Wenn man den Schuss echt nicht mehr hört!

Eine Brandrede gegen das EAD Statement zu Fragen, die eigentlich niemanden einen Scheißdreck was angehn

„Die Deutsche Evangelische Allianz hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Frage nach dem Verhältnis des christlichen Glaubens zur Homosexualität beschäftigt. In mehreren Foren wurden dabei unterschiedliche Überzeugungen zum biblischen Befund und zum Umgang mit Menschen, die einen gleichgeschlechtlichen Lebensstil praktizieren, vorgetragen. Dieser Austausch war von Wertschätzung, Sachlichkeit und Differenzierung geprägt. Er war hilfreich und weiterführend. Wir wissen um die Brisanz des Themas, um das Problem der Diskriminierung von Homosexuellen in Vergangenheit und Gegenwart, aber auch um Ausgrenzung von Menschen, die sich um ihres Glaubens willen heutigen Mehrheitsmeinungen nicht anschließen können. Bei allem Dissens in Einzelfragen sind uns die folgenden Leitgedanken wichtig.“ (Einleitung: Ehe als gute Stiftung Gottes, Deutsche Evangelische Allianz beschließt Leitgedanken zu Ehe und Homosexualität)

So die Evangelische Allianz in ihrem Statement.

Das ist ja nett, dass sich die EAD einem so brandaktuellem Thema widmet. Großartig. Es ist ja nicht so, dass diese Themen bereits seit Jahren in der christlichen Öffentlichkeit diskutiert wurden. Es ist ja nicht so, dass hier bereits eigentlich alle Standpunkte längst einmal zur Sprache kamen. Und es ist ja nicht so, dass das Thema zunehmend peinlich, dass es vielen zunehmend unangenehm wird, immer weiter darüber zu reden, wie sich Dritte bitte zu verhalten haben. Es ist ja nicht so, dass wir langsam gemerkt haben, dass dies ein sehr persönliches und auch sensibles Thema ist, dass Menschen bis in ihre Identität hinein betrifft. Und es ist ja nicht so, dass wir langsam mal gemerkt haben, dass man vielleicht endlich mal seine scheiß Klappe halten sollte, und dass es irgendwie auch unanständig ist ständig darüber zu quatschen wer hier wen vögelt und wer hier mit wem zusammenleben möchte. Das geht uns nämlich einfach einen Scheißdreck an.


Man höre und staune

Was eine Freunde also, dass die EAD uns jetzt nochmal schön fröhlich und in angenehmer Zurückhaltung in drei Punkten taufrisch auftischt, dass sie den Schuss echt komplett nicht gehört hat:

1. „Menschen sind nach biblischem Zeugnis im Bild Gottes als Mann und Frau geschaffen. Hierin liegt ihre unverwechselbare Identität und Würde.

Nicht nur die gleichgeschlechtliche Beziehung ist also Sünde und unwürdig, sondern gleichsam wird der ganzen Person, die nicht heteronormativ lebt, Identität und Würde als Mensch (vor Gott) abgesprochen. Alta Falta. Klare Ansage.

2. „Die in der Bibel beschriebene homosexuelle Praxis ist mit dem Willen Gottes und damit dem biblischen Ethos unvereinbar.“

Die Bibel ist das Maß aller Moral, Herz und Vernunft haben da nichts verloren. Und unsere Bibelinterpretation, unser Bibelverständnis ist das einzig richtige, wahre, Amen.

3. „Das Evangelium von Jesus Christus fordert die vorbehaltlose Annahme aller Menschen. Darum sollen wir alle Menschen „genauso annehmen, wie Christus uns angenommen hat zur Ehre Gottes“.

Ihr habt als Person zwar keine Würde, und Eure Beziehung ist uns „ein Graus“, aber wir haben uns vorgenommen netter zu Euch zu sein. Wenn Ihr lieb seid, und in der Kirche nicht öffentlich küsst oder Händchen haltet, dann dürft Ihr auch gerne zu unseren Bibeltreffen kommen. Vielleicht lernt Ihr da ja mit der Zeit auch, dass Gott euch eigentlich doof findet, das nur nicht so böse sagen will. – Jaja, deine Mudder.


Auf eure Almosen können wir verzichten

Hut ab liebe EAD – da habt Ihr euch ja wirklich überschlagen in den „vergangenen Jahren“ in welchen Ihr euch „intensiv“ mit dem Thema Homosexualität und christlicher Glaube in „mehreren Foren“ auseinandergesetzt habt. Eure drei Pünktchen, kann ich auch aus dem Hannes Leitlein Interview mit Ulrich Parzany in fünf Minuten schlampig niederkritzeln. Dafür brauch ich weder Auseinandersetzung, noch überhaupt irgendjemand, der eine andere Ansicht vertritt als Parzany. Ganz großes Kino! Wo habt Ihr gepennt die letzten zehn Jahre, war wohl gemütlich da. Habt Ihr eigentlich überhaupt mal irgendjemand zugehört? Ihr hab schon mitbekommen, dass die Ehe für Alle durch den Bundestag ist oder? Dass Volker Beck heute geheiratet hat. (Mein herzlichsten Glückwünsch und Gottes Segen den beiden) Ah, achso, stimmt, dass hätte ich beinahe überlesen: Ihr wollt jetzt Menschen ein bisschen netter diskriminieren. Ja, das ist ja lieb von Euch. Ganz ehrlich – eure Almosen könnt ihr euch schenken. In „Differenziertheit“, „Sachlichkeit“ und gegenseitiger „Wertschätzung“ auseinandergesetzt habt Ihr euch. Ahso. Da frag ich mich doch, wer da wen wertgeschätzt hat. In jedem Fall scheint Ihr euch gegenseitig so in den Himmel „gewertschätzt“ zu haben, dass da für andere, über die Ihr an eurem Tisch geredet habt, nicht sehr viel übrig geblieben ist. Einen schwuler Pastor oder Theologen scheint Ihr in eurer „Expertenrunde“ anscheinend nicht mit zu Tisch gebeten zu haben, denn diesem habt Ihr gerade gemeinsam Schwarz auf Weiß seine Identität und Würde als Mensch aberkannt. Nicht sehr wertschätzend. Aber Sünder bittet man ja auch nicht mit zu Tisch. Außer man will mal ein wenig netter sein. So jesusmäßig. Das wollt Ihr ja nun. Zumindest ein bisschen. Ganz große Klasse.


Euer „mimimi“ ist pure AfD Rhetorik

Nochmal zum Mitlesen:

„Wir wissen um die Brisanz des Themas, um das Problem der Diskriminierung von Homosexuellen in Vergangenheit und Gegenwart, aber auch um Ausgrenzung von Menschen, die sich um ihres Glaubens willen heutigen Mehrheitsmeinungen nicht anschließen können.“

So eine unfaire Scheiße aber auch! Man wird ja wohl als Minderheit noch andere Minderheiten diskriminieren dürfen, ohne dafür diskriminiert zu werden, dass man diskriminiert! Oder so ähnlich.

Sich als Gruppe diskriminiert zu fühlen, weil seine eigene diskriminierende Haltung anderen Lebensformen gegenüber auch als solche bezeichnet wird? Hut ab. Den Move muss man erst mal machen. Da klingt ja schon die Satzlogik, die man dazu entwerfen müsste, völlig absurd. Das ist eine völlige Verdrehung der Realitäten. Das ist AfD Rhetorik. Ne Leute, wenn ihr Gruppen abwertet und in euren Club nicht gleichberechtigt aufnehmen wollt, dann habt wenigstens die Eier auch dazu zu stehn – dann auch den Shitstorm zu ertragen, der zu Recht über euch hereinbricht. Wer sich selbst so ins gesellschaftliche Abseits stellt, und dann bereits in seinem Statement rumheult, sich selbst zum Opfer macht und noch um Verständnis wirbt, der gibt sich wirklich der völligen Lächerlichkeit preis. Ne Leute, das ist armselig.


Eure Ethik hat nicht ein Mindestmaß an Herz und Hirn

Es ist ja nicht so, dass es im christlichen Diskurs und gar in der Bibelexegese seit Jahrzehnten bereits gut argumentierte Ansätze gibt, die selbst Menschen, mit einem fundamentalistischen Bibelverständnis, zumindest mal ansatzweise ins Fragen bringen sollten, ob der tradierten Positionen zu moralischen Fragestellungen. Es ist ja nicht so, dass die Ethik der evangelikalen Christenheit nicht schon seit Jahrzehnten, ob ihrer Doppelmoral, ihrer Inkongruenzen und ihrer offensichtlichen Beschränktheit, im öffentlichen Diskurs angeprangert und an vorderster Front längst von anderen Konzepten, die ehrlicher und authentischer sind, überholt wurde. Wenn Ihr als „bibeltreue“ Christen da so Mühe habt, euch aus euren alten Interpretations-Traditionen wenigstens mal etwas zu lösen und neben euer Bibelexegese menschlich scheinbar zu limitiert seid, um bei solcherlei Fragen auch einmal Herz und Hirn einzuschalten, dann hättet Ihr wenigstens das Mindestmaß an Anstand aufbringen können das Thema, Merkels Beispiel folgend, als Gewissensfrage zu behandeln.

Ihr hättet sagen können: „Wir sind uns da nicht einig. Das ist ein sehr persönliches Thema und da können und wollen wir, als evangelische Allianz, nicht für alle unsere angeschlossenen Gemeinden sprechen. Es ist eine Gewissensfrage, die jede Gemeinde und jede Gemeindebewegung für sich selbst beantworten muss.“

Wenn man sich als evangelischen Allianz schon unbedingt zum Thema Homosexualität als Dritter äußern muss –, dann wäre dies doch wirklich das Mindeste der Gefühle gewesen. Über den Schatten hättet Ihr doch wenigsten springen können. Es wurde euch doch gar gleichsam vorgetanzt. Stattdessen seht Ihr euch genötigt ein Statement, letztlich in unser aller Namen, zu verfassen, dass uns alle gemeinsam ins Abseits, und alle Christen die sich in freien Gemeinden in Deutschland engagieren mit vereinnahmend, an den öffentlichen Pranger stellt. Na herzlichen Dank liebe Genossen.


Kommt mal klar!

Wer seid Ihr überhaupt, dass ihr Euch anmaßt hier irgendwelche Richtlinien vorgeben zu können? Seid Ihr eine Kirche, bin ich bei Euch Mitglied, weil ich zufällig Teil einer freien-, evangelischen Gemeinde bin? Weil ich die Ökumene zwischen den freien Gemeindebewegungen und Kirchen unterstütze und hin und wieder an den Allianz-Gebetswochen teilnehme? Ihr sprecht mit Sicherheit nicht für mich und viele andere Christen, die sich in freien Gemeinden engagieren, noch für viele Pastoren und Verantwortliche im freikirchlichen Dienst.

Wenn wir uns uneinig sind, dann müssen wir damit leben. Aber dann spreche auch bitte ein jeder für sich und bitte Ihr nicht im Namen aller. Ansonsten ersetzt bitte den Begriff „evangelisch“ in eurem Titel mit „radikal-evangelikal“ und verabschiedet Euch damit auch vom Gedanken der Ökumene unter den freien Gemeinden in Deutschland. Der „radikal-evangelikalen Allianz“ geben wir als freie evangelische Bewegung dann gerne auch den nötigen Gegenwind, der nötig scheint, damit Ihr aus eurem Dämmerschläfchen, auf eurem alten, selbstgerechten, evangelikalen Schiffchen, mal ordentlich wachgerüttelt werdet. Ob Ihr dann kentert und in den Wogen der Bedeutungslosigkeit verschwindet, oder das Ruder nochmal herumgerissen bekommt – das hattet Ihr bisher teils noch selbst in der Hand. Aber es entrinnt euch. Wenn Ihr euren Kurs so weiter fahrt, den Dreh nicht kriegt mit der Realität einer heterogenen, evangelischen Gemeindelandschaft vernünftig umzugehen – einer Kirche, die in ihrer Moral und ihrem Gottes-, Bibel- und Glaubensverständnis gewachsen ist, sich emanzipiert hat von den einfachen Regeln von gestern – dann lasst mich Euch weißsagen, dass euer Projekt der „evangelischen Allianz“ pünktlich mit Parzany in die Rente geschickt wird und sich am Ende keiner mehr drum schert, was Ihr vielleicht auch einmal an Gutem und Konstruktivem bewerkstelligt habt. Dann wird die Zeit euer Projekt überholen. Weil Ihr den Anschluss völlig verpasst habt. Den Anschluss an eine Christenheit, die sich emanzipiert hat. Die Eure simplen Antworten nicht mehr braucht, auch weil die Fragen heute viel komplizierter sind. Die sich auch ohne Euch organisieren kann. Ob Ihr in Zukunft noch dabei seid, ob Euer Schiff der „evangelischen Allianz“ auch in Zukunft noch segeln wird, dass entscheidet nämlich letztlich nicht Ihr, sondern die Menschen, die sich zu euch bekennen – oder eben auch nicht.


Photo by Kirsty Lee on Unsplash

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