Der Weg eines Skeptikers (Teil I): Wie ich aus dem Paradise Club flog

(Ein Beitrag von Christoph Schmieding)

Ich bin ein skeptischer Mensch. Ich bin jemand, der aufgrund seiner persönlichen Biografie insbesondere lernen musste einen bewussten Abstand zu sich selbst zu finden. Der eine Reflexionsebene in seiner Persönlichkeit, in seinem Verhalten, installieren musste, die immer hinterfragend bleibt, die sehr vorsichtig ist mit den Dingen, die in einem selbst vorgehen, aber auch solchen, die an einen heran getragen werden. Ich lebe und denke immer in einem bewussten Modus der Skepsis, einem Modus, der mir sicherstellen soll, mich nicht zu verrennen, mich nicht zu verlieren in irgendwelchen Spinnereien. Einem Modus, der es einem aber in besonderer Weise natürlich auch schwer macht zu Glauben, für den eher Zweifel das naheliegendste Motiv ist, ein Zweifel, der auch vor liebgewonnenen oder sogar existenziellen Narrativen keinen Halt macht im Leben.

Sicherlich installieren wir alle auf unserem Lebensweg einmal einen solchen Modus. Oft ist das einfach auch ein generelles Idiom eines Erwachsen-werdens. Irgendwann hinterfragen wir alle einmal unseren Weg. Fragen woher wir eigentlich kommen, was wir eigentlich glauben, oder auch inwieweit wir uns und unser Seelenleben, unsere Stimmungen ernst nehmen, oder eben eher selbstkritisch reflektieren wollen. Vermutlich haben wir alle Momente in unserer Biografie, die unser Denken, unser Leben ins Stottern gebracht haben, wo wir radikal und hart umlenken mussten, wo wir in gewisser Weise vielleicht einmal gar aufgewacht sind.


 

Vom Blatt im Wind zum kritischen Denker

Bei mir war dieser Moment vermutlich primär meine Auseinandersetzung mit meiner Kindheit als sogenanntes ADS Kind. ADS steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, bezieht sich mit seinem Aufmerksamkeitsbegriff allerdings nicht, wie manche Themenfremde annehmen mögen, auf ein Defizit mangelnder Zuwendung, sondern referiert letztlich auf eine verminderte Aufmerksamkeits-Fähigkeit, die, nach dem Stand der wissenschaftlichen Forschung, auf eine veränderte neuronale Verarbeitung von Reizen zurückzuführen ist.

ADS Kinder sind in der Regel sehr leicht ablenkbar, da sie äußere, wie auch innere Reize und Impulse schlechter filtern können. Daher sind betroffene Kinder oftmals eben auch sehr impulsiv, ihren Gefühlen und Stimmungen, aber auch äußeren Reizen regelrecht ausgeliefert. ADS Kinder sind in ihrem Sozialverhalten so auch oft entwicklungsverzögert, weil sie bis in die Pubertät hinein eigentlich in einer Art, sagen wir mal „Trotzphase“ gefangen sind. Sie schaffen es nicht, wie andere Altersgenossen, einen gesunden Abstand zu ihrem Gefühlsleben zu entwickeln. Dies lernt man oft erst sehr viel später, vor allem dann natürlich, wenn man keine therapeutische Begleitung in seiner Kindheit hatte.

Zudem kommen oft schwierige Lebenswege hinzu. ADS Kinder neigen aufgrund ihrer Impulsivität zu allerlei schwierigen Verhaltensmustern: Parties, Drogen, Nervenkitzel aller Art, heikle Extremsportarten (…) das volle Programm. Oft dann natürlich begleitet von Schulversagen, sozialen Problemen aufgrund von Impulsivität, Frust im Elternhaus, da man an den Wünschen der Eltern immer wieder scheitern muss u.s.w.


Und plötzlich war man in die Welt geworfen

Meine Auseinandersetzung mit mir selbst, meinem Gefühlsleben, meiner Impulsivität, die ich sicherlich deutlich intensiver und bewusster betreiben musste als viele andere Menschen, hat mich letztlich zu dieser sehr kritischen Person gemacht. Einer Person, die sehr skeptisch ist mit den Dingen, die in ihr selber passieren, aber auch denen, die eben andere Menschen an sie heran tragen. Denn wer sich selbst nicht wirklich über den Weg traut, der traut auch anderen nicht. Der nimmt nicht jedes Glaubenszeugnis, nicht jeden Erlebnisbericht gleich ernst, sondern behält sich eben insbesondere jene Position des beobachtenden Skeptikers vor.

Ich will nicht behaupten, dass meine Geschichte der einzige Weg sei, einen kritischen Blick auf sich und seine Umwelt zu entwickeln, ein anderer ist sicherlich generell Bildung. Oft sind gerade Menschen in Glaubensfragen und Themen skeptisch, die das Gefühl haben, dass ein kritisches Denken und Glauben nicht zusammen ginge, dass ein kritischer Glaube eigentlich keinen Platz hat in der Kirche. Heinrich Böll war so ein Kandidat. Der lautstark aus der katholischen Kirche austrat, nie aber Glauben wirklich aufgab. Gerade im evangelikalen Raum wird einem ein solches sich ausgeschlossen fühlen, natürlich auch immer wieder bestätigt und zwingt einen oft in die Defensive. In der Rolle des Kritikers steht man irgendwie immer am Rand. Das nimmt einen den Mut und die Kraft trotzdem dran zu bleiben. Das nimmt einem auch die Lust sich zu engagieren, weil man ständig nur an die Grenzen stößt, denn eigentlich ist man ja nicht gewollt.

In meiner persönlichen Biografie war es nun so, dass mir, gerade durch meine nunmehr sehr selbstkritische Haltung, gewisse persönliche religiöse Erfahrungen immer weiter entglitten, sich hier ein tiefer Zweifel bemerkbar machte. Gerade in der charismatischen Szene, funktioniert ein Glaube eben sehr erfahrungsbezogen. Wenn man dort einmal anfängt kritisch zu werden, sich kritisch umzuschauen, dann kann einem das schnell auch zum Verhängnis werden und das ganze Kartenhaus zum Einsturz bringen.

Ich bin letztlich mit einem sehr einfachen Glauben aufgewachsen, wie viele andere evangelikale Kids halt auch. Einem Glaube, der eigentlich auch immer sehr stabil war, der mir Zuhause und Geborgenheit gab. Der sich vor allem in meiner Glaubenspraxis, im Gebet, im Worship, immer wieder auch irgendwie bestätigen ließ. Ich glaubte an die Möglichkeit einer Begegnung mit Gott, suchte diese in Gebet, Meditation und in ausgiebigen Worship Sessions. Erst meine Selbstreflexion hat mich letztlich zu einem Skeptiker gemacht, ja, eigentlich sogar zu einem Agnostiker.

Für mich war dies allerdings eigentlich ein schwieriger Move, weil die Vorstellung von einem Gott, einem God who cares, mir sehr viel Sinn ins Leben gesprochen hat. Ich wollte glauben, doch konnte es nicht. Ich fühlte mich auf einmal entwurzelt und ziemlich hilflos in die Welt geworfen, in eine Welt, die auf einmal so kahl und grau war, dass ich gar nicht wusste, ob ich in dieser eigentlich tatsächlich leben wollte.

Meine Gebete gingen ins Leere. Wenn ich abends auf dem Bett lag und versuchte zu beten, klatschten meine Gebete einfach gegen die scheiß Zimmerdecke und schallten letztlich wie Gelächter auf mich zurück: „Sag mal hast du sie eigentlich noch alle? Was machst du hier eigentlich? Das ist doch alles Spinnerei.“ Ich fühlte mich, als wäre ich aus dem Garten Eden geflogen, hinausgefegt aus einem Idyll, aus einem Zuhause, das mir vormals Wärme gab, mich nun aber ausschloss und in das ich scheinbar nie wieder würde zurückkehren können.


 

Von Hühnchen und Thunfisch

Ich hoffe ihr habt alle Matrix geschaut. Oft war ich neidisch auf Menschen, bei denen das scheinbar so einfach klappt mit dem Glauben. Die heute noch genau das glauben, womit sie als Kind aufgewachsen sind. Die immer noch irgendwie geborgen in ihrer Matrix leben, die nicht aufwachen mussten, die das schöne Leben haben, in ihren oft ja echt netten Gemeinden und Communities, mit all den happy-clappy Menschen, mit Narrativen, die ihnen die Welt erklärten und wo alles so schön und kongruent und einfach, ja irgendwie hell und heil ist. Die anscheinend einfach keinen Grund haben Fragen zu stellen.

Ja, ich war neidisch auf diese Matrix. Und wenn es möglich wäre, dann würde ich gerne zurück. Dann würde ich mich gerne wieder einklinken und einfach Hühnchen essen, scheiß egal wonach das wirklich schmeckt. Ich will hier nicht sitzen wie Mouse und Neo und darüber nachdenken müssen warum Hühnchen vielleicht doch eher nach Thunfisch schmeckt oder eben tausend anderen Sachen um letztlich damit leben zu müssen es nie wirklich zu wissen, weil es, außerhalb der Matrix, in Wirklichkeit nämlich weder Thunfisch, noch Hühnchen, noch Sex-Crispies oder sonstwas überhaupt gibt.

Wenn ich heute auf das schaue, was uns als Kindern so erzählt wird in unserem Kindergottesdienst, dann frag ich mich manchmal, ob wir das wirklich ernst meinen, oder ob wir dies letztlich nicht doch im gleichen Modus tun, wie vom Weihnachtsmann oder der Zahnfeh zu erzählen. Ich meine, das gestaltet sich doch oftmals tatsächlich in etwas so aus:

Wir glauben an einen Gott, der Vater, Sohn und Geistwesen in einem ist. Der irgendwo in einer parallelen Dimension lebt, die wir Himmel nennen. Der unsere Welt in sechs Tagen erschaffen hat, dessen erste Menschen Adam und Eva waren, die aber von einer sprechenden Schlange zum „Bösen“ verführt wurden, woraufhin sie aus dem Paradise Club rausgeschmissen wurden.

Seitdem ist das Leben für alle nachfolgenden Generationen bis heute halt eher scheiße und man kommt eher ins Berghain rein als zurück ins Paradies. Um trotzdem irgendwann am Türsteher vorbei zu kommen, hat Gott ein paar Steintafeln mit Geboten vom Himmel fallen lassen, damit, wer diese Gebote auch befolgt, wieder einen Platz auf der Guestlist des Clubs bekomme.

Leider hat das aber anscheinend nicht geklappt. Denn folgend musste Gott zusätzlich seinen eigene Sohn von einer Jungfrau in die Welt gebären lassen, nur um ihn am Ende übelst abschlachten zu lassen. Ja, so wie bei Harry Potter. Vorher hatte dieser allerdings noch als Zimmermann gearbeitet und ist als Wanderprediger umhergezogen.

Durch diesen „Stellvertreter Tod“ soll nun jeder, der daran glaubt, zumindest nach seinem Ableben im Himmel endlich ordentlich Party machen dürfen. Ein bisschen brav muss man aber trotzdem bleiben, nich‘ Kevin! (ADS Kind) Und wer eben nicht glaubt, muss sich halt weiter am Berghain anstellen.

Nachdem Gottes Sohn dann von den Toten wieder auferstanden war, sei er auf einer Wolke in den Himmel aufgestiegen, hätte vorher aber noch verkündet: „I’ll be back.“ Darauf warten wir dann nun bis heute. Seit zweitausend Jahren.

Zum Trost hat er uns immerhin seinen „Geist“ dagelassen, der vor allem auf großen christlichen Musikkonzerten oder Benny Hinn Shows über die Menschen kommen soll, die dann am Rad drehen und umkippen. Und das Ganze glauben wir deshalb, weil es in einem zweitausend Jahre alten „heiligen“ Buch namens Bibel steht. 

Klingt schon alles sehr einleuchtend oder? – Willkommen in der Matrix.

Nein ehrlich, warum machen wir das? Haben wir da nicht etwas besseres anzubieten? Wenn wir sowas unseren Kindern erzählen, ist es eigentlich kein Wunder, dass wir irgendwie Probleme haben mit dem Glauben, meint ihr nicht? Referiert das nicht sogar primär auf uns selbst und unser Problem erwachsene Antworte auf die Frage nach Gott und Glauben zu finden? Was sagt das über uns aus? Ich werde in einem späteren Kapitel darauf nochmal zurückkommen.


 

Der Garten Eden

Siegfried Zimmer sagte einmal auf einem Talk in meiner Heimatgemeinde in Köln, die Bibel habe schwache aber auch sehr starke Parts. Einer dieser, in meinen Augen, wirklich sehr starken Parts ist sicherlich die Erzählung um den Garten Eden im Buch Genesis. Eine hoch verdichtete Geschichte, die sehr wesentliche Fragen, die sehr wesentliche, gar existentielle Erfahrungen des Menschseins, aber auch der Korrelation Gott und Welt aufgreift. Eine Erzählung, die gerade auch den Moment des Zweifels in besonderer Weise integriert und beleuchtet.

Nicht nur, dass hier Gottes Verhältnis zur Welt angesprochen wird, nämlich als der Fluss, der den Garten Eden umfließend, Quelle allen Lebens in dieser Welt sei. In Form der Essenz des Wasser ist Gott hier in allem Lebenden als Grundbaustein bereits vorhanden. Er durchfließt die Schöpfung. Er ist nicht getrennt von ihr, er wandelt in ihr, ist ihr Bedingung und Ernährung zugleich. Sondern auch, dass er dem Menschen selbst Gestaltungsspielraum gibt, dass der Mensch selber Ergründer seiner Bedürfnisse wird, selbst erkennt, dass es nicht gut sei alleine zu sein. Der Mensch wird im Modus der Benennung gar gleichsam zum Mitschöpfer. Er gibt den Dingen einen Namen, eine Bestimmung. Der Punkt ist – Gott kooperiert mit dem Menschen, gestaltet mit ihm gemeinsam seine Schöpfung aus. Er diktiert sie nicht.

Jason Liesendahl, Mitglied des Leitungsteams der Mosaik Gemeinde in Düsseldorf, schreibt gerade ein einführendes Buch zum Thema Prozesstheologie. Ich hab die Ehre hier und da schon einmal etwas mit hineinlesen zu dürfen. Sehr spannendes Zeug!

Anschließend an die Gedanken eines Open Theism formuliert sich ein prozesstheologischer Ansatz nochmals deutlich konsequenter und betont insbesondere eben auch diesen Kooperationsgedanken zwischen Gott und Mensch. Er schüttet damit vor allem auch den Graben zu, den unsere christliche Tradition mit der Dichotomie, mit dem dualen Verständnis von Gott und Welt aufgemacht hat. In einem prozesstheologischen Denken ist Gottes Realität nicht zwingend getrennt von uns, sondern findet sich überall wieder in der Welt. Die Welt ist sozusagen durchdrungen vom Göttlichen. Klingt nach Star Wars? Warum auch nicht.

Das Gute und Schöne, wird hier als das Rufen Gottes gedacht, als seine Stimme, die wir in den schönen Dingen dieser Welt überall auffinden und entdecken können. Ein Gedanke, auf den ich in einem späteren Kapitel noch einmal zurückkommen möchte, weil er sehr, sehr wesentlich ist für weiteren persönlichen Weg im Glauben.


 

Der Baum der Erkenntnis

Ich habe in diesem Text ja bereits mehrfach die Metaphorik eines Rauswurfs aus dem Garten Eden aufgegriffen. Habe diesen Gedanken aber dahingehend umgefärbt, als dass ich hier eher von einem Aufwachen, oder eben einer Abnabelung von der Matrix gesprochen habe.

Wir finden in der Erzählung um den „Sündenfall“ ja eigentlich eine super spannende Konstellation vor. Und zwar haben wir einen Menschen, der von einer sprechenden Schlange dazu verführt wird, die Frucht von eben jenem Baum zu essen, dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. In der christlichen Mythologie, wird diese Schlange gerne als der Satan gelesen, als der Verführer, letztlich also als ein vom Menschen unterschiedenes Interesse oder eine Kraft, die von außen auf diesen einwirke. Eine Interpretation, die eben genau jenem dualistischen Denken entspringt, dass klar versucht Trennungen zwischen unserer und einer übernatürlichen Welt herzustellen. Eine Perspektive, die meines Erachtens aber wenig ergiebig ist.

Viel sinnfälliger und viel lebensnaher wäre ein solcher Ansatz, der hier eher den Textmerkmalen folgt und die Situation als Zwiegespräch liest. Die Schlange also als eine Externalisierung versteht, als Metapher für den Zweifel, der in uns Menschen liegt. In Form des Zweifels sind wir nämlich angetrieben danach zu suchen, danach zu fragen, was denn nun gut oder schlecht sei. Der Zweifel ist es, der nach Erkenntnis strebt. Nach Selbsterkenntnis und nach Erkenntnis über die Welt.

In solchem Lichte kann man die Geschichte um den Baum der Erkenntnis und das Verlassen des Paradieses als eine existentielle Grunderfahrung des Menschseins lesen. Ja, geradezu als den Moment der Menschwerdung an sich. Als jenen Prozess, den wir alle in unsrem Erwachsen-werden irgendwann einmal durchleben. Der Moment nämlich, wo wir uns unserer Selbst gewahr werden, wo wir uns als handelndes, verantwortliches Subjekt reflektieren, das das schützende Elternhaus, die Harmonie des Paradieses, verlassen muss um jene existentielle, menschliche Erfahrung des in die Welt geworfen seins zu machen.

Plötzlich werden wir uns unserer selbst bewusst, sehen, dass wir nackt sind. Plötzlich zieht die Scham ein und wir wollen uns verstecken. Die Harmonie des Paradieses, die Selbstverständlichkeit des geschützten Heims, zerbricht und lässt uns zurück, nackt, der Welt ausgeliefert und voller Fragen.


 

Zweifel ist die Kehrseite des Glaubens

Der für mich wesentliche Punkt an der Geschichte ist der, dass es einen Sinn macht, dass wir sie gerade so erzählen und nicht anders. Hier geht es nicht um Verfehlung. Hier geht es letztlich nicht um die Frage, ob es auch hätte anders sein können. Nein, ich glaube man kann die Geschichte tatsächlich nur so erzählen, alles andere machte keinen Sinn, denn – wir werden alle Erwachsen, ob wir nun wollen oder nicht. Das ist nichts was wir uns aussuchen könnten, nichts wo wir die Wahl hätten. Wenn wir ehrlich sind – ich glaube es gibt keinen Menschen, keinen Christen, der Zweifel nicht kennt. Wir zweifeln alle. Die Frage ist nur, muss man auch verzweifeln?

In The Matrix ist es letztlich der Charakter des Cypher, der zurück in die Matrix will. Der die reale Welt vergessen will, der wieder zurück in sein altes Leben, in sein Quasi-Paradies möchte. Doch so ganz kongruent ist er dann letztlich nicht. Denn, wenn, dann bitte aber zu anderen Bedingungen, wenn dann bitte mit genug Geld und Status, wenn dann bitte in ein gutes Leben.

Wir wünschen uns sicherlich alle ab und an einmal in unsere Kindheit zurück, doch meistens ja schon mit dem Motiv, Dinge da vielleicht nochmal anders machen zu können. Vielleicht Entscheidungen, die wir einmal getroffen haben nochmal anders fällen zu können. Vielleicht heiraten wir dann ja doch noch unsere Jugendliebe, oder saufen uns in unserer Sturm und Drang Phase nicht ganz so viele Synapsen weg, oder eben bewusst auch mehr – je, nach biografischer Lage.


 

Life is Strange

Es gibt ein total spannendes Adventure Videospiel mit dem Titel Life is Strange. Ein ungeheuer geschickt arrangiertes Kleinod, das genau mit diesem Motiv spielt. Hier hat man als Protagonist nämlich die Möglichkeit die Zeit nach jeder Handlung zurückzudrehen. Man kann also, beispielsweise auch in Gesprächen, immer erstmal schauen, wie das Gegenüber reagiert, dann die Zeit zurückdrehen und eine andere Antwortoption auswählen um zu checken, ob einem das Resultat nicht besser passt. Man kann das Schicksal quasi lenken. Je nach Entscheidung verändert sich nämlich der Spielverlauf, die Geschichte die erzählt wird.

Der Clou an dem ganzen Plott ist aber (Achtung Spoiler!), dass egal wie man sich entscheidet, das Verhängnis immer mehr seinen Lauf nimmt, alles eigentlich immer nur chaotischer wird, dass einem die Fäden eigentlich immer nur weiter aus der Hand gleiten, man mit jeder Manipulation immer mehr die Kontrolle verliert und man am Ende des Spiels eigentlich nur eine einzige Möglichkeit hat die Geschichte zu einem zumindest halbwegs versöhnlichem Ende zu bringen, nämlich in dem man seine aller erste Entscheidung im Spiel, das erste mal, wo man manipulierend auf eine Situation eingewirkt hat, dass man diese Entscheidung zurück nimmt, und dem ganzen Geschehen einfach seinen natürlichen Lauf lässt.

Schön ist das Ende so nicht, da man eine geliebte Person verliert, sie aufgeben muss, obwohl primäres Motiv der ganzen Geschichte war, diese eine Person eigentlich zu retten. Für diese eine Person eben die Zeit zu manipulieren. Im Prinzip war am Ende die ganze Spielzeit, alles was man getan und versucht hat für die Katz. Genial.

Manchmal ist es die beste aller Welten eben einen Verlust einfach auch zu akzeptieren und auszuhalten.


 

There’s no Re-Entry

Ich hab jahrelang gestruggled mit meinem Glauben. Ich bin in der Vineyard Bewegung und bei den Jesus Freaks geistlich aufgewachsen, und ich liebte und schätzte so vieles an deren Spiritualität. Ich mag Gemeinde. Ich bin ein Fan von Churches. Ich mag die Worship Kultur, speziell in der Form wie sie die Vineyard Bewegung mit Leuten wie David Ruis oder Andy Park entwickelt hat. Ich mag Bethel Worship, die deren DNA teilweise übernommen und auch weiterentwickelt hat. Aber man kann die Zeit halt nicht zurückdrehen. Ich musste akzeptieren, dass ich nicht wieder in die Matrix kann. Ich musste akzeptieren, dass ich meinen Re-Entry nicht kriege. Ich musste akzeptieren, dass ich meinen eigenen Weg gehen muss. Und ich denke, mit dieser Erfahrung stehe ich nicht alleine.

Klar kann ich als Gast, als Avatar in der Matrix hier und da mal dabei sein. Klar find ich Ökumene gut und wichtig. Neulich durfte ich auf einer Worship Night in einer großen charismatisch geprägten Gemeinde hier in Köln mitspielen. Ich hatte Bauchschmerzen davor, weil ich da nicht mehr reinpassen, weil ich in vielem einfach ganz wo anders bin und es mir auch oft einfach schwer fällt in das Alte zurückzugehen, auch weil es irgendwie schmerzt, nicht mehr wirklich dabei zu sein. Aber es war schön. Es geht. Ab und zu. Solange ich dabei ehrlich sein darf.

Dennoch darf man nicht anachronistisch werden, sondern muss seinem eigenen Weg folgen. Man muss für sich neue Narrative finden, mit der man Glaube neu füllen neu leben kann. Einige habe ich ja bereits angeschnitten.


Im zweiten Teil will ich ein wenig erzählen, wie die Beschäftigung mit dem Humanismus mich zu neuen Dingen geführt hat an die ich glauben konnte. Glaubensätze, die mir auch den christlichen Glauben neu aufschlüsselten, mir neue Perspektiven gaben und mich dann letztlich doch zu einer Art Re-Entry geführt haben. Dabei werde ich die hier gelegten Fäden auch wieder aufnehmen und weiterführen. Also, wen es interessiert – stay tuned!

 

 

 

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