Warum wir nicht den alten Wein in neuen Schläuchen, sondern den neuen Wein in alten Schläuchen wollen – Was man vom Hossatalk mit Johannes Hartl lernen kann

(Ein Beitrag von Christoph Schmieding)

Johannes Hartl bei Hossa Talk? War ich da der Einzige, der da ein wenig mehr scharfzüngiges erwartet hatte? War ich da der Einzige, der irgendwie an Endgegner dachte? Johannes Hartl ist für mich Kopf und Aushängeschild einer evangelikalen Szene, die man wohlwollend als neo-konservativ, böse vielleicht sogar in Analogie zur identitären Bewegung beschreiben kann. Hartl verkauft alten Wein in neuen Schläuchen. Und wie er das macht! So charmant, einnehmend und beschwichtigend, dass selbst Gofi und Jay, die ich beide wirklich sehr schätze, ihre Mühe hatten ihm etwas vorzuwerfen. Die ernsthaft Mühe hatten einmal auf Konfrontation zu gehen. Reinhard Jarka, selbsternannter Großinquisitor der Pop-Konersativen (nicht!) brachte das wie folgt auf den Punkt:

„Unglaublich wie sich dieser Prince Charming der theo-konservativen Reconquista mit ein paar popkulturell-biographischen Codes emotionalen Zutritt ins emergente Allerheiligste verschafft. Wie er diese happy-go-lucky-Stimmung aufbaut und die grauen Eminenzen dann ganz großartig mit Mystik (Jay) und Kunst (Gofi) in ihren vertrauten Lebenswelten abholt. Ganz en passant verbittet er sich unreflektierte AFD-Kritik (unwidersprochen von J&G!!!), um dann in einer dramatisch spitzenmäßig getimten Schlußszene den ganzen liberalen Palast zum Einsturz zu bringen. Wow!

Das Schlimme ist – Hartl macht einige Dinge einfach zu gut. Indem er nämlich unser Bedürfnis nach Spiritualität anspricht, den versteckten Künstler in uns und unser heimliches Sehnen nach dem großen Re-Entry, nach der Einheit, danach, dass doch alles wieder gut werden kann mit den Emergenties und den Evangelikalen. Dass wir doch alle unter eine wohlige Decke der Einheit passen, uns alle lieb haben könnten. Hartl macht das so gut und mit so viel Enthusiasmus, dass man unfreiwillig angesteckt wird, dass man ihm irgendwie verzeihen möchte, dass er uns unter all der Nähe eigentlich den Wein von gestern unterjubelt und den Muff von Tausend Jahren weiter unter den Teppich kehrt. „Schaut einfach nicht hin, dann müsst ihr euch auch nicht daran stören!“ Was dabei allerdings auf der Strecke bleibt, was wir dafür opfern müssten, das ist unsere Kritik. Das ist eine Kritik, die sich als Korrektiv versteht. Die unbequeme Frage stellt. Das ist Kritik, die eigentlich weh tun sollte, weil sie die besseren Argumente kennt, weil sie die Doppelmoral, die Inkongruenzen und Schatten einer Christenheit aufdeckt, deren Narrative seit Jahrhunderten keiner wirklich kongruenten Ethik folgen, sondern die, mit ihrem Offenbarungsglauben, Autoritäten installiert, die immer wieder vom Menschen als Sinn und Zweck ablenken und so zu Ausgrenzung, Abgrenzung und eine Leugnung des Menschseins führen. Der Mensch als Idee, nicht der Mensch wie er ist – das will uns auch ein Hartl verkaufen. Das ist doch, was wir eigentlich hinterfragen, oder? Wir wollen Mensch sein und wir wollen Gott, Gott sein lassen. Das ist doch eigentlich der Move des emergenten Diskurses. Eine neue radikale Ehrlichkeit.

Ich höre meinen Vater reden…

Das schwierige ist, Hartl hat in manchen Punkten recht. Ja, unsere westliche, protestantische Christenheit ist verkopft. Und ja, ein verkopfter Glaube interessiert keine Sau. Das verändert nichts. Das braucht niemand, außer man ist Christ und sowieso verkopft – aber wer ist das heute noch? Menschen suchen Spiritualität. Menschen suchen etwas „reales“, etwas, dem man begegnen kann im Glauben.

Warum sind die Kirchenbänke unserer protestantischen Gottesdienste leer? Weils da einfach staub trocken ist und weil ich nur um ein guter Mensch zu sein, keinen Gott mehr brauche. Das können wir heute auch so. Mit Vernunft, Empathie und Verantwortungsgefühl. Dafür brauch ich weder Kirche noch Religion. Die Geschichte zeigt – wir können es ohne Gott sogar besser! Vernunft und Empathie nötigen mich nämlich nicht, gegen mein Gewissen Menschen oder Lebensweisen als „nicht nach Gottes Plan“ zu verurteilen, die keinem Menschen je etwas zu Leide getan haben, die niemandem schaden, nur um damit eine abstrakte Idee zu verteidigen, wie der Mensch bitte zu sein hat. Nö, das kann ich besser. Bei mir darf jeder lieben wen er will. Darf jeder mit dem zusammenleben mit dem er möchte und auch Nähe haben mit wem er denn will. So what? Warum auch nicht, es schadet ja niemandem, sondern ist einfach nur schön. Und ja, wenn ich das besser kann als Gott, da stell ich mir berechtigt auch die Frage, ob dieser Gott es denn wirklich wert ist angebetet zu werden, oder ob er, wenn wir mal ehrlich sind, nicht eigentlich sogar ein bisschen scheiße ist.

Ich bin in charismatischen Gefilden aufgewachsen. Im Fahrwasser der Bewegung, auf die ein Hartl referiert, wenn er seine Idee von Glauben und Spiritualität bewirbt. Die Vineyard Bewegung ist unter der Flagge der Jesus People geboren worden, trägt in ihrer Spiritualität deren DNA und hat vor allem in den 80ern und 90er Jahren wirklich viel frischen Wind ins geistliche Leben der westlich geprägten Evangelikalen geblasen. Mit entsprechendem Gegenwind aus pietistischen Lagern versteht sich. Eine kurze Episode meiner Jugend konnte ich auch im Umfeld der charismatischen Bewegung im katholischen Raum verbringen. Aufgewachsen mit dem Staub und Posaunenchören der Lutheraner, hat mich die katholische Spiritualität, das deutlich mystischer geprägte und damit viel lebendigere Glaubensleben sehr bewegt und fasziniert. Wo ist das bei den Protestanten alles hin? Da fragt ein Hartl einfach zu recht und seine Anfrage ist da mehr als notwendig. Der christliche Glaube war immer ein Glaube des Anfassens – wenn wir glauben wollen, dann sollten wir das nicht nur diskutieren, dann sollten wir das auch praktizieren. Das haben die Protestanten größtenteils verlernt.

Von der Bastelbiografie zur Wahlbiografie

Ich glaub als Emergenties sind wir heute in einer unvollständigen Freiheit gefangen. Wir neigen zu liberaler, teils auch revolutionärer oder radikaler Theologie, versuchen Gott neu zu denken, müssen uns aber andererseits ein Stück weit damit zurechtfinden, dass wir Glauben nicht völlig neu konzipieren können, dass wir gezwungen sind mit den Elementen zu arbeiten, die uns die Diskurse des Christentums vor die Füße werfen. Und nicht zuletzt ein Hartl verdichtet uns hier solche Diskurse, in dem er uns unterschwellig sagt: „Wenn ihr Spiritualität wollt, wenn ihr Mystik wollt, dann geht das nicht an uns vorbei. Dann müsst ihr euch im Rahmen der Diskurse von gestern bewegen. Das kriegt ihr nur, indem ihr auf euer Kritik verzichtet. Denn wir, die Konservativen, wir haben es erfunden.“ Das ist der Move, den das Spiel der Wahrheiten von uns fordert. Wenn ihr mich fragt: Das ist eine Prämisse, die es endlich zu sprengen gilt.

Ulrich Beck hatte 1986 einmal eine recht treffsichere These zum Thema der Individualisierung formuliert. Er hat behauptet, dass Individualisierung ein Prozess sei, der zwar progressiv verlaufen wird, jedoch zum Zeitpunkt seiner Analyse noch nicht zur völligen Entfaltung, noch nicht zu einer vollendeten Freiheit geführt hätte. In den 80ern war an eine „Wahlbiografie“, wie er das Ziel einer Individualisierung begreifen würde, noch nicht wirklich zu denken, sondern man war vielmehr noch im Rahmen einer „Bastelphase“ gefangen. Wir konnten schon aus grundsätzlich verschiedenen Elemente unsere eigene Biografie herstellen, werden also nicht mehr dermaßen von den tradierten Diskursen durchregiert, sind aber trotzdem noch gefangen in der Falle eines „entweder oder“. Man konnte nicht alles haben. „Sei dabei oder nicht!“ – das war die Entscheidung, die wir treffen konnten. Ein wirklich freies Denken, eine wirklich freie Wahl, die auch Neues schaffen kann, haben wir letztlich aber nicht. Das ist es, was die Neo-Kons uns heute weiterhin verkaufen wollen: „Wenn ihr dabei sein wollt, dann müsst ihr auf eure radikale Ehrlichkeit, auf eure grundständige Kritik verzichten. Wenn ihr den Re-Entry wollt, dann müsst ihr jene Diskurse integrieren.“ Was uns im Gegenzug geboten wird ist ein wenig Einheit. Eine Einheit, deren bitterer Geschmack uns mit ganz viel „happy-go-lucky“ Sweeties versüßt werden soll. Ein Dialog, der von uns fordert, unsere eigene, tiefgehende Kritik nicht mehr so ernst zu nehmen. Der uns sagt: „Ach komm, wir sind doch alle nur Kinder unserer Zeit. Das geht schon wieder vorbei.“ Nein ehrlich Leute – von so einem Wein bekomme ich Bauchschmerzen.

Was wir brauchen ist nicht alter Wein in neuen Schläuchen, sondern neuer Wein in alten Schläuchen

Ich glaube es ist Zeit, dass wir das Blatt umdrehen. Was uns die Neo Kons verkaufen wollen ist der alte Wein, den wir schlucken sollen, nur in neuen, schicken Schläuchen getarnt und mit ganz viel Candy versüßt. Bei Hartl fast schon übersüßt. Dabei vergessen sie, dass auch alter Wein nicht per se gut ist, sondern dass er irgendwann kippt, das er verfällt und ungenießbar werden kann. Nein, was wir brauchen ist der neue, frische Wein. Der Wein aus guten jungen Jahrgängen, mit dem wir die alten Schläuche neu füllen und damit wieder beleben. Ja, wir brauchen Spiritualität, die prickelnde Frische eines guten Rose, eines Glaubens der lebt und belebt. Und ja, wir brauchen Mystik – wir brauchen einen Gott den man auch Anfassen, den man nicht nur Denken kann. Und ja, wir brauchen auch das Potential von „Offenbarungen“, die Erfahrung, dass sich uns etwas eröffnet, etwas offenbar wird. Aber nicht um dies in die Kongruenz einer Tradition zu stellen, eines Re-Entries in ein System von gestern, sondern als Quelle gegenseitiger Inspiration und Erbauung. Wir brauchen einen offenen Glauben, der radikal denken und real fühlen kann. Der seine Ergebnisse aber nicht in Dogmatik hüllt und zu Wissensdiskursen aufbläst, sondern der von der Vielfalt, der Multikulturalität lebt. Ein Glaube, der einen Möglichkeitshorizont aufzeigt, in die Streuung geht und sich nicht zwischen zwei Buchdeckel oder autoritär an muffige Talare bindet. Wir brauchen die Formen von gestern aber mit den radikal ehrlichen Gedanken und Fragen von heute. Das ist das Gegenangebot, was wir der Konservativen von heute machen können. Das ist es, was es zu verhandeln gilt. Die heutige Freiheit des Glaubens hingegen der Idee einer kuscheligen Einheit von gestern zu opfern, das ist ein Move, den ich nicht mitgehen will. Und da kann ein Johannes Hartl noch so charming und nett sein und es noch so gut meinen – der Muff von gestern muss ans Licht. Da muss frischer Wein in die Schläuche. Da muss ordentlich Luft unter die Talare. Dann kann Glaube in der christlichen Tradition auch wieder belebend sein. Dann können wir auch das Ehren, was wir mitbringen aus den vielen Jahrhunderten, die wir schon nach Gott fragen. Dann kann man auch sagen, ja, da haben wir auch Dinge verloren unterwegs, die wichtig waren und die wir wieder entdecken können. Das geht. Aber nicht auf Kosten von Freiheit und Ehrlichkeit. Die Zeiten sind vorbei. Zum Glück.

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3 Kommentare

  1. Beruhigend, dass ich nicht der einzige bin, der eine gewisse Nähe zwischen Neocons (schöner Ausruck, kannte den bisher nur aus der Politik) und Identitären sieht. Und zum Glück gibt es ja gerade unter den Mystikern und Kontemplativen viel zu entdecken, was ohne eine solche Rolle rückwärts auskommt. „Geistlich“ sein muss nicht bedeuten, auf reaktionäre Theologie abzufahren.

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  2. Lieber Christoph,
    ich habe jetzt einige Texte Deines Blogs gelesen,obwohl sie mir zwar etwas zu lang, aber trotzdem gut sind. Ich kann sicher ich in allem zustimmen, aber viele Anliegen scheinen mir berechtigt. Was mich stört, sind die Etikettierungen (aber klar, vermutlich braucht man sie zur derzeitigen Orientierung). Vielleicht findest Du auf meinem Blog etwas Nutzbares für Dich? – Ich setzte beim Individuum an, in seinem Inneren. Nur von da kann Erneuerung geschehen.
    https://manfredreichelt.wordpress.com/2017/07/04/der-hl-geist-und-die-wahrheit/

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