„Weiter Glauben“ von Thorsten Dietz – Eine Rezension

(Ein Beitrag von Christoph Schmieding)

Weiter Glauben

In seinem Buch „Weiter glauben“ nimmt sich Thorsten Dietz, Professor für systematische Theologie am theologischen Seminar TABOR in Marburg, auf knapp 200 Seiten so einiges vor. Bereits der Titel ist ein Spiel mit der Semantik. Denn „Weiter glauben“ meint nicht nur ein „Weiter“ im biografischen Sinne, spricht also von Menschen die vielleicht mit ihrem Glauben ringen und nach neuen Wegen suchen diesen zu leben und auszudrücken, sondern eben auch ein „Weiter“ in Kontrast zu einem Begriff der „Enge“. Eine Enge im Glauben, die wir in unseren Streits und Diskursen auch gerne als „fundamental“, oder gar „fundamentalistisch“ beschreiben.

Zielgruppe des Buches ist daher auch nicht zwingend eine Gruppen, sondern vor allem der geführte Diskurs selbst, der heute vor allem zwischen „progressiven“ und „konservativ-evangelikalen“ Christen geführt wird. Ansinnen von „Weiter glauben“ ist es letztlich nicht unbedingt eine Seite des Diskurses zu stärken, sondern vielmehr wieder etwas Entspanntheit in unsere Gespräche zu bringen. Erreichen will Dietz dies dadurch, indem er aufzeigt, wie alt, etabliert und vor allem weit die heutigen Diskurse eigentlich wirklich sind. Und wie vielfältig die möglichen Perspektiven, die man einnehmen kann. Statt sich in Grabenkämpfen verwickeln zu lassen, die beide Seiten eigentlich nur immer weiter einengen und verdichten, zeigt Dietz die tatsächliche Weite des Feldes auf, auf dem wir uns in unseren Diskussionen eigentlich bewegen könnten. Wo wir vielleicht einmal wieder Durchatmen und vielleicht auch wieder mehr die Dinge sehen könnten, die uns trotz Streit und Diskurs in Einzelfragen, dann doch wieder verbinden als Christen.

Glauben und Biografie

Mir persönlich ist im Glauben Ehrlichkeit ein sehr hohes Gut geworden. Ehrlichkeit auch dahingehend, dass man seinen Glauben, oder auch seine Zweifel hinsichtlich seiner Biografie auch erörtern und formulieren kann. Glaube und Biografie sind sehr eng verknüpft. Und das gilt für jede Form von Glauben, egal ob ich nun zur Skepsis neige, oder aber eher fundamentale Positionen vertrete. Glaube ist immer verknüpft mit unserer Sozialisation, mit unserem Lebensweg, unserer Geschichte. Auch die Fragen die wir stellen sind nie selbstverständlich, sondern immer mit unserer Biografie rückgekoppelt. So hab ich viele Christen in meinem Freundeskreis, die viele Fragen die mich persönlich bewegen, selber so überhaupt nicht stellen würden. Die gar nicht das Bedürfnis haben gewissen Dinge in Frage zu stellen oder nach neuen Narrativen zu suchen. Für die das mit ihrem Glauben super funktioniert, so wie er ist, dort wo sie stehen. Die Gott dort erleben und sich aufgehoben fühlen in ihren Vorstellungen. Andererseits habe ich aber auch agnostische oder atheistische Freunde, die wiederum niemals auf die Idee kommen würden überhaupt nach einem Gott zu fragen. Für die Glaube überhaupt kein Bedürfnis, kein Thema zu sein scheint. Die super zurecht kommen ohne irgendwelche transzendenten Vorstellungen. Die auch ohne Religion tiefe Werte und auch Sinn in ihrem Leben finden, ohne dies irgendwie in religiöse Narrative gießen zu müssen. Und dann gibt es Menschen wie mich, die evangelikal aufgewachsen sind, für die viele Narrative da aber nicht mehr funktionieren und die auf Suche sind nach Wahrheiten, die sie auch wirklich glauben können.

Auch Thorsten Dietz steigt in sein Projekt über das Thema Biografie ein. Und dies auf doppelter Ebene. Er beginnt mit der sehr persönlichen Geschichte von Torsten Hebel, der in seinem Buch „Freischwimmer“ eine Biografie des Zweifelns niedergeschrieben hat. Ein Buch, das sehr viel Irritationen in eher evangelikalen Milieus verursacht hat. Gerade wenn Menschen wie Torsten Hebel oder auch ein Gofi Müller, die vormals bekannte Gesichter in der evangelistischen Szene waren, davon erzählen, wie sie Glauben fast verloren hätten und nun jenseits von Evangelikalien Glauben ganz neu entdecken müssen – das sind die Geschichte, bei denen man eigentlich aufhorchen muss. Die einem zum Nachdenken bringen. Die man nicht einfach abtun kann, sondern wo die Auseinandersetzung wichtig ist.

Glauben ist nie selbstverständlich. Glaube ist verknüpft mit den Dingen, die uns im Leben begegnen. Den Dingen, den Ereignissen, die Fragen bei uns aufwerfen, die auch vorher funktionierende Muster und Modelle komplett zum Einsturz bringen können. Man kann Biografie nicht übergehen – man muss die Fragen stellen dürfen. Sie werden nicht einfach wieder verschwinden, sondern sie sind verknüpft mit uns als Person, im Rahmen unserer Biografie, aber durchaus auch mit uns als Gruppe und Gesellschaft.

So findet auch Thorsten Dietz von der persönlichen Biografie eines Torsten Hebels schnell hin zu Nietzsche und den Fragen, der Biografie, die uns als moderne Menschen heute zu teilen ausmacht und prägt. Wenn etwas die Moderne insbesondere betrifft, dann ist das sicherlich der Aspekt der Diversität. Es gibt heute immer weniger geschlossene Gruppe, die sich in ihrer gebildeten Identität ohne Anfragen von außen ungehindert reproduzieren können. Wir finden in unserer Gesellschaft, und auch in der Christenheit, heute eine Vielzahl an Biografien vor. Zudem werden Gruppen durchlässiger – was auch meint, dass sich unsere Biografien ändern können. Wachsen wir vielleicht noch in behütetem, evangelikal-christlichen Elternhaus im bergischen Land auf, ziehen wir zum Studieren vielleicht nach Köln oder Berlin und werden dort mit ganz anderen Lebensrealitäten konfrontiert zu denen wir uns nun zu verhalten haben. Das hat Einfluss auf uns, auf unsere Biografie. Die Fronten zwischen den gesellschaftlichen Gruppen werden zunehmend unklarer, Identität zunehmend diskursiver. Und das ist ein Prozess, der natürlich auch vor Glauben keinen Halt macht. Dies ist auch kein Phänomen, das man mit einem Zeitgeist Topos einfach marginalisieren kann, sondern eine gesellschaftliche Realität, der man sich unweigerlich wird stellen müssen, weil sie unsere persönliche Biografie, unsere Identität berührt und verändert. Wir sind nicht unbedingt immer das was wir wollen, sondern in vielem auch Produkte unserer Geschichte, unserer Erfahrungen, wie auch unserer Interaktion mit anderen Menschen und anderen Vorstellungen.

Was ist Wahrheit?

Die Stärke von Thorsten Dietz Buch ist es, diese Bewegungen einerseits sehr ernst zu nehmen, andererseits durch deren Reflexion auf rhetorischer Ebene eine gewissen Gelassenheit hineinzubringen. Sein Buch versucht Verständnis dadurch zu schaffen, indem es Glaube als etwas beschreibt, über das wir sprechen müssen. Etwas das eben nicht selbstverständlich ist, sondern etwas das sehr eng verknüpft ist mit persönlicher, wie aber auch gesellschaftlicher Biografie. Über Glaube kann man reden, aber eben nicht zwingend streiten. Und dort wo man es dann doch tut, führt dies schnell zu Frontenbildungen und Verengungen auf beiden Seiten, die weder der einen, noch der andere Seite wirklich gerecht werden.

Im Weiteren greift Dietz verschiedene theologische und gesellschaftliche Themen auf, insbesondere unterschiedliche Ansätze eines Bibelverständnisses oder auch moralische Fragen, die uns heute als Gesellschaft bewegen. Was er sehr gut zeigt ist, dass auch wir als Christen hier immer schon im Gespräch waren. Dass es einen selbstverständlichen Gott so nie wirklich gegeben hat und auch nie wirklich geben kann. Das jeder Anspruch Gott nun komplett verstanden und begriffen zu haben immer nur ein Kurzschluss sein kann, ein Kurzschluss der eben gerade auch Streit und Spaltung begünstigt. Das Ringen um die Wahrheit kann immer nur ein Gespräch sein. Gott selbst kann immer nur im Gespräch verstanden werden, er ist letztlich nie unmittelbar greifbar. Er entzieht sich unserer Vorstellung immer aufs neue und lässt immer wieder eine Leerstelle zurück die uns zum Gespräch nötigt, und die auch nur das dauernde Gespräch wirklich füllen kann.

Dietz geht es hier weniger darum andere von seinen Erkenntnissen und Haltungen zu überzeugen, als vielmehr ein Verständnis zu schaffen eben gerade auch für unterschiedliche Haltungen und Perspektiven. Eine Möglichkeit im Gespräch zu bleiben in gegenseitiger Wertschätzung und mit dem Bewusstsein, einerseits nicht alles annehmen zu müssen was der andere meint, aber trotzdem dort ein offenes Ohr zu haben, wo der andere mich trotz Dissens in vielen Dingen, doch auch bereichern könnte. Ihm geht es darum sich nicht in die Polarisierung zurück zu ziehen, sondern uns aus unterschiedlicher Richtung auf dem weiten Feld der Diskurse zu treffen und uns im Gespräch gegenseitig zu bereichern.

Fundiert unfundamentalistisch

Ich glaube ein Verständnis für die Verknüpfung von Biografie und Glauben – ein Bewusstsein dafür, dass meine Wahrheiten, oder die Wahrheiten meiner Gruppe nicht unbedingt die Wahrheiten aller sein können, das würde dem Diskurs und dem Gespräch deutlich helfen. Und dies betrifft sicherlich alle Gesprächsteilnehmer. Glaube ist nicht als apriorische, kulturfreie Metaphysik zu betreiben, sondern immer in Abhängigkeit von seinen Gesprächspartnern, seinen Rezipienten und dem was sie an Kultur und Biografie mitbringen.

Das gilt aber gleichermaßen auch für progressive Christen. Auch post-evangelikale Christen können nicht erwarten ihren Glauben nun komplett traditions-entkoppelt im luftleeren Raum gestalten zu können. Fundierte Anfragen werden kommen, sobald wir das Wort „Christ“ in den Mund nehmen. Damit müssen auch wir umgehen lernen und im besten Fall konservative Anfragen auch ernst nehmen und als Korrektiv für unser weiteres Forschen mit berücksichtigen. Wer sich Christ nennt, stellt sich in den Kontext eines Diskurses, einer Gemeinschaft. Das ist schon ein Punkt, der mir bei der Lektüre von „Weiter Glauben“ noch einmal bewusst geworden ist. Wir kommen aus der Nummer nicht raus uns auch mit anderen Perspektiven auseinandersetzen zu müssen. Und Thorsten Dietz hat recht, wenn er meint, das sei auch gesund so.

Das heißt nicht, dass wir jede spezifische Glaubensgemeinschaft tatsächlich vollends akzeptieren müssen und nicht kritisieren dürfen. Manchmal muss man eine toxische Religiösität auch bewusst hinter sich lassen. Ich kenne nicht weniger Menschen, die in charismatischen oder streng evangelikalen Kreisen groß geworden sind und jahrelange therapeutische Aufarbeitungsprozesse brauchten um mit sich und der Welt wieder klar zu kommen. Religion hat leider oft sehr viel destruktives Potential für den Einzelnen, gerade in sehr unreflektierten, eher charismatischen Kreisen. Aber christlicher Glaube kann letztlich auch von solchen, vielleicht auch einmal destruktiven, Idiomen nicht getrennt werden. Christentum kann von seiner Geschichte nicht getrennt werden. Das Christentum hat eine Biografie, die ist nicht in allem gut und gesund, aber man kann sie auch nicht verleugnen und ausradieren. Wir müssen uns damit auseinandersetzen. Sicher können wir auch Dinge korrigieren, aber wir können den christlichen Glauben nicht komplett neu erfinden. Wir müssen uns den Anfragen anderer Gruppe auch stellen – zumindest so lange, wie wir uns auch Christ nennen möchten.

Was ich durch die Lektüre letztlich gewonnen habe

Ich muss gestehen, dass ich unter dem Titel „Weiter glauben“ etwas anderes erwartet hatte, als ich letztlich bekommen habe. Ich hätte mir mehr Impulse gewünscht für mich als fragender, progressiver Christ um in meinem „Glauben wollen“ weiter zu kommen. Außer einem kurzen Ausflug zu Paul Ricoeurs zweiter Naivität, bei der Dietz aber ähnlich vage und schwer greifbar bleibt wie Ricoeur selbst, hab ich hinsichtlich meines persönlichen Glaubenslebens aber wenig Impulse finden können. Als Theologensohn und Konsument von Podcasts wie Worthaus, Remix oder Hossatalk waren mir die meisten angeschnittenen Themen, Argumente und Perspektiven nicht wirklich neu.

Das Buch hat jedoch auf ganz anderer Ebene positiv auf mich gewirkt. Nämlich indem es mich zu mehr Gelassenheit im Umgang auch mit meinen konservativeren Geschwistern ermutigt hat. Etwas frech ausgedrückt: das große Handicap eines Siegfried Zimmers, seine Polemik, ist die große Stärke eines Thorsten Dietz. Thorsten Dietz wird nämlich niemals polemisch, persönlich oder respektlos. Das was er erreichen will, gegenseitige Wertschätzung, das lebt er selbst in jedem seiner Worte. Dietz nimmt Menschen ernst, egal welcher Biografie, egal ob nun erzkonservativ oder progressiv. Dietz trennt nicht Glaube und Mensch. Das ist das besondere an seinem Buch. Das ist der Move, der tatsächlich eine Wirkungsästhetik entfalten kann, die den Diskurs zwischen den Lagern etwas entspannt und es vielleicht auch ermöglicht einander wieder besser zuzuhören.

Thorsten Dietz Beitrag „Weiter Glauben“ ist an den Diskurs gerichtet. Nicht jedoch als Streitschrift oder Polemik, sondern vor allem im Modus einer Meta-Reflexion. In Thorsten Dietz Buch finden sich viele Perspektiven, Einsichten, Argumente und Informationen, die uns helfen können, egal auf welcher Seite des Diskurses wir stehen. Sie helfen Verständnis füreinander zu entwickeln und wieder ins Gespräch zu kommen. Wenn wir heute streiten, haben wir mit „Weiter glauben“ ein auf den Punkt geschriebenes Buch an der Hand, dass wir empfehlen können, um unsere Perspektive, unsere Unterschiedlichkeit zu erklären und so wieder ins Gespräch zu kommen. Das Buch sei also jedem empfohlen, der sich weiter am Diskurs beteiligen möchte. Jedem, der nicht aufgeben will, der sich nicht einfach in seine Blase zurückziehen möchte, sondern der das Gespräch wirklich weiter sucht, der festhält an der Idee des Dialogs und dem Anspruch einer Gemeinschaft der Christen.

In diesem Sinne, danke Thorsten für dein hilfreiches Buch. Ich werd es sicherlich vielfach weiter empfehlen.

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit!

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