Ist Christsein unpolitisch?

Was ist mit meinem Recht auf Desinteresse?“

Montags morgens im Seminar der kritischen Bildungswissenschaften an der Universität zu Köln – Das Seminarthema heißt „Erziehung zur Demokratie“. Das Publikum: angehende Lehrer, hauptsächlich geisteswissenschaftlicher Fächer. Die Professorin – ist krank. Meine Referatsgruppe schmeißt das Seminar. Wir reden über politische Teilhabe, über Partizipation und wie wichtig diese ist, um ausuferndem Lobbyismus und postdemokratischen Entwicklungen in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken. Die Studenten sind nur mäßig dabei, wirken wenig interessiert. Ein zähes, typisches Montag Vormittag Seminar. Ein Student meldet sich: „Was ist mit meinem Recht auf Desinteresse?“

Ich bin nicht auf den Mund gefallen. Ich bin eigentlich meistens sogar zu schnell dabei, meine Antworten zu liefern. Ich bin in meinem Element, Bildung ist mein Thema. Doch hier hat der Mensch mich, und meine ganze Referatsgruppe, völlig aus dem Konzept gebracht. Vorerst herrschte Schweigen. Außer einem „Äh, ok?“ meinerseits, gab es nur vereinzelt gemurmelte Zustimmung aus den hinteren Reihen des Seminars. „Was ist eigentlich mit meinem Recht auf Desinteresse?“ Vielleicht war die Frage einfach unerwartet. Wir saßen ja nun im Seminar der Bildungswissenschaften. Die meisten Teilnehmer bereiteten sich darauf vor ein Gymnasial-Lehramt auszuüben. Da rechnet man mit solcherlei Perspektiven nicht. Man lebt in einer Blase von politisch interessierten jungen Menschen, die unseren Kindern und Jugendlichen nahe bringen wollen, was Demokratie ist und warum Partizipation wichtig ist, und Demokratie viel mehr, als nur alle paar Jahre einmal seine Stimme abzugeben.

Nach kurzer Pause hauten wir dann natürlich auch die üblichen Standartpostings raus: „Wenn du nicht partizipierst, nicht politisch aktiv bist, dann kannst du nichts verändern in der Gesellschaft.“ oder „Wenn du deine Stimme nicht einbringst, dann entscheiden die Anderen für dich wie die Zukunft gestaltet wird.“ Aus der ganz linken Ecke des Seminars kam dann vielleicht noch ein „Wer nicht politisch aktiv ist, bleibt braver Konsument und lässt sich vom Kapitalismus ausbeuten.“ Alles sicherlich gute Antworten, aber werden sie wirklich der Frage gerecht? Was ist mit der Idee des Unpolitischen? Gibt es in der Demokratie ein Recht auf Desinteresse? Wann ist man eigentlich politisch und wann nicht?

Das Seminar ist mir hängen geblieben. Nicht nur, weil es generell sehr spannend war, sondern gerade wegen dieses einen Einwurfs von Seiten eines Kommilitonen.


Die Idee des unpolitischen Christen

Ich bin nun Zeit meines Lebens Christ und gemeindlich aktiv und eingebunden. Gemeinde ist mir wichtig und wertvoll. Als gemeindlich eingebundener Christ hat man einen besonderen Vorteil, denn Gemeinden sind in der Regel ein Ort der Vielfalt. In christlichen Gemeinden kommen Menschen verschiedener Altersgruppen, verschiedenster Milieus und mit sehr unterschiedlichen Bildungsbiografien zusammen. So ist man ein wenig gefeiter davor, komplett in einer Blase zu leben, sich nur mit Menschen zu umgeben, die sehr ähnlich ticken. Mit denen man vielleicht zusammen studiert hat. Mit denen man zusammen arbeitet. Die in sehr ähnlichen Lebenslagen sind. Gemeinde bildet Gesellschaft deutlich breiter ab. Dadurch sieht man einfach auch ein wenig mehr von unserer Gesellschaft, hat mehr Einblick auch in andere Milieus, mit denen man im Alltag sonst vielleicht wenig Berührungspunkte hätte.

Auch unter Christen gibt es so natürlich viele Menschen, die sich selber eher als unpolitisch beschreiben würden. Die halt wirklich auch den Wahl-o-Mat anschmeißen, um bei jeder Wahl zu schauen, welche Fraktion sie denn am besten unterstützen sollten. Die wenig oder keine Parteibindung oder bestimmte Präferenzen zu einem politischen Spektrum mitbringen. Die von ihrem Christsein auch eher behaupten, dies sei Privatsache und man wolle dies bewusst nicht politisieren. Doch sind solche Menschen deshalb tatsächlich unpolitisch? Ist man unpolitisch, weil man sich weniger für Parteienpolitik und repräsentative Demokratie interessiert, weil man die Bundestagsdebatten nicht verfolgt? Weil man von sich und seinen Haltungen sagt, sie seien unpolitisch? Ich würde behaupten nein.


Demokratie ist mehr als nur Wahlrecht

Zur Wahl zu gehen, die verschiedenen Fraktionen eines Landestages oder Bundestages direkt wählen zu können, dies ist nur die Oberfläche von dem was wir Demokratie nennen. Die Spitze des Eisberges sozusagen, das für uns Augenscheinliche. Es ist aber nicht das Ganze. Demokratie ist viel mehr. Demokratie ist der Bau unter der Wasseroberfläche, der Grund auf dem wir als Gesellschaft stehen, die Basis dafür, dass wir freie Wahlen überhaupt durchführen wollen und können. Deshalb erschöpft sich Partizipation auch nicht darin, lediglich zur Wahl zu gehen, sondern geht viel tiefer, ist viel alltäglicher. Wir sind viel politischer als wir denken. Wir sind viel aktiver am politischen Prozess beteiligt als wir annehmen. Auch wenn wir uns vielleicht sehr wenig mit der Parteienlandschaft in Deutschland auseinandersetzen, gestalten wir Politik mit, indem wir unbewusst an dem Eisberg mit arbeiten, der das Ganze stützt und überhaupt ermöglicht.

Bietet ihr als Gemeinde vielleicht ein interkulturelles Sprach-Cafè an? Dann handelt ihr politisch. Unterstützt ihr mit eurer Gemeindearbeit finanziell schwächere Menschen? Dann handelt ihr politisch. Betreibt ihr von der Gemeinde aus vielleicht eine Kindertagesstätte? Dann handelt ihr politisch. Ist es euch als Gemeinde vielleicht wichtig unterschiedliche Altersgruppen zusammen zu bringen? Dann handelt ihr politisch.

Politisches Handeln geschieht im Alltag unserer Gesellschaft, nämlich in dem Maße, dass wir mit unserem Handeln als Gruppe, oder auch als Einzelne, den Diskurs in unserem Land mitprägen. Begrüßt ihr geflüchtete Migranten in eurer Gemeinde? Dann ist das ein politisches Statement. Habt ihr ein besondere Herz für allein lebende Senioren? Dann ist das politisch, weil ihr aufmerksam macht auf eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe.

Politisches Handeln heißt, den Diskurs mitzuprägen

Unter Diskurs versteht man, nach Michel Foucault, prägende Ideen, Wahrheiten und Aussagen, die sich aus dem gesellschaftlichen Leben und Miteinander formieren können und uns als Gesellschaft, aber auch Einzelne, in unserer Vorstellungswelt prägen. Diskurse sind der Horizont, in welchem wir verschiedene Themen wahrnehmen und besprechen. In welchem wir uns auch selbst mit unseren Interessen und Haltungen verorten können. Und diesen Horizont gestalten wir praktisch mit, Tag für Tag, auch in unserem Alltag. Wir konsumieren, repräsentieren und reproduzieren diese Diskurse unserer Zeit und manchmal vielleicht kratzen wir sogar an ihnen, weil wir versuchen etwas zu verändern. Unser Handeln als Individuum, vor allem aber als Gruppe, ist maßgebend dafür, wie auch andere mit Themen umgehen können und müssen. Wir stecken mit unserer Haltung den Horizont ab, in dem wir gesellschaftlich kommunizieren.

So ist z. B. auch das Asylrecht ein Diskurs. Ob ich mich ablehnend Migranten gegenüber zeige, oder ihnen offen begegne, mich für ihre Geschichte interessiere und ihnen eine neue Chance in Deutschland wünsche – das macht einen Unterschied im Diskurs. Meine praktische Haltung dazu, mein Handeln an dieser Stelle zählt auch für den politischen Diskurs in unserem Land. Wenn wir als Gemeinde Obdachlosen oder Arbeitslosen helfen, weil wir Menschen auf dem Schirm haben, die in unserer Gesellschaft keinen Platz gefunden haben, dann beteilige ich mich an einem Diskurs. Dann sage ich nicht: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“, sondern zeige, dass wir keinen Menschen abhängen wollen als Gesellschaft, dass eben nicht jeder für sich alleine kämpft, und wer verliert, der hat halt Pech gehabt. Ich präge mit meiner Haltung den Diskurs mit, weil ich Partei ergreife. Ich bin in meinem Handeln politisch, auch wenn mir das vielleicht überhaupt nicht bewusst ist. Was ich und meine Gruppe tun, was wir vertreten, daran müssen andere letztlich vorbei. Wenn ich mich für etwas einsetze, dann muss auch der Andere sich in seinem Handeln mit meiner Haltung auseinandersetzen. Wenn hunderte, tausende Menschen helfen, wenn es heißt Sprachkurse und Begegnungsorte für Geflüchtete zu unterhalten, dann können Pegida und AfD noch so laut rumstänkern, an uns kommt keiner vorbei!


In einer Demokratie ist niemand unpolitisch

Was heißt Demokratie? Bedeutet Demokratie, dass ich das Recht haben alle paar Jahre meine Stimme einzubringen, wenn es darum geht eine neue Regierung zu wählen? Bedeutet Demokratie, dass die Mehrheit entscheidet wer uns regiert, wer die Macht für die nächsten Jahre auf sich bündeln kann und nach der Wahl müssen wir vier Jahre passiv zusehen und warten bis zur nächsten Chance Einfluss zu nehmen? Nein, das wäre ein sehr verengtes, formales Verständnis des Begriffs. Wie wir heute sehen, bedeutet Demokratie sehr viel mehr. Demokratie heißt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der jede Gruppe und jeder Einzelne seine Ansichten, Interessen und Haltungen in einen gemeinsamen Diskurs einbringen, dafür werben und so die öffentliche Kommunikation zu Themen beeinflussen kann. Demokratie heißt, dass wir einen öffentlichen Diskurs führen zu gesellschaftlichen Fragen und Themen, die uns alle angehen und nicht eine Fraktion uns hier diktiert was wir zu denken haben. Sicher, ein wichtiger Rahmen für diese Diskurse ist auch der Bundestag, sind die verschiedenen Landtage oder Stadtrate. Das sind die Orte, wo Vertreter verschiedener Spektren unsere Ideen einbringen, diskutieren und in praktisches, politisches Handeln umsetzen. Dem voraus gehen aber viele Vorgänge, die wir deutlich weniger kontrollieren, die deutlich weniger systematisch funktionieren, die organischer Natur sind. So haben wir breite Diskussionen in unserer freien Medienlandschaft. Bevor Themen ihren Weg in unsere politischen Gremien finden, wurden sie in der Regel bereits breit in der medialen Öffentlichkeit diskutiert. Wir haben freie Universitäten, die, gestützt von der Idee der freien Forschung und Lehre, unabhängig denken können, unabhängig formulieren und argumentieren dürfen. Wir haben die Freiheit unsere eigenen Gesinnungen zu verfolgen – keiner schreibt uns vor, was wir zu denken oder zu glauben haben. Wir könne frei reden in den öffentlichen Medien, in sozialen Netzwerken, wie auch in unserem Familien, in unseren Gemeinden und Vereinen. Das ist, was Demokratie eigentlich meint. Demokratie ist ein Bottom Up Prozess, der versucht Gesellschaft vom Kleinsten bis ins Größte als diskursiven Prozess zu ermöglichen, ein Prozess an dem wir alle Anteil haben, ob nun bewusst oder unbewusst. Man ist Teil dieses Prozesses, ob man nun mag oder nicht.

Sich selbst als unpolitisch zu beschreiben greift da also gewissermaßen ins Leere. Die „Idee des Unpolitischen“ kann es in einer demokratisch organisierten Zivilgesellschaft real nämlich kaum geben. Unser Handeln, unsere Werte, unsere Haltung sind immer politisch, weil privates und öffentliches in einer Demokratie nicht in solchem Maße getrennt ist, wie es in autokratischen oder autoritären gesellschaftlichen Organisationsformen der Fall wäre. Wir leben in gesellschaftlichen Zusammenhängen, die grundlegend different sind, auch von den Strukturen, die den biblischen Texten zu Grunde liegen. Eine strickte Trennung von privat und öffentlich, die einem „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott was sein ist“ zu seiner Zeit noch Sinn verlieh, ist heute so nicht mehr herstellbar. Heute ist alles öffentlich, alles politisch. Wir leben heute nicht mehr in Untergrund Gemeinden, müssen uns keine Parallelgesellschaft bauen, in welcher wir die sozialen Prinzipien des Reiches Gottes konsequent leben, wo wir uns gegenseitig unterstützen in Kontrast zu den Herrschenden unserer Zeit. Heute ist dieses Leben öffentlich. Heute wird es gesehen, muss es nicht versteckt werden und hat so auch Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs, wie auch die praktische Politik in unserem Land. Es macht einen Unterschied und es spiegelt sich, nimmt Gestalt an in der Idee des Sozialstaats, in der Idee des Asylrechts, in der Idee eines gesellschaftlichen Ausgleichs zwischen Arm und Reich. Unsere Idee der Nächstenliebe ist längst auch ein politisches Projekt, ein politischer Diskurs. Sie kann nicht im privaten gehalten werden, sondern sie sucht sich ihren Weg in die Öffentlichkeit. Das christliche ist längst nicht mehr nur Privatsache, weil es das „private“ in einer Demokratie in der Form nicht geben kann.


Warum Politik viel mehr ist, als nur Werte hochzuhalten

Gerade im angelsächsischen, insbesondere amerikanischen Raum wird oft tituliert, dass Christsein sich vor allem als Wertegemeinschaft definiert. Auf den politischen Raum gespiegelt, halte ich diese Idee allerdings zum einen für unrealistisch, zum anderen auch für äußerst problematisch. Denn so kann es kommen, dass z. B. ein Bill Johnson, Leiter der Bethel Church in Redding, eine der derzeit einflussreichsten charismatischen Einrichtungen im amerikanischen Raum, einen Präsidentschaftskandidaten unterstützt, der mit seinem Verhalten so überhaupt nicht das widerspiegelt, wofür wir als Christen doch eigentlich eintreten wollen. Nur weil Donald Trump vermeintlich christliche Werte in oberflächlichen Fragen vertritt, wie den Schutz ungeborenen Lebens, oder die Stellung des christlichen Glaubens in der amerikanischen Gesellschaft stärken will, unterstützen viele Christen hier einen Präsidenten, der in seinem Handeln eigentlich in Allem dem widerspricht, wofür Jesus Christus und der christliche Glaube eigentlich stehen. Ein Präsident der immer wieder durch Ignoranz, Arroganz, Rassismus und Sexismus auffällt, der mit seinem „America First“ Programm internationale Verantwortung zurückschrauben will und primär an dem Fortkommen seiner eigenen Gruppe interessiert ist. Wie passt das Zusammen mit einer Kirche und einer Christenheit, die sich sozial engagiert, die Verantwortung für die Abgehängten ihrer Gesellschaft übernimmt? Gerade auch im amerikanischen Raum, wo christliche Einrichtung im sozialen Bereich eine wesentlich größere Rolle spielen, als dies in der EU der Fall ist, muss einem dies doch letztlich paradox erscheinen.

Ich glaube, es ist wichtig umzudenken. Ein Christsein, dass politisch denken will, darf seine Nähe im politischen Spektrum nicht nur an ideologischen Fragen und moralischen Werten festmachen, sondern vor allem am konkreten politischen Handeln der entsprechenden Fraktionen. Auch wenn eine CDU das „christlich“ in ihrem Namen trägt, wenn eine Kanzlerin Merkel sich als gläubige Christin bekennt, heißt dies nicht, dass das politische Handeln der entsprechenden Fraktion mit unserem christlichen, politischen Handeln im Alltag auch tatsächlich korreliert. Welche Partei transportiert am ehesten die Ideale, nach denen ich als Christ leben? Welche Parteien setzen sich ein für die Schwachen der Gesellschaft, für die Verlierer am immer härter werdenden Arbeitsmarkt? Für die Kranken, für Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Leid eine neue Heimat suchen? Welche Parteien spiegeln in ihrem praktischen Handeln die Grundsätze wieder, an die wir als Christen glauben, die uns wertvoll sind, von denen wir glauben, dass sie uns einen Rahmen geben für ein Miteinander, dass dem entspricht, was Gott sich für uns eigentlich wünscht? Auf meinem Weg habe ich gelernt, dass eine Partei dies nicht dadurch spiegelt, dass sie ein „C“ für christlich in ihrem Namen trägt. Dass ein Kandidat für ein politisches Amt nicht dadurch für das steht woran ich glaube, nur weil er sich zum christlichen Glauben bekennt. Dies sind meist Trugbilder. Im Falle eines Donald Trump zudem auch bewusst eingesetzte Narrative, um sich die Wählergunst im christlich konservativen Milieu zu erschmeicheln. Was heute wichtig ist, ist zu schauen, welche Fraktion, welcher Kandidat die Diskurse spiegelt, die ich verfolge. Welche gesellschaftlichen Diskurse werden durch diese Partei, oder diese Person in der Regierungsverantwortung gestärkt. Nicht die ideologische Nähe ist hier ausschlaggebend, sondern das praktische politische Handeln. Denn dieses hat direkte Wirkung auf uns als Gesellschaft, dies macht den Unterschied. Uns sollte es als Christen mehr um Inhalte, weniger um Wertediskussionen und oberflächliches gehen.

Bill Johnson argumentierte seine Unterstützung für Trump unter anderem damit, dass soziales Engagement freiwillig sein solle, nicht staatlich erzwungen – anders gesagt, dass es ein rein privates Engagement sein müsse, nur dann sei es ein ehrliches soziales Handeln. Doch ist das wirklich so zu trennen? Können wir als Christen sagen, wir wollen das Recht einräumen ein Arschloch sein zu dürfen, auch wenn andere darunter leider, nur um die Freiwilligkeit eines gerechten Handelns zu unterstreichen? Wollen wir mit einem George W. Bush gar von einem „Recht auf Scheitern“ sprechen, um damit die Ungerechtigkeiten und Löcher unseres politischen Systems einfach zu überdecken und zu legitimieren?

In einem modernen Demokratieverständnis kann man so nicht mehr argumentieren. Wenn wir davon ausgehen, dass Demokratie heißt, dass wir gemeinsam den Rahmen abstecken wollen, wie wir uns als Gesellschaft formieren und uns zueinander stellen, dann können wir nicht tolerieren, wenn einzelne ihre Macht ausnutzen, um sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen. Dann müssen wir als Gesellschaft sanktionieren und für Gerechtigkeit sorgen, dort wo Schwächere und Minderheiten einen schweren Stand haben und ausgenutzt oder diskriminiert werden. Jesus Christus ist für die Schwachen eingetreten, hat diesen Gehör verschafft, hat Opposition betrieben – Nichts anderes tun wir heute in unseren freien Gesellschaften, nur mit dem Unterschied, dass wir unsere Gesellschaft tatsächlich zum Besseren verändern können, weil wir nicht mehr den Zwängen der Mächtigen in der Weise ausgeliefert sind, wie es in Autokratien wie etwa Monarchien oder anderen autoritären, gesellschaftlichen Strukturen der Fall gewesen war. Unser Christsein findet heute Platz in der öffentlichen politischen Landschaft, kann mit gestalten, und muss sich nicht im Untergrund formieren. Warum eine eigene, parallele „Untergrundgesellschaft“ bilden, wenn wir aktiv unsere Gesellschaft mitprägen und zum Besseren wenden können? Das ist eine Unlogik. Hier flüchten wir vor unserer Verantwortung. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Jesus, oder die Apostel so argumentiert hätten, wüssten sie, mit welchen Gestaltungsmöglichkeiten wir heute leben.


Weshalb aktive Teilhabe in einer Demokratie wichtig ist

Wie sich zeigt, kann es ein politisches Desinteresse in einer Demokratie nur in so fern tatsächlich geben, als dass wir uns entscheiden können, in wie weit wir tatsächlich aktiv politisch tätig sein wollen, oder in wie weit wir uns lediglich passiv involvieren lassen. Aktiv werde ich dabei vielleicht bereits in dem Moment, wo ich mich tatsächlich einmal, über den Wahl-O-Mat hinaus mit den Themen eines Wahlprogramms oder der Programmatik einer speziellen Partei beschäftige. Aktiv werde ich bereits auch dann, wenn ich mich einmal näher mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetze, vielleicht auch mal über meinen Tellerrand schaue, um mir ein eigenes Bild von der Sache zu machen. Auch Selbstbildung ist bereits eine Form von politischer Teilhabe. Aktiv werde ich bereits, wenn ich mich entscheide mich zu beschäftigen, mich zu bilden und so in meinen eigenen Ansichten und Haltungen mündiger und streitbarer werde.

Immanuel Kant hatte einmal geschrieben, dass Aufklärung das Ablegen der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ des Bürgers sei. Wer auf das Desinteresse pocht, sich der Passivität ergibt, gibt sich letztlich bewusst dieser „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ preis. Das ist die Wahl, die wir in einer Demokratie haben. Ob wir „mündig“ oder „unmündig“ an den gesellschaftlichen Diskursen teilnehmen. Ob wir nur aus dem vermeintlich privaten heraus diskursrelevant sind, oder aktiv am öffentlichen Gespräch mitarbeiten.

Idiome wie der Erfolg des TV-Stars Trump, oder auch das Erstarken einer populistischen Partei wie der AfD, sind m. E. vornehmlich dadurch möglich, da viele Menschen Politik nicht mehr wirklich aktiv verfolgen. Mit dem Abstand des Desinteresses, sieht jede Parteienlandschaft irgendwann nämlich wie eine große einheitliche Masse aus, einfach, weil uns der Einblick in die Themenvielfalt und Diskurse fehlt. Da scheinen dann natürlich nur noch Extreme irgendwie alternativ und unterschieden. Einen Gefallen tut sich aber sicherlich niemand, der Parteien oder Kandidaten nur aufgrund ihrer großen Klappe unterstützt. Es ist immer wichtig genau zu schauen, was die entsprechenden Gruppen nun denn wirklich an praktischer Politik vorschlagen. Selbst bei einer Merkel CDU sollte man als ernsthafter Christ bei dem ein oder anderen Thema vielleicht einmal ins Stocken kommen, einmal genau fragen, ob dies denn wirklich mit der Ethik, an die man glaubt, die man als Christ vor sich herträgt, auch so vereinbar ist. Wenn ich eigentlich nie wirklich weiß was ich wählen soll, weil ich zu faul bin mich mit den Themen der Parteien und Kandidaten auseinanderzusetzen, dann werde ich unter Umständen nicht wirklich das unterstützen, was meinen Haltungen und meinen Fragen letztlich auch entspricht. Oder ich verschenke meine Stimme gar, indem ich mich überhaupt nicht beteilige und überlasse das Feld damit den Anderen, denen, die dann wissen was sie wollen.

Der Weg vom Passiven ins Aktive macht vor allem aber auch einen Unterschied, ob des Einflusses den wir haben können. Wenn andere lauter sind als wir, indem sie sich beispielsweise in Parteien, Lobbies oder Gewerkschaften organisieren, ist klar, dass deren Stimme mehr Gehör findet in Öffentlichkeit und Politik. Wenn wir uns mit den gesellschaftlich diskutierten Themen nicht auseinandersetzen, wenn wir nicht selbsttätig werden und uns bilden, um auch streitbare Argumente für unsere Haltungen und Überzeugungen formulieren zu können, dann wird man uns auch nicht ernst nehmen im Diskurs, dann wird man uns kein Gehör schenken. Demokratie ermöglicht es uns die gesellschaftlichen Diskurse selbst in die Hand zu nehmen, sie schenkt uns aber auch nichts. Sie erwartet Einsatz. Wer sich nicht bildet, wer keine Argumente einzubringen hat, wird es schwer haben sich im Diskurs gegen andere zu behaupten. Da hilft dann auch kein Rumgepöbel, sondern stellt einen nur noch weiter ins Abseits. Echte Teilhabe an Demokratie fordert Engagement von uns, sie fordert uns heraus aus unserer „selbstverschuldeten“, unserem selbstgewählten Desinteresse auszubrechen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen, uns zu emanzipieren.


Christsein ist politisch

Ich glaube, als Christen haben wir es eigentlich relativ leicht uns an Politik auch aktiv zu beteiligen. Schaffen wir den Dreh, uns nicht all zu sehr von vermeintlichen Wertediskursen vereinnahmen zu lassen, finden wir vor allem im linken Parteienspektrum übermäßig viele Anknüpfungspunkte für unsere christlichen Überzeugungen. Verheddern wir uns nicht in konservative Moraldiskussionen, die uns davon abhalten unseren Überzeugungen konsequent zu folgen, die uns den Blick verstellen, finden wir eigentlich genug Inhalte zu denen wir uns bekennen können, die aus christlicher Perspektive genau das Miteinander fördern, dass Gott sich vielleicht für uns als Menschheit gewünscht hat. Nämlich füreinander einzustehen, als Gemeinschaft Schwache und Kranke zu stützen und für ein gerechtes und friedliches Miteinander zu sorgen.

Adaumir Nascente, Leiter der Mosaik Gemeinde in Düsseldorf, hatte einmal sehr klug formuliert: Christsein hieße in politischen Zusammenhängen grundsätzlich Opposition zu sein. Eine Opposition die immer für das Bessere eintritt, die immer weiter daran arbeitet, Politik und Gesellschaft in Hinblick auf Gerechtigkeit und Rücksichtnahme weiterzuentwickeln. Eine Opposition, die konsequent parteiisch ist für die Interessen der Benachteiligten unserer Gesellschaft.

Und zur Zeit, wenn man ehrlich ist, kann eine solche, klare Opposition nur links in unseren Parlamenten zu verorten sein.


Photo by Christian Chen on Unsplash

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s