Die Krux mit den progressiven Gedanken

Warum progressive Gemeinden oftmals stagnieren

Ich bin evangelikal aufgewachsen. Ja, ich bin mit einem recht treuen, naiven Bibelglauben groß geworden und ja, ich habe diesen später, auch durch mein Studium und dem damit verbundenen Rauskommen aus der christlichen Blase, in Frage gestellt. Ja, auch ich habe mich an Zweifeln und einem „nicht Loslassen können“ abarbeiten müssen und bis heute beschäftigt mich mein Glaubensweg zu tiefst. Noch immer bin ich in Auseinandersetzung mit meiner einstigen Sozialisation und meinem „Glauben wollen, doch oftmals nicht können“. Und ja, noch immer beschäftigt mich die evangelikale, in meinem Fall auch charismatische, Szene, weil sie mir in meiner Kindheit und Jugend einst Heimat war.

Heute verstehe ich mich als progressiver Christ. Als ein Mensch, der von der Nächstenliebe Jesu genauso geprägt ist, wie vom humanistischen Gedanken, der an den Menschen und dessen Potential Gutes hervorzubringen glaubt. Für mich gibt es keine Trennlinie zwischen Welt und Christentum. Keine Trennung zwischen Religion und Wissenschaft. Keine Unstimmigkeiten zwischen Glaube und Humanismus. Ich stehe mit beiden Beinen in der (Post-)Moderne und suche und finde Gott genau dort – Im gutem Miteinander, in der Philosophie, im Ideal einer gerechten Gesellschaft (…). Ich lebe nicht mehr in einer geschlossenen religiösen Gemeinschaft, einer Blase, die mir maßgebend welterklärende Narrative an die Hand gibt. Ich bin open minded, lass mich von vielerlei Seite inspirieren und finde Gott an Orten, wo ich ihn früher kaum vermutet hätte.


Von einer Blase in die nächste

Gemeindlich bewege ich mich in progressiven Kreisen oder besser, in kleinen Gemeinden, die sich einstmals im evangelikalen, freikirchlichen Rahmen gegründet haben, diesem Rahmen mit der Zeit aber entwachsen sind. Oftmals auch durch intensive Beschäftigung mit progressiver Theologie und liberalen Themen. Für mich ist heute zu weiten Teilen selbstverständlich, dass man progressive, post-moderne Ansichten und Glauben eloquent miteinander verknüpfen kann. Heute ist mir zu weiten Teilen auch fremd, wie ich je anders hätte ticken und denken können. Heute umgeben mich primär Menschen, die da einen sehr ähnlichen Lebensweg gegangen sind und hoppla, – da frage ich mich natürlich, ob ich mittlerweile nicht erneut in einer Blase gelandet bin, in einer post-evangelikalen Blase sozusagen.


Willkommen im Ex-Evangelikalen Club

Aufgewachsen bin ich in der Vineyard Bewegung und den Jesus Freaks in Hamburg. Beides Gemeindegründungsbewegungen, die von Beginn an unüblich viele kirchenferne Menschen angesprochen haben. Bei den Freaks in Hamburg war es völlig normal, dass ein Großteil der Menschen, die sich dort versammelt haben, Gott und Glauben erst als junge Erwachsene für sich entdeckt hatten. Wenn ich mich heute jedoch in den progressiveren, jungen Gemeinde so umschauen, muss ich manchmal fast erschrocken feststellen, dass die Mehrheit der Menschen dort hingegen eine ganz klassische evangelikale, meist gar pietistische Vergangenheit mitbringen und in der Regel bereits christlich aufgewachsen und sozialisiert sind. Desweiteren sieht man, dass solche Gruppen dann auch fast ausschließlich wieder Menschen gleichen Milieus anziehen. Das ist einerseits natürlich schön, weil progressive Gruppe so Menschen ein Zuhause geben, die sich von Gemeinde sonst eher distanziert hätten, aber – sein wir mal ehrlich – letztlich ist das ein verschwindet kleines Milieu das dort zusammenfindet, eine sehr spezielle Spezies innerhalb des Christentums – irgendwo zwischen Landeskirchen und evangelikalen Freikirchen. Irgendwo im Niemandsland. Eine Gruppe für die sich eigentlich kein Schwein interessiert, außer eben, man teilt diesen einen, speziellen Lebensweg miteinander.

So erklärt sich vielleicht auch, warum progressive Gemeinden, im krassen Gegensatz zu den extrovertierten, modernen evangelikalen Gemeindebewegungen wie ICF, Hillsong oder Hope City Church, in ihrem Gemeindewachstum oftmals stagnieren und ihre progressiven Gedanken so auch nicht wirklich fruchtbar werden in der Gemeindelandschaft in Deutschland.


Es muss auch anders geh’n…

Ich persönlich empfinde diesen Umstand als sehr, sehr schade und oftmals auch als frustrierend. Ich finde es frustrierend, wenn Gemeindemitglieder meine Gemeinde verlassen, weil dort „nicht genug rüberkommt“, weil ihnen die Reflexionen nicht reichen, sondern man mehr erwartet von Gott und Glaube – Mehr Begeisterung, mehr Überzeugungskraft, mehr Tiefe (…) Ich persönlich finde es schade, dass Christen, die eine Gemeinde vor Ort suchen, vielleicht ein-, zweimal reinschauen, um dann zu sagen: „Ne, das ist nicht was wir suchen, das ist uns zu verkopft hier“ – und dann lieber zu einer Gemeinde in einem weiter entfernten Stadtteil fahren. Ich finde es schade, wenn man als progressive Gemeinde nur noch sehr punktuell Menschen ansprechen kann, und weder Evangelikale, noch Kirchenferne mit seinen Angeboten erreicht.

Ich bin jemand, der gerne für seine Ideen und Werte eintritt, jemand der gerne andere begeistert und überzeugt. Jemand, der nach vorne denkt und Wachstum und Progression auf dem Schirm hat. Ich würde gerne sehen, dass progressive Gemeinden wachsen und dass ihre guten Ideen Anschluss finden in Kirche und Gesellschaft. Dass sich unsere Gedanken multiplizieren und andere auch begeistern.

Daher möchte ich im Folgenden einmal sieben Punkte ansprechen, bei denen ich denke, dass man hier viel Spielraum, viel Potential hätte, um als progressive Bewegung für Menschen, die Gott suchen, wirkliche ein attraktives Angebot und einen Unterschied machen zu können.


1. Progressive Gemeinden dürfen nicht zur Selbsthilfegruppe verkommen

Progressive Gruppen müssen aufpassen, dass sie sich nicht nur als exklusives Familytreffen für Ex-Evangelikale verstehen. Wenn Predigten primär in dem Tenor stattfinden: „So denken Fundis, und so denken wir halt nicht mehr“ – dann bekommt man als Außenstehender, vielleicht sogar als jemand, der sich erst neuerdings für den Glauben interessiert, schnell den Eindruck vermittelt, in einer Selbsthilfegruppe von Ex-Sektenmitglieder gelandet zu sein. Im Ernst Leute: Kein Hintern, der eine Gemeinde sucht oder Fragen zum Glauben hat, interessiert sich für unsere Abgrenzungsdebatten. Zudem sind viele Themen, die in pietistischen Kreisen so unterwegs sind, viele moralische Vorstellung, für den Normalmenschen, der nicht einer solchen Blase aufgewachsen ist, so dermaßen ab vom Schuss, der dieser den ganzen Diskurs an der Stelle überhaupt nicht wirklich nachvollziehen kann. Weiter – als Pädagoge unterstütze ich selbstredend den Gedanken der Allgemeinbildung von Herzen – aber, wenn man für jede zweite Sonntagspredigt einen Bachelor Abschluss in Geisteswissenschaften braucht, um dem Thema folgen zu können, dann läuft da irgendwas verkehrt. Dann hat man irgendwie als Gemeinde den Anschluss zur Normalbevölkerung verloren. Theologie ist wertvoll und wichtig, aber auch absolut eins der nerdigsten Fächer, die man studieren kann – und das sage ich als jemand der Literaturwissenschaften studiert hat.  Lassen wir die ganzen Diskussionen doch lieber in den Podcasts, in den Blogs, in den Facebook Diskussionen oder ebend in speziellen Kleingruppen oder Themenabenden, die sich explizit theologischen Fragen widmen wollen. Da passt das. Es hat aber nichts im Sonntagsgottesdienst zu suchen. Um ein positives, offenes Gottesbild zu transportieren, muss ich nicht irgendetwas über Dekonstruktion und Pyrotheologie referieren. Das zeigt einfach nur, dass man sich nur mit der eigenen Gruppe beschäftigt und die Menschen, vor allem auch die Gäste die kommen, überhaupt nicht im Fokus des Interesses stehen.


2. Dekonstruktion ist wichtig – aber es müssen auch neue Überzeugungen her

Die Auseinandersetzung mit evangelikalen oder pietistischen Glaubenssätzen und Weltbilder ist gut und wichtig. Hier Kritik zu äußern und Gegenentwürfe zu liefern, das ist letztlich auch Aufgabe der progressiven Theologie. Wichtig hierbei ist allerdings, nicht bei Kritik und der Dekonstruktion alter Glaubenssätze stehen zu bleiben, sich immer nur am Anderen, am Alten abzuarbeiten, sondern wirklich auch zu neuen Überzeugungen zu finden, die man dann auch wirklich abfeiert, für die man einsteht, für die man wirbt! Wenn man nach dem Dekonstruktionsakt letztlich vor dem Nichts steht, hat man definitiv etwas falsch gemacht und kann seinen Club eigentlich auch gleich dicht machen. Was hat man dann noch anzubieten? Dekonstruktion heißt nicht nur zu kritisieren, sondern auch immer zu schauen, was da alles noch geht. Wir müssen in die Vielfalt der Möglichkeiten gehen und das wirklich feiern, was wir dort finden. Wir müssen zu unseren Überzeugungen und neuen Ideen stehen und zwar indem wir sie wirklich für sich selbst sprechen lassen und nicht nur als Oppositionsprodukt der Auseinandersetzung mit den Evangelikalen.

„Gott ist Liebe. Gott steht für Gerechtigkeit. Gott hat Interesse an einem guten Miteinander, an einer gerechten Gesellschaft. Gott hat ein Interesse an der persönlichen Entfaltung eines Jeden. Gott hat gute Gedanken über uns. Du kannst Gott selbst entdecken und deine eigenen Erfahrungen machen (…)“

Wir haben so viele gute Gedanken für die wir einstehen können. Die echt was rocken. Die einen Unterschied machen. Die auch Menschen inspirieren, die bisher kaum Kontakt mit Glaubensfragen hatten. Darauf sollten wir uns konzentrieren. Darauf wirklich Neues zu schaffen und dieses zu kommunizieren, anstatt uns ständig nur von Dingen abzugrenzen, die wir halt nicht mehr glauben wollen oder können.


3. Man sollte seine Spiritualität unterwegs nicht verlieren

Bei aller Kritik die man aus seiner Vergangenheit an praktizierter Spiritualität vielleicht mitbringt, bei allen Fragen und aller Skepsis – als jemand, der in der charismatischen Szene aufgewachsen ist, weiß ich, wovon ich rede – Wir sollten als progressive Christen nicht den ganzheitlichen Aspekt von Glaube aus dem Fokus verlieren. Wenn wir letztlich zu kopflastig werden, fallen wir irgendwann hinten über, einfach weil wir aus dem Gleichgewicht geraten sind. Der christliche Glaube war immer ein Glaube, der die Hände auflegt. Ein praktischer Glaube, der auch anfassen will. Wenn wir uns nur noch um theologische Fragen drehen und den praktisch gelebten und vor allem persönlichen Glauben der Menschen aus den Augen verlieren, dann ist vorprogrammiert, dass wir irgendwann zu einem selbstbezüglichen Nerd-Club im Niemandsland verkommen. Glaube lebt aus der Praxis. Hierfür ist es sicher auch hilfreich, nicht alle alten Formen von Spiritualität über Bord zu werfen, sondern auch zu schauen, wie man die alten Formen wieder mit neuem Leben füllen kann. Wir sollten die Schätze unserer christlichen Tradition in unserer Skepsis nicht einfach negieren, sondern schauen wie wir sie entstauben und vielleicht etwas entmythologisieren und emanzipieren können. Parallel kann man natürlich auch neue Formen suchen. Völlig neues entdecken, oder vergessenes wiederentdecken mit dem man neu kreativ umgehen kann. Wichtig ist nur, Glauben wirklich auch praktisch zu leben. Im gegenseitigen Austausch und zur gegenseitigen Erbauung.


4. Ohne Gebet kann man Gott nicht anfassen

Ein Ausspruch, der mir einmal in einem Gespräch gekommen ist und der sich bei mir sehr tief eingenistet hat. Ich glaube, dass Gebet die wesentlichste aller christlichen Glaubenspraktiken ist. Gebet hilft, sich direkt auf Gott zu konzentrieren und dies auch in Gemeinschaft mit anderen Christen zu tun. Für mich ist auch die Worship Kultur der freikirchlichen Szene eine sehr ursprüngliche Form des Gebets. Hier haben wir etwas sehr altes, wertvolles neu belebt in den letzten Jahrzehnten. Werfen wir das Potential nicht einfach über Bord, sondern füllen und entdecken wir es neu. Gebet kann Räume schaffen, wo wir sehr ehrlich und authentisch werden können, wo wir zu uns finden können – wo wir versuchen uns sehr direkt und ehrlich auszudrücken. Wo wir uns outen können, als Mensch, ohne Angst vor Zurückweisung. Gebet kann die Kraft sein, die es uns ermöglicht warmherzig und authentisch zu sein und dies unseren Mitmenschen gegenüber auch zu leben. Und das ist es doch worum es in den Evangelien geht oder nicht?

Ohne Gebet wird Glaube schnell stumpf, wird Glaube schnell fade und unpersönlich. Gebet ist, was uns an Gott hält, wo wir uns öffnen und eine Basis schaffen, Gott auch wirklich wahrzunehmen. Gerade in progressiven Gruppen beobachte ich hingegen, dass Gebet als Praxis dort oftmals immer weniger stattfindet. Das finde ich sehr schade. Denn ich glaube Gebet ist wirklich etwas, was den christlichen Glauben insbesondere auszeichnet. Wie auch in einer Liebesbeziehung, die von intellektuellen Austausch wie körperlicher Nähe gleichermaßen lebt, muss man auch in der Glaubensbeziehung darauf achten, ganzheitlich an die Sache heran zu gehen. Nur so kann man seine Bindung, seine Connection wirklich halten. Man muss Glauben nicht nur denken, sondern auch anfassen können. Und Gebet ist da sicherlich das wesentlichste Medium.


5. Auch progressive Gemeinden brauchen Vision

Warum haben Gemeindebewegungen wie ICF oder die City Churches solchen Zulauf? Weil sie eine Vision haben. Eine Idee, ein Ziel, wo sie hin wollen und was sie auch klar formulieren können. So kann man junge Leute, die aus ihrem Leben noch was machen wollen, zur Mitarbeit motivieren. So kann man Menschen mit Hineinnehmen in eine Arbeit, Identifikation stiften. Viele junge Menschen wollen sich gerne in Gemeindearbeit investieren. Für mich war dies auch, mein Leben lang, ein sehr wichtiger Pfeiler meiner Identität. Aber junge Leute, die auch noch die Energie und Zeit haben etwas zu reißen, die wollen ihre Energien heute auch nicht verschwenden. Daher ist eine Idee, ein Ziel, dass man als Gemeinde verfolgt, so immens wichtig. Wissen wir als Gemeinde nicht, wo wir vielleicht in fünf, sechs Jahren einmal sein wollen, wen wir als Zielgruppe erreichen wollen, wovon wir träumen, dann wird das kaum jemand ermutigen genau dort seine Zeit und Energie zu investieren. Viele junge, progressive Gemeinden und Gruppen engagieren sich heute sozial, wollen gesellschaftsrelevant sein. Das ist gut – das ist gelebtes Reich Gottes! Doch das wird nicht das sein, was Menschen letztlich in die Gemeinschaft einbindet. Angebote sich sozial zu engagieren gibt es zu hauf, dafür muss ich mich nicht in einer Gemeinde engagieren. Das ist nicht worum es geht. Wir müssen schauen, was wir als Gemeinschaft wollen, wen wir ansprechen wollen, wer gut zu uns passt. Für wen unsere Gemeinschaft eine Bereicherung wäre, und wer uns bereichern könnte. Der Blick muss nach außen gehen, der Blick muss nach vorne gehen! Wenn wir Gemeinde nur als Wohnzimmerclub, als private Wohlfühlveranstaltung mit unseren Freunden leben, damit zufrieden sind, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn unsere Arbeit stagniert und am Ende gar scheitert.


6. Progressive Gruppen sind oftmals sehr isoliert

Progressive Gemeinden wurschteln oftmals ziemlich alleine vor sich her. Weder gibt es in der Regel eine Gemeindebewegung, der man sich zugehörig fühlt, noch pflegt man intensive Kontakte zu den Landes- oder Freikirchen vor Ort. Ein Großteil der Mitglieder in progressiven Gruppen kommen eher aus dem freikirchlichen Bereich und haben so oft auch wenig Anschluss zu den großen Staatskirchen, denen man theologisch näher stünde als so mancher Freikirchen. Für sich alleine, kann man aber natürlich wenig reißen – es hat einen ja letztlich auch niemand auf dem Schirm. Wer soll da denn die Gottesdienste besuchen kommen? Ich glaube, auch für progressive Gemeinden ist es wichtig, dass sie sich auf kurz oder lang innerhalb der freikirchlichen Szene vor Ort vernetzen. Wir sollten wieder an übergemeindlichen Veranstaltung teilnehmen und uns selbst nicht völlig ins Abseits stellen vor Ort. Hier und da wird man so vielleicht seine Abwehrhaltung daher einmal überdenken und versuchen müssen wieder etwas konstruktiver zu sein. Eine Bewegung, die sich nur aus der Abgrenzung heraus definiert, ist schon in ihrem Kern wenig gesund. Es ist schon wichtig, auch als progressiver Christ, irgendwie auch weiter Teil eines Ganzen zu bleiben. Und sei es auch als linker Flügel, oder gar fundamental Opposition. Wenn man das Parlament hingegen einfach unter Protest verlässt, und nur außerparlamentarisch Stunk machen will, vergessen einen die Menschen schnell und man wird mit seinen Themen auch kaum den Diskurs mit prägen können.


7. Wir müssen uns als progressive Szene mehr vernetzen

Die Progressive Szene muss sich stärker formieren und vernetzen. Das passiert zum Glück auch schon viel. Wir brauchen eigene Kanäle und Formate, wo wir Gemeinschaft leben und uns Austauschen können. Am besten auch ein eigenes mediales Sprachrohr mit dem wir gegen PRO Media und Idea ordentlich anstinkern können, mit dem wir gesehen werden. Veranstaltungen wie das „Fest der gefährlichen Ideen“ oder Netzwerktreffen wie die „Tribus“ Konferenz in der Mosaik Düsseldorf sind da schon sehr spannende Formate. Lässt man die Landeskirchen einmal außen vor, gibt es bisher leider keine wirklich konsequent progressive Gemeindebewegung in Deutschland. Vielleicht wäre eine Gemeinde Bewegung auch ein eher unpassender Ansatz für progressives Denken. Nachdenken sollte man darüber vielleicht schon einmal. Toll wäre aber, wenn man auch auf Gemeindeebene mehr in Kontakt kommt. Wenn man häufiger gemeinsam Veranstaltungen ausrichten könnte. So würde man nicht nur virtuell, sondern auch persönlich mehr ins Gespräch kommen und zudem seine Sichtbarkeit vor Ort erhöhen. Mehr Vernetzung ist ja vor allem dann ein spannendes Thema, wenn wir als Progressive wirklich das Interesse haben, an der evangelikalen Landschaft heute etwas zu verändern. Wenn wir wirklich noch Teil der Kirche sein wollen und nicht nur Randphänomen. Wenn wir unseren Themen wirklich Gehör verschaffen wollen. Ich glaube es ist wichtig, dass wir Gestalten und nicht nur Kritisieren wollen. Daher braucht es eine konstruktive progressive Opposition in unserer Gemeindelandschaft. Dafür würde ich gerne streiten.


Photo by Javier Allegue Barros on Unsplash

6 Gedanken zu “Die Krux mit den progressiven Gedanken

  1. Super das empfehle ich gerne allen möglichen Freunden von mir die sich gerne abgrenzen. Ich würde mich ja interessieren wie evangelisation im progressiven Bereich aussieht? Das was ich mit bekommen habe ist das man keinem auf die Füße treten will.
    so weit good Night

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    1. Moin Pascal.
      Ja, das ist so eines der Topiks, die da natürlich stark diskutiert werden. Ich denke, je liberaler desto weniger möchte man „Leuten auf die Füße treten“, einfach weil man sein Glaubensangebot nicht mehr als so „exklusiv“ nimmt. Würde aber jetzt auch nicht sagen, dass alle Progressiven generell gegen Mission und Evangelisation eingestellt wären, vielleicht halt kritischer, post-kolonialistischer – man wirbt vielleicht noch für seinen Glauben, will aber keinen Kulturexport mehr machen. Die Grenze ist da allerdings ja schon schwierig auszuloten. Ich frag mich halt inwieweit „bekenntnisorientiert“ und progressiv zusammen geht.

      Vielleicht schreib ich dazu nochmal dezidierter was. Beschäftigt mich grad auch sehr das Thema. Kann da beide Seiten gut verstehen und schwanke da selber noch sehr in meinem Wesen. Generell bin ich aber schon jemand, der auch für das Eintritt was er glaubt und das auch natürlich findet. Ich meine, wenn ich mich politisch engagieren, für eine Partei oder ein Spektrum, dann missioniere ich in gewisser Weise auch, weil ich die Menschen ja überzeugen will, die, nach meiner Ansicht, richtigen Sachen zu unterstützen. Glaub, wenn man das so völlig negiert, dann ist das auch was übervorsichtig. Man kann ja für seine Sache eintreten und Menschen trotzdem ernst nehmen. Viele Menschen erwarten das ja auch. Wenn mich jemand nach meinem Glauben fragt und ich dann nichts mehr zu erzählen hab, wäre das definitiv auch irgendwie komisch.

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  2. Als oller Landeskirchlicher habe ich deine Gedanken mit großer Sympathie gelesen. Habe jedoch ein, zwei Anfragen, die mir so gekommen sind:

    1) Die „Mittel“, die dir so vorschweben (vom Gemeindewachstum und auch Vernetzung d.h. Gemeindeverbund her), die sind nicht post-. Müssen sie ja auch nicht sein. Ich frage mich aber, ob nicht diese Ausrichtung, dieser Wille zum Wachstum, auch das Bedürfnis, eine Rolle zu spielen im Konzert der Freikirchen, nicht einem Sendungsbewusstsein entspringt, das sich nicht nur aber auch aus dem good old Missionsdrang des Evangelikalismus, speist. Jedenfalls ist mir der Duktus aus dieser Ecke bekannt. Die Frage also: Wäre es nicht Zeit, auch diese Mechanismen bzw. „Mittel“ zu hinterfragen, nicht nur den Inhalt deren sie sich bedienen?

    2) Finde ich es schade, dass Du die Landeskirchen als Gesprächspartner und Anlaufpunkte für post-Evangelikale (fast) ausschließt. Meine Erfahrung geht in eine andere Richtung. Ich glaube, dass viele landeskirchlichen Gemeinden ein wirkliches Angebot für „Euch“ haben, weil sie ein progressives theologisches Profil mit zwei Dingen verbinden, die hier fehlen: 1) einer natürlichen Ausrichtung auf Vielfalt und Freiwilligkeit, die Raum lässt für unterschiedliche Frömmigkeiten und Veranstaltungs-Vorlieben (deine Punkte 2-4) und 2) weil sie – vielleicht manchmal zu sehr – in ruhigen Fahrwassern dahin gleiten, d.h. sie bieten Räume des Nachdenkens und Ankommens, ohne für ein neues (sei es auch progressives) Projekt eingespannt zu werden. Ihnen mag vielleicht die von Dir geforderte „Vision“ fehlen (siehe meinen Punkt 1), aber ist nicht gerade das etwas, was „ihr“ braucht? Statt nach dem nächsten Hype, der nächsten Selbstvergewisserung zu trachten?

    Alles in allem: Mich erinnert das in deinem Text häufig anzutreffende „müssen“ an den Druck zum Glaubenserweis, den ich aus evangelikalen Kreisen kenne. „Ihr“ müsst gar nichts. Und wenn „ihr“ kleine Gruppen bleibt, die sich für sich oder am Rande einer anderen Gemeinde treffen, in denen Menschen geistlich gesunden können und dann später ihren Weg (woanders) weitergehen – ist doch auch ok? Oder anders und frommer gesagt: Lasst euch doch an der Gnade genügen …

    PS: Und als allerletztes, weil ich es wirklich ärgerlich finde: Religionsgemeinschaften, die Kirchensteuer einziehen lassen, sind nicht automatisch „Staatskirchen“. Der damit verbundenen Vorwurf der staatskonformen Verkündigung an die röm.-kath. Kirche, die evangelischen Landeskirchen, aber auch die jüdischen Kultusgemeinden ist hanebüchen. Und ich finde ihn auch nicht mehr lustig, auch wenn er hier mal aus der post- und nicht der original evangelikalen Ecke kommt.

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    1. Danke für dein Kommentar. Ich wollte die Landeskirchen hier keinesfalls ausschließen. Ich glaub auch, dass da für viele Ex-Evangelikale ein guter Ort wäre, wieder neu Anschluss zu finden, keine Frage! Ich würde da deine Kritik eigentlich sogar unterstreichen wollen und auch dort für die Landeskirchen als mögliche neue Heimat werben. Ich kenne auch viele, die gerade diesen Weg auch gegangen sind. Problem ist ein wenig, dass landeskirchliche und freikirchliche Kultur halt sehr different sind. Irgendwie versuchen die meisten deshalb doch eher was eigenes zu starten, was zwar neue Inhalte hat, sich kulturell und stilistisch aber an dem orientiert, mit dem man halt sozialisiert und aufgewachsen ist. Das hat man ja auch lieb gewonnen. Das geht von Gottesdienstgestaltung über Kleingruppenarbeit bis hin zu Organisationform. Da sind Landeskirchen und Freikirchen wirklich sehr unterschiedlich unterwegs. Ich denke dieser nötige Kulturwechsel ist es oft, warum die Menschen dann doch nicht den Weg in den etablierten Kirchen finden. Allerdings bewegt sich da ja auch viel, das kann sich schon auch nochmal anders gestalten in Zukunft.

      Zu deinem ersten Punkt kurz: Also ich schreib da natürlich als jemand, der auch bereits viel selbst in Leitungsverantwortung in Gemeinde war, da hat man halt nochmal ne andere Perspektive, weil man natürlich eine funktionierende Arbeit aufbauen will und auch muss. Progressive Gemeinden sind ja oft sehr klein, was schnell dann auch zu Burn Outs der Engagierten führt und so eine Arbeit dann schnell auch vor dem Aus steht. Ich denke ein gewisser Wachstum zu einer gesunden Gemeindegröße ist schon gesund und trägt bei, dass das Ganze auch funktioniert. Das kriegen halt manche Gruppen besser hin als andere. Wenn man sich halt so stark verengt auf ein sehr bestimmtes Milieu und sich da hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt, ist das keine gute Ausgangsvoraussetzung. Als Leitung muss man sich mit solchen Fragen natürlich ein stückweit schon auch auseinandersetzen. Mir geht’s da aber auch nicht nur um Attraktivität, sondern vor allem um Funktionalität. Stagnierende Gemeinden haben halt das Problem, dass immer die gleichen Leute da reinbuttern müssen, damit es irgendwie läuft. Wenn man keinen Wachstum hat, oder halt einen gewissen Durchlauf an Menschen, dann brennen die Mitarbeiter natürlich irgendwann aus, vor allem in der Rush Hour des Lebens. Wenn man von einer Aufgabe mal zurücktritt, weil man sich auf andere Dinge konzentrieren möchte oder muss, dann ist da halt niemand da, der den Stab übernimmt. Daran scheitern dann halt auch viele Gruppen.

      Punkt Evangelisation und Wachstum: Klar, hier gibt es unterschiedliche Diskurse in Freikirchen und Landeskirchen. Ich würde sagen man kann auch Evangelisation unterschiedlich verstehen. Ich persönlich denke schon, dass man auch für das eintreten kann und sollte was man glaubt, dafür auch werben kann und soll. Irgendwie fänd ich es komisch, wenn man dies nicht täte. Wenn ich mich politisch engagieren, möchte ich ja auch Leute davon überzeugen, dass meine Standpunkte, oder die meines Spektrums, wichtiger sind als andere gesellschaftliche Projekte. Da hab ich jetzt kein Problem mit. Ich kann ja meine Position vertreten und dafür werben und mein Gegenüber dennoch ernst nehmen. Es muss sich ja wegen mir keiner gezwungen fühlen progressive oder linke Parteien in den Bundestag zu wählen, freuen tue ich mich aber natürlich schon, wenn Menschen sich dazu entscheiden. Bissel Selbstbewusstsein gehört m. E. auch zum Glauben dazu – wer soll dich denn sonst ernst nehmen? Klar, wenn man aus einem sehr fundamental, evangelikalen Rahmen kommt, muss man sich da vielleicht etwas mehr abgrenzen. Generell find ich es aber schon gut und auch nötig für seine Ansichten einzutreten und nicht Anderen da einfach den Diskurs zu überlassen. Klar will ich, dass mehr Evangelikale aus ihrer Matrix aufwachen und sich für die „richtige“ Pille entscheiden.

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