Der reiche Jüngling und das Kind im Teich – Exkursionen durchs Nadelöhr

Das Matthäusevangelium erzählt die Geschichte eines reichen, jungen Mannes, der Jesus fragt: “Was muss ich tun, um gerettet zu werden?” Die Antwort: “Verkaufe alles, was Du hast und gib es den Armen und folge mir nach.” Eine offensichtlich niederschmetternde Antwort: “Er ging traurig davon, denn er hatte viele Güter.” (Mt. 19, 16-26)

Der Reichtum ist sein Stolperstein. Warum eigentlich?

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Reichtum – ein Symbol?

Die meisten Predigten, die ich über diese Geschichte gehört habe, interpretieren den Reichtum symbolisch: Er soll für alles das stehen, was sich “zwischen Dich und Gott” schiebt. Das kann Geld sein – heißt es in solchen Predigten -, es können aber auch Bindungen sein, Einstellungen, schlechte Gedanken und Gewohnheiten, ungesunde Beziehungen und so weiter und so fort. Jesus will, dass Du “diese ganzen Dinge” aufgibst, heißt es anschließend. Das Publikum ist dann betroffen und erleichtert zugleich. Betroffen, weil etwas “aufgegeben” werden muss, insgeheim aber auch erleichtert, weil es zum Glück doch nicht ums Geld geht. Denn je mehr verschiedene “Dinge” wir für das Symbol einsetzen können, desto unwahrscheinlicher ist es, dass unter “Reichtum” ausgerechnet “Reichtum” zu verstehen ist. Am Ende können wir Konkretes (“Reichtum”) behalten und müssen dafür lediglich Abstraktes (“Einstellungen”) aufgeben.

Diese Lesart hat natürlich etwas für sich, sie verstrickt uns aber zugleich in eine ganz eigenartige Ironie. Die einfachste Gemeinsamkeit zwischen uns und der Figur aus der Geschichte besteht nämlich tatsächlich in unserem materiellen Reichtum. Im Vergleich mit dem Rest der Welt ist der Lebensstandard in Deutschland immer noch exorbitant hoch. Leider gibt es auch hierzulande Armut, aber sehr viele von uns sind – im weltweiten Maßstab betrachtet – doch ziemlich reich. Und jetzt, wo wir schon materiell alles haben, wollen wir zuletzt auch noch geistliches Wohlergehen. Das bedeutet: Je symbolischer wir den “Reichtum” in dieser Geschichte lesen, desto mehr geraten wir erst recht in die Rolle des reichen Jünglings. Geld hat er, gläubig und rechtschaffen ist er schon (“Das alles habe ich gehalten von meiner Jugend auf”), jetzt soll auch noch das immaterielle Wohl her.

Ich möchte die Geschichte einmal anders lesen und dabei die scheinbaren Randfiguren ins Zentrum rücken: Die “Armen”. In der symbolischen Lesart sind sie sozusagen nur der Papierkorb für das Geld, das zwischen dem Jüngling und seinem Heiland steht und jetzt halt “irgendwohin muss”. Es gibt aber einen viel einfacheren Grund, den Armen das Geld zu geben: Weil sie arm sind.

Das Kind im Teich

Das moralische Grundproblem hinter der Armut hat der Philosoph Peter Singer in folgendem Gleichnis zum Ausdruck gebracht: Stell Dir vor, Du spazierst in einem sündhaft teuren Anzug durch den Park, 500 € hat er gekostet. Wahrscheinlich kommst Du gerade vom Bewerbungsgespräch. Plötzlich siehst Du ein kleines Kind in einen Tümpel fallen. Es kann sich kaum über Wasser halten, weit und breit ist niemand zu sehen. Du kannst dieses Leben retten, musst Deinen 500 €-Anzug aber anschließend in die Tonne treten.

Klarer Fall, werden die meisten sagen. Was sind schon 500 € gegen ein Menschenleben. Dagegen ist jeder Anzug wertlos. Man muss das Szenario aber nur sehr wenig verändern, um das Problem zu sehen: Für jede x-beliebige Ware oder Dienstleistung, die Du für 500 € erwirbst, könntest Du vermutlich das Leben eines Kindes in der sogenannten “Dritten Welt” retten oder zumindest entscheidend verbessern. Klingt kitschig, ist aber so. Natürlich gibt es einige Unterschiede zwischen dem anwesenden Kind im Tümpel und dem fernen, völlig unbekannten Kind irgendwo auf dem Globus; Singer kann allerdings zeigen, dass sie moralisch betrachtet nicht besonders viel Gewicht haben. Meine Verantwortung beginnt bereits dann, wenn ich weiß, dass irgend jemand von meinen Handlungen betroffen ist oder von ihnen profitieren könnte.

Radikal zu Ende gedacht, heißt das für uns in der Rolle der “Reichen”: Mit jedem Euro, den wir für uns selbst ausgeben, obwohl wir schon (fast) alles haben, stellen wir unsere eigenen Bedürfnisse über die der viel Bedürftigeren. Vor diesem Dilemma muss im Grunde jede Kinokarte gerechtfertigt werden. Natürlich macht das keinen Spaß, das ändert aber nichts am moralischen Problem. Armut fällt auch und gerade dann ins Gewicht, wenn man sie nicht sieht. Überall dort, wo Geld auszugeben ist – und das heißt für uns: sehr oft.

Unheimliche Bilanz

Wenn wir das wirklich verstanden haben, müssten wir unser Leben ziemlich drastisch einschränken: In einer kleinen, günstigen Wohnung leben, Fahrrad statt Auto fahren, Urlaub höchstens per Google Street View, von Blumenkohl ernähren. Dabei behalten wir sogar immer noch mehr, als Jesus es dem jungen Mann gestattet. Hauptsache, der Rest bleibt für die, die schlechter gestellt sind. Das geht schon. Der Arme kann so leben. Nur der Reiche scheitert mit vorhersehbarer Sicherheit daran. “Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr”.

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Die unangenehme Bilanz: Materielles Haben wird moralisches Soll. Ein Anspruch, den jeder einhalten könnte, aber den kaum jemand einhalten wird. Die Jünger im zitierten Bibeltext bemerken das ganz klar: “Wer kann dann selig werden?” Wie wir aus der Nummer wieder rauskommen? Gar nicht, zumindest nicht in diesem Text.

Der Text lässt uns moralisch zappeln, lässt uns in allen möglichen Windungen gegen unser Gewissen ankämpfen und gegen das Unvermeidliche argumentieren. Ich finde es inzwischen gut, dass es diesen Text gibt. Er führt vor, wie klar und einfach die Sache mit dem “Reich Gottes” eigentlich liegt und wie sehr der Mensch sich dabei zugleich selbst im Weg steht. Mit etwas Glück bringt er uns dazu, die moralischen Ansprüche an alle Anderen ziemlich runterzuschrauben. Er kann uns motivieren, weniger Breite einzunehmen: Jeden Tag mehr Nadel werden und weniger Kamel, damit zumindest die Richtung stimmt. Und im allerbesten Fall macht er Mut, dass Transformation auf irgendeiner Ebene doch noch möglich ist: “Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich.”

Literatur:

Peter Singer, Leben retten. Wie sich die Armut abschaffen lässt – und warum wir es nicht tun, Zürich 2010.

4 Gedanken zu “Der reiche Jüngling und das Kind im Teich – Exkursionen durchs Nadelöhr

  1. Was hülfe es den Menschen, wenn er die Welt gewöhne und sich dabei verliere?

    Wenn ich all mein Geld weggeben würde, Wäre niemanden wirklich geholfen wir hätten am Ende nur einen armen Menschen mehr auf der Welt.

    Ich mag den Text ich mag den Ansatz ich finde die Aussage und die Implikationen sehr gut. Nur schwarz-weiß können wir die Welt nicht beschreiben und auch keine Antworten finden die in die bunte Welt passen.

    Daher ist mir das ganze ein bisschen zu Eindimensional gedacht. Aber ein wichtiger Ansatz eine wichtige Botschaft die ich durch meine Kritik keinesfalls schmälern möchte

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