerikanischer Literaturtheoretiker bemühte diesbezüglich einmal die gewitzte Formulierung: „Der Text verspricht sich“. Hiermit weist er einerseits auf das Versprechen hin, dass der Text uns gibt, nämlich Sinn zu stiften, andererseits aber auch darauf, dass der Text dies nicht direkt einzulösen vermag. Er „ver-spricht“ sich nämlich in dem Sinne, als dass der Rezipient den Sinn durch das Ausdeuten der Zeichen schon auch selbstständig in den Text hineinlesen muss, was womöglich dann auch zu ganz anderen Ergebnissen führt, als der Autor sich so vielleicht vorgestellt hat. Wer seine Seminararbeiten mal hat fremdkorrigieren lassen, weiß vielleicht wovon ich rede. Paul de Man spricht hier dann auch von einem „ver-lesen“ des Rezipienten. Man könnte auch sagen – einem sinnstiftendem Glattlesen. Positiv ausgedrückt kann man hier gerne auch von Hermeneutik sprechen. Um diesen „Versprechern“ des Textes auf die Spur zu kommen, und das „ver-lesen“, also das sinnstiftende Glattlesen von Texten aufzudecken, hat de Man ein bewusstes „gegen den Strich“ lesen von Texten als Methode vorgeschlagen. Eine Anti-Hermeneutik wenn man so will. Populär gemacht hat diesen Ansatz parallel zu de Man vor allem auch Jacques Derrida, der hierfür auch den Begriff der Dekonstruktion etablierte. Hier geht es darum, gezielt innezuhalten im Leseprozess, um einmal genau zu schauen, was eine Formulierung, oder ein Begriff tatsächlich für eine „Streuung“ am Deutungshorizont provoziert. Statt einen Text „unbewusst“ einfach verstehen zu wollen, will man hier also „bewusst“ nicht verstehen, was die viele Ungereimtheiten, Ungenauigkeiten und letztlich auch die Polysemie von Texten offenbart. Im Alltag halten wir unsere Lesart meist für absolut selbstverständlich, merken jedoch nicht, dass diese oftmals weniger am Text selbst begründet ist, als vielmehr in unserem Kopf passiert, in unserem Logos, der nämlich sinnstiftend eingreift und die Zeichen in einen kohärenten, verdaulichen Zusammenhang bringt. In der Textlinguistik sagt man daher auch gerne „Kohärenz entsteht im Kopf“ und meint damit letztlich, dass erst durch ein angelerntes Glattlesen der strukturellen oder semantischen Ungereimtheiten im Text eine kohärente Logik entsteht, oder wie Derrida sagen würde, sich konstruiert.


Der Tod des Autors und die Geburt des Lesers

Ausgehend von solcherlei Reflexion, hat die Literaturwissenschaft Ende des 20. Jahrhunderts einen radikalen Paradigmenwechsel vollzogen. Galt es vormals in der Literaturbesprechung als wesentlich das Genie des Autors herauszuarbeiten, also herauszustellen was Homer, Goethe oder Schiller uns mit ihrem Werk haben sagen wollen, gilt der Fokus nun viel stärker dem Text selbst. Man will weniger etwas heraus lesen, was der Autor vielleicht hinein gelegt hat, als vielmehr schauen was der Text aus sich selbst an Deutungsmöglichkeiten hervorbringt. Gegen den Biographismus des Literaturbetriebs seiner Zeit postulierte Roland Barthes so 1967 „den Tod des Autors“ und damit „die Geburt des Lesers“. Der Leser hat sich im Zuge der Textkritik emanzipiert vom Werk des übermächtigen Autors, und dieses damit erst zu einer empirischen Betrachtung freigeschaufelt. Bezogen auf die Bibelexegese heißt das, dass Kontextualisierungen, historische Forschung und auch die tradierten, exegetischen Diskurse sicherlich von hohem Wert sind, sie jedoch nicht darüber hinwegtäuschen sollten, dass wir es hier mit Diskursen zu tun haben, die sich nicht immer zwingend aus dem Texten selbst ergeben. Die Texte geben oftmals eben keine klaren Bedeutungen vor. Das zeigt uns die heutige Diskussion und die Diversität der unterschiedlichen Positionen und Interpretationen, die sich aus der Textarbeit ergeben. Wir sind gefordert uns hier als Leser zu emanzipieren und uns zu den verschiedenen Interpretationen aktiv zu verhalten. Den einen Ursprungstext, den einen universellen Gottesgedanken, das übermächtige Genius – all das wird sich in den Texten so universell nicht mehr finden lassen. Primär wird uns vor allem das im Text begegnen, was wir von uns selbst an ihn herantragen, was wir an Verstehenshorizont und Glattlesestrategien bereits mit uns bringen. In diesem Sinne kann man auch gerne bewusst mal aktiv gegen den Strich lesen, um sich selbst einmal zu hinterfragen. Es tut meist auch nur ein bisschen weh.


Die Bibel ersetzt keine Gewissensarbeit

Die Bibel kann in vielem somit nicht als der Anker für Gewissenesfragen herhalten, den viele manchmal gerne hätten. Ein: „Das steht so in der Bibel“ gibt es in den meisten Fragen so einfach nicht. Da würden wir einer Illusion hinterherlaufen, nur um uns die ernste Arbeit zu ersparen. Die Bibel ist oft sperrig, uneindeutig, schon mal widersprüchlich und uns kulturell meist auch sehr fremd. Wer „Bibeltreue“ als Wesenszug seines Glaubenslebens ansieht, sollte sich vielleicht einmal fragen, ob seine Treue hier tatsächlich den Texten gilt, oder doch eher den eigenen tradierten, sinnstiftenden Vorstellungen, die man an die Texte mit heranträgt. Der Text lässt da viele Spielräume und ist daher als Kompass für moralische Gewissensfragen nicht zwingend ein zuverlässiges Instrument. Ich würde mir wünschen, dass man sich in der evangelikalen Welt, die ich wegen ihres ernsthaften, innigen Glaubens sehr schätze, mehr zutrauen würde sich ernsthaft zu emanzipieren. Dass man nicht nur die Päpste von gestern gegen die Bibelinterpretationen von heute eintauscht und so letztlich einfach weiter macht wie bisher. Dass es hier echten Mut gibt Moral offen zu diskutieren, auch wenn es mal wehtut oder liebgewonnenen tradierten Vorstellungen nicht entspricht und man in sich da vielleicht mal Konflikte spürt. Es ist wichtig, dass man Moral nicht in kirchlichen Traditionen erstarren lässt, noch diese zwischen zwei Buchdeckel tackert und mit Leseanleitung vergräbt, in der Hoffnung, das wird alles schon so stimmen irgendwie. Es ist wichtig, dass Moral etwas lebendiges bleibt, über das wir reden, weil es Menschen betrifft und weil wir unser Leben darauf gründen. Wir sind als Christen zu einem authentischen, aktiven und selbstbewussten Glauben und Leben berufen. Die Bibel kann uns da die Verantwortung nicht abnehmen. Unterschiedliche Interpretationen kann und soll man zu den Texten haben, doch immer in dem Bewusstsein, dass diese nie absolut sein können, dass wir uns austauschen müssen, dass wir auf andere Menschen, andere Lebenslagen und andere Ansichten eingehen sollten. Die Bibel als Pfand für seine eigenen Ansichten und Traditionen in den Ring zu werfen ist ein unfairer, und letztlich auch ängstlicher Move, der am Ende weder den Texten, noch den Autoren, noch den Lesern gerecht wird. Reden wir über die Dinge, authentisch und ehrlich. Authentizität und Ehrlichkeit ermöglichen uns erst eine ernsthafte Gewissensarbeit, weil es erst dann wirklich um uns geht, als Menschen. Ehrlichkeit befähigt uns zu vernünftiger Überlegung und zur Empathie für andere. Vernunft und Empathie sind es letztlich, die uns als Menschen ausmachen und uns befähigen zu einem gerechten und liebevollen Handeln.


Photo by Jason Leung on Unsplash

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