Generation Lobpreis: „Gott zwischen göttlichem Butler und kosmischem Therapeuten.“

Vor kurzem haben Tobias Künkler und Tobias Faix unter dem Titel „Generation Lobpreis“ die aktuelle Jugendstudie des empirica Instituts der CVJM Hochschule Kassel vorgestellt. Diese versucht anhand quantitativer wie auch qualitativer sozialwissenschaftlicher Methoden die Frömmigkeit und das Glaubensleben einer jungen, hochreligiösen Generation zu beschreiben. Künkler und Faix skizzieren dabei das Bild einer Generation, die Religion und Glaube heute deutlich subjektivierter und erfahrungsorientierter lebt, gerade indem sie den postmodernen Anspruch der „Selbstsorge“ mit tradierten Glaubensinhalten zu verbinden versucht.

Wie leben jungen Generationen Glauben und Frömmigkeit heute? Welche Werte sind ihnen wichtig? Welches Gottesbild haben sie entwickelt und welche Bedeutung hat Glaube für ihr alltägliches Leben?

Die aktuelle empirica Jugendstudie versucht diese Fragen zu beantworten und ist sicherlich eine der hilfreichsten Publikationen aktuell, will man verstehen, wie junge, meist evangelikal geprägte Menschen heute mit Glaubensfragen umgehen.

Wichtig ist diese Auseinandersetzung zuletzt auch deshalb, weil die Generation Lobpreis sicher vielfach auch die Gemeindelandschaft und Glaubenstopik von morgen mitprägen wird.


Die Rahmung:

Der Rahmen der Studie wird abgesteckt durch zwei Determinanten: Alter und Bedeutung des Glaubens für das persönliche Leben.

Auch wenn die Studie von jungen Menschen spricht, dann versteht sie sich nicht als reine Jugendstudie, also konzentriert sich auf die noch wenig umrissene Generation Z, sondern schließt auch die heutigen Twentysomethings, also die Generation Y mit ein. Wir haben es hier also genau mit der Zielgruppe zu tun, die auch von eher Lobpreis-orientierten Gemeindebewegungen wie Hillsong, Citychurch* oder ICF angesprochen wird.

Dass es Sinn macht den Altersrahmen der Studie (13-29 Jahre) recht weit zu setzen, belegt die Studie letztlich selbst, denn überraschenderweise unterscheiden sich die Antworten der fast 3200 Teilnehmer, trotz der breiten Altersspanne, recht wenig von einander. Die Gruppe der hochreligiösen Jugendlichen und jungen Erwachsenen scheint im Gegenteil fast erschreckend homogen und geschlossen. Ein Befund, der auch die Macher der Studie überraschte, die in ihren Hypothesen nämlich von deutlich mehr Diversität ausgegangen waren.

Wenn die Studien von hochreligiösen Menschen spricht, orientiert sie sich in ihrer Kategorisierung an dem erprobten Model von Stefan Huber, das beispielsweise auch im Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung eingesetzt wird.

Dieser Ansatz unterteilt in nicht-religiös, religiös und hoch-religiös. Die Unterschiede werden hier sowohl quantitativ, wie qualitativ festgemacht.

Von hochreligiös spricht dieses Modell dann, wenn der persönliche Glaube stark im Mittelpunkt der eigenen Persönlichkeit steht und sich auch in Fragen der Selbstsorge, also beispielsweise hinsichtlich der Normen und Werte, die wir als Menschen vertreten, überdurchschnittlich thematisiert. So werden bei hochreligiösen Menschen beispielsweise politische Einstellung durchaus auch durch den Glauben geprägt, während Glauben und politische Verortung in der Gruppe der religiösen Menschen eher weniger miteinander resonieren.


Soziokulturelle Verortung:

Wenn man gemeinhin an Jugendliche und junge Erwachsene denkt, für die Religion und Glaube eine große Bedeutung im Leben hat, dann assoziiert man hier natürlich erst einmal ein eher bürgerlich-konservatives Milieu. Eine gesamtgesellschaftlich also eher schrumpfende Gruppe. Auch wenn die Macher der Studien in ihren kritischen Hypothesen hier mehr Diversität erwartet hätten, bestätigt die Studien eher die Annahme, dass die Zielgruppe tatsächlich als recht kohärent und homogen zu beschreiben ist.

Im Rahmen einer Verortung in den Sinus Milieus, sind die Teilnehmer in ihren Werten und Haltungen so deutlich weniger im progressiven Spektrum zu finden, sondern im Gro zwischen konservativ-bürgerlich und adaptiv pragmatisch einzuordnen.

Hinsichtlich ihrer Lebenslagen, kommt die Mehrheit der besprochenen Gruppe aus eher besser situierten Verhältnissen und konnte so auch auf ein überdurchschnittliches kulturelles Kapital zurückgreifen und entsprechend auch Bildungschancen wahrnehmen. Nicht verwunderlich also, dass auch der Wertetypus des aufstrebenden Machers hier mit 40% (in der Shell Jugendstudie 32%) überdurchschnittlich stark vertreten ist.


Ambiguitäten

Bei Betrachtung der Werte und Haltungen junger hochreligiöser Menschen kommt es zu einer Beobachtung, die in der Generation Y generell häufig gemacht wird. War die Generation X noch stark politisiert und denkt oft recht klar in dichotomen links/recht oder Idealismus/Hedonismus Kategorien, scheint die Generation der modernen Performer eine deutlich ausgeprägtere Ambiguitätstoleranz aufzuweisen. So vertreten viele junge Menschen der Generation Y oft recht widersprüchliche Werte, schaffen es aber diese auf einer pragmatischen Ebene nebeneinander zu integrieren.

Idealistische Werte und Tugenden, also anderen Menschen zu helfen beispielsweise, oder ein ökologisch nachhaltiges Denken, korrelieren hier mit dem Wunsch nach einem, auch im materiellen Sinne, guten Leben. Einsatz für andere ja, aber dies muss, im Gegensatz zur Generation X, nicht unbedingt auch zu einem Hinterfragen der eigenen Privilegien, oder zu einer konsequenten Konsumverweigerung führen. Ähnlich auch bei ehrenamtlichem Engagement. Man setzt sich gerne ein, es wird aber auch formuliert, dass es wichtig sei, dabei auch selber Spaß zu haben.

Das zeigt sich praktisch dann auch darin, welche gemeindlichen Arbeitsbereichen bei jungen Menschen der Generation Lobpreis hoch im Kurs stehen. Natürlich steht die Mitarbeit im Musikteam der Gemeinde hier an vorderster Stelle, während Bereiche der Diakonie eher seltener genannt werden.


Eine Emotionalisierung des Glaubens?

In seiner kurzen Besprechung der Studien auf seinem Blog, wählt Tobias Faix den Terminus Emotionalisierung um das Glaubensleben der Generation Lobpreis zu beschreiben.

Hiermit möchte er vor allem auf die starke Erlebnisorientiertheit in der Frömmigkeit der Generation Lobpreis hinweisen. Hier stehen nämlich weniger tradierte Glaubensdogmen oder theologische Diskurse im Vordergrund, sondern vielmehr die persönliche Glaubenspraxis, die sich vor allem im Lobpreis, wie auch dem persönlichen Gebet ausdrückt.

Tobias Künkler wiederum formulierte das Gottesverständnis der Generation Lobpreis in einem Interview mit dem ERF fast schon etwas süffisant als eines irgendwo „zwischen göttlichem Butler und kosmischen Therapeuten“.

Was die Studie ziemlich klar zeigt, und was man sicherlich erst einmal auch positiv bewerten muss, ist das radikal positive Gottesbild dieser Generation. Gott liebt bedingungslos! Das ist die Botschaft und das Verständnis, das verkündet und geglaubt wird. So empfindet man innerhalb dieser Worshipkultur vor allem erst einmal auch Dankbarkeit, Geborgenheit und ein Aufgehoben sein in Gott. Nur selten ist man enttäuscht oder gar zornig auf Gott, schon gar nicht hat man Angst, oder Furcht.

So wird auch christliche Gemeinschaft und Gottesdienst in erster Linie als etwas gedacht, das uns diesem liebenden Gott, der gerne auch als der perfekte Vater, oder als guter Freund beschrieben wird, näher bringt. In einem solchen Glaubensverständnis wendet sich Gott dem Individuum zu. Es geht um mich, meine persönliche Beziehung zu Gott – die als etwas intimes, sehr persönliches gelebt wird.

Sicher, kritisch betrachtet, kann man hier von einer deutlichen Subjektivierung des Glaubens sprechen. Auch von einer Erlebnisorientiertheit, in Teilen vielleicht gar Konsumhaltung, die vor allem mich als Subjekt erst einmal in den Fokus nimmt.

Tobias Künkler zitiert in seinem ERF Interview zur Generation Lobpreis nicht ganz ungeschickt bekannte Worship Songs, die bereits grammatikalisch das „Ich“ stark in den Mittelpunkt stellen. In der (post-)modernen Lobpreislyrik geht es primär um das Subjekt, selten um das Gemeine, die Kirche oder die Gesellschaft. Lobpreis sei daher, so Künkler, die „postmoderne Liturgie“ der Individualisierung.

Die Subjektorientierung, als Anspruch und „Lebensgefühl“ der Postmoderne, zeigt sich hier im Modus einer Hinwendung zum eigenen Innenleben und drückt sich in der modernen Lobpreiskultur sprachlich aus. Im Lobpreis, so könnte man kritisieren, stünde somit vor allem der Mensch und sein Empfinden, viel weniger aber unsere Reflexionen über Gott im Mittelpunkt. Hier wird Glaube vor allem zu einer „Sorge um sich“ und Gott so zu der Quelle, die der eigenen Vervollkommnung dient. Künkler spricht so auch von einer „Therapeutisierung des Glaubens„.

Vieles was man heute von den Bühnen jüngerer Gemeinden und christlicher Events hört, spiegelt letztlich auch genau diese Subjektorientierung. Oft fällt es schwer einen Hillsong oder ICF Gottesdienst inhaltlich von einer Motivationsveranstaltung zu unterscheiden, wäre da eben nicht die christliche Topik, in der die Motive, die oft eher einer Motivationspsychologie entstammen, eingehüllt werden.

Eine „Ich und mein Jesus“ Frömmigkeit ist aber, zumindest in der freikirchlichen Szene, kein ganz neues Motiv. In der Generation Lobpreis wird sie allerdings zum Mainstream, zur grundlegenden Glaubenserfahrung und zum etablierten Frömmigkeitsstil.


Ein erschreckend gesunder Umgang mit Glaube?

Wenn man bei den kritischen Untertönen des letzten Absatzes einmal genauer hinhört, schwingen da letztlich zwei etwas dissonanten Konnotationen mit. Das wäre zum Einen eine gewisse Portion Konservativismus, eine Haltung also, die sich mit dem Subjekt und der Individualisierung generell eher schwer tut. Zum Anderen vielleicht aber auch ein gewisses Maß an Idealismus, das vor allem die Generation X mit ausmacht, und das sie heute beispielsweise über übliche Termini wie „das gute Leben“ stolpern lässt.

Fassen wir einmal zusammen was die Generation Lobpreis ausmacht, ergibt sich folgendes Bild: 1. Ein konsequent positives Gottesbild, das Gott als treuen Freund und guten Helfer denkt und so ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität im Leben geben kann. 2. Veranstaltungen, die vor allem motivieren wollen und einen positiven Blick auf Glauben und Leben propagieren. 3. Die Fähigkeit, den Wunsch nach dem „guten Leben“ mit post-materiellen Werten zusammenzubringen, ohne sich selbst dabei schuldig zu fühlen. Sowie 4. die Integration einer post-modernen Selbstsorge in eine tradierte Glaubenstopik.

Ganz ehrlich – Jeder gute Psychotherapeut würde da doch attestieren: Alles richtig gemacht!

Mit etwas Abstand betrachtet klingt die Glaubenstopik der Generation Lobpreis so doch fast schon erschreckend gesund. Sowohl dem Glauben als auch dem Leben gegenüber. Vielleicht finden wir hier ja tatsächlich ein Glaubensmodell, das in der westlichen Welt zukunftsfähig ist, das in der Lage ist wirklich gute Antworten auf die Individualisierung und die Fragen unserer Zeit zu geben? Das Christsein vielleicht auch wieder attraktiv macht, weil es die Menschen da abholt, wo sie heute stehen? Eine Christenheit, die von einem Gott spricht, der den Menschen tatsächlich, wie der Vater des verlorenen Sohns im Gleichnis des Lukas Evangeliums, auf halbem Weg entgegen kommt?


Fragezeichen

Wer mich und meinen Blog kennt, weiß, dass ich eine Generation Lobpreis dennoch nicht ganz so einfach davon kommen lassen will. Denn natürlich gibt es hier Fragen, die sich aufwerfen. Und ich möchte an dieser Stelle nicht lediglich nur auf problematische Haltungen und Werte eher konservativer Milieus hinsichtlich Identitätspolitik und sozialer Verantwortung verweisen, wie man dies von #gottistlinks erwarten würden. Denn auch im Strukturellen ergeben sich für mich vor allem zwei Punkte, wo ein Nachfragen meines Erachtens nötig scheint.

Das betrifft vor allem das beschränkte Integrationspotential einer Generation Lobpreis. Denn wie die Studien gut zeigt, sprechen wir hier von einem hinsichtlich Lebenslagen, Kulturhintergrund und Wertetypus recht homogenen und geschlossenen Raum. Beachtet man zudem die Tendenzen der Diversifizierung, wird sich auch eine Generation Lobpreis vermutlich immer stärker in ihren geschlossenen, homogenen Communities sammeln.


Homogenisierung und Exklusivierung

Schaut man sich Gemeindebewegungen wie etwa Hillsong oder ICF an, sieht man ja heute bereits, wie so etwas ausschauen kann. So stellt sich schon die Frage, ob eine Christenheit, der sich hinsichtlich Altersstruktur, Milieu, Lebenslage und Wertetypus, so dermaßen in ihren Gruppen exklusiviert, nicht am Ende eher zu einer Art Selbstbespaßungssystem wird, das den Herausforderungen unserer Zeit – dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, der Solidarität untereinander, oder der soziale Verantwortung – eher nur entflieht, indem man sich in die eigenen, homogenen Blasen zurückzieht.

Wenn wir uns in unserer Selbstsorge nicht mehr der Herausforderung des Anderen stellen und uns in unseren homogenen Clubs immer weiter einrichten, dann verlieren wir als Christen unser integratives Potential und somit das, was Kirche eigentlich immer ausgemacht hat, nämlich gerade über den Glauben unterschiedlichste Menschen an einen Tisch zu bekommen: Jung und alt, arm und reich, gesund und krank, happy und traurig, erfolgreiche Performer und Verlierer in der Leistungsgesellschaft.

Wo man nicht mehr kommuniziert, da findet auch irgendwann keine wirkliche Solidarität mehr statt, da man von „denen da draußen“ dann einfach auch nichts mehr mitbekommt.

Gerade der Generation Lobpreis, die sich in ihrer Glaubenstopik immer weiter ins persönliche zurückzieht, würde ich die Tendenz unterstellen, dass sich dies auch hinsichtlich ihrer Communities immer weiter zeigen wird. Dabei wäre es vielleicht gerade an den Christen zu schauen, wie man Themen um Individualisierung, Diversifizierung, Ent-Solidarisierung und „Blasenbildung“ konstruktiv begegnen könnte. Wie wir vielleicht gerade als Christen hier einen Unterschied machen und statt den Rückzug in unsere eigene Filterblase anzutreten, den Schritt nach vorne machen, Diversität und Inklusion leben, und so aus unseren Glaubensüberzeugungen heraus der Individualisierung bewusst ein Schnippchen schlagen.


Gott hat die Kontrolle, bis Wir sie verlieren

Ein weiteren Fragezeichen würde ich an die Theologie eines „God is in control“ setzen wollen. Durch die starke Subjektivierung des Glaubens wird dieser nämlich sehr eng auch mit persönlicher Biografie verknüpft. Da möchte man insinuieren, dass es nicht ganz von ungefähr kommt, dass gerade die Gruppe der aufstrebenden Macher oder moderne Performer hier über-repräsentativ anzutreffen sind. Menschen also, deren Biografie bisher vermutlich recht krisenfrei und erfolgreich verlief.

Kommt man hingegen aus einem anderen Milieu, oder einer Bewegung wie den Jesus Freaks, ist es manchmal schon ein kleiner Kulturschock, begibt man sich einmal in eine City Church oder ICF Gemeinde. So viel Homogenität, „heile Welt Lyrik“ und „happyclappy“ kann auf Menschen schon auch abschreckend wirken, vor allem dann natürlich, wenn dies so gar nicht der Lebensrealität entspricht, der man in seinem Alltag außerhalb einer bürgerlich-, christlichen Welt überall begegnet.

Geht man von einer Machbarkeit des Lebens und der eigenen Biografie aus, prägt dies natürlich Theologie und Glaubensverständnis auch mit. So wird Glaube schnell auch zu einer Wunschmaschine und Gott zu eben jenem „göttlichen Butler„, der uns Erfolg und Fortkommen garantiert, sei es in unserer jungen Ehe, im Job oder bezüglich unserer Gesundheit.

Doch ein Gott, der alles kann und alles verspricht, kann letztlich auch zu einem Stolperstein werden, wenn uns die Kontingenz des Lebens dann doch unvorbereitet und hart trifft. Sei es, dass unsere Beziehungen trotz tiefen Glaubens und ehrlichen Bemühens scheitern. Sei es, dass wir vielleicht mit Krankheit oder Tod im familiären Umfeld konfrontiert werden. Oder auch nur, dass unser soziales Engagements uns mit Lebensrealitäten in Berührung bringt, wo es schwer wird, an einen Gott zu glauben, der sich um unser alltägliches Leben, unsere persönliche Biografie sorgt und hier alles für uns im Griff hat.

Wenn also die Erfahrung von Gottesnähe in Worshipveranstaltungen und die Relevanz Gottes für unser persönliches Leben zu den Kerngedanken unseres Glaubenslebens werden, kann ein solcher Glaube uns dann auch durch schwere, existentielle Krisen tragen? Durch Zeiten, wo die Dinge einmal nicht funktionieren? Wo wir mit Ungerechtigkeit, Leid oder Kontingenz zu dealen haben? Sprechen wir mit unserer Lobpreis Topik denn überhaupt noch Menschen an, die es schwerer haben im Leben?


Mehr Exklusion als Inklusion

Meine Frage wäre, ob eine Generation Lobpreis letztlich nicht mehr Menschen ausschließt als sie integrieren kann. Wirklich funktionieren tut die hier transportierte Glaubenstopik nämlich nur dann, wenn man nicht mit wirklich schweren Problemen und existentiellen Nöten zu kämpfen hat. In den Gottesdiensten der Generation Lobpreis trifft sich oft ein recht abgegrenztes Milieu unter sich und feiert ihren Glauben. Durch die starke Hinwendung zum Persönlichen, werden jedoch andere Gruppen, andere Lebenslagen und andere Welterfahrungen weitgehend ausgeblendet.

Und diese Exklusion geschieht auf doppelter Ebene. Sie betrifft die Milieuzugehörigkeit, das entsprechende Mindset, aber eben auch persönliche Biografie. Nicht jede Biografie hat ihren Platz in unseren Lobpreisgottesdiensten, weil sich nicht jede Biografie von unseren „Heile Welt“ Schlagertexten trösten lässt.

In so manchem Lobpreisgottesdienst fühlt man sich heute wie in einem frommen Disneyland und denkt sich – von was zum Teufel singen die hier? Schnell kann sich da ein unüberwindbarer Graben auftun zwischen Menschen bei denen es läuft, die das feiern und sich darin dankbar an Gott wenden, und Menschen die struggeln. Die es vielleicht generell auch schwerer haben im Leben.


Es geht auch anders

Das Lobpreiskultur und Exklusion nicht unbedingt miteinander einhergehen müssen, sondern dass es hier vor allem um Awareness geht, das zeigt beispielsweise die Vineyard Bewegung. So leiten Freunde von mir eine kleine Vineyard Gemeinde in Köln, die Lobpreis und Anbetung insbesondere fokussiert und lebt, es trotzdem aber schafft auch Menschen abzuholen und zu integrieren, bei denen es definitiv nicht so „happy clappy“ im Leben zugeht. Denen ein „You are good, you are good, God, you are good“ jetzt nicht so einfach von den Lippen geht. Wo solche Worte vielleicht gar schmerzhaft sein können, weil man eben vielleicht nicht das gute Leben leben kann, das andere vielleicht haben und das man sich natürlich selbst auch gewünscht hat.

Den Unterschied macht letztlich die Awareness. Natürlich hat gerade auch die Vineyard mit ihrem Intimitätsgedanken eine Subjektivierung und Emotionalisierung des Glaubens in den letzten Jahrzehnten maßgeblich mit gefördert, aber sie hat dabei immer auch die Menschen im Blick behalten, die auch das Evangelium auf dem Schirm hatte: Die Benachteiligten, die Kranken, die Einsamen, die Marginalisierten… Daher ist eine Vineyard Köln beispielsweise auch nicht ein frommer Club der schönen, heilen und erfolgreichen Menschen, sondern ein ziemlich bunter, diverser Haufen, der das Leben in seiner ganzen Bandbreite und Diversität zeigt. Für mich ein Spiegelbild Gottes, das ich deutlich heilsam finde, gerade weil es ehrlich mit uns ist.


Awareness schaffen!

Individualisierung und Diversifizierungen sind als gesellschaftlicher Wandel Herausforderungen denen sich die westliche Christenheit, jenseits der akademischen Diskurse, meines Erachtens noch nicht wirklich konstruktiv stellt. Und ja, eine Generation Lobpreis schwimmt hier klar im Fahrwasser einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, oft ohne diese zu reflektieren. Hier eine Awareness zu schaffen, auch für die Tücken und Gefahren einer solchen Entwicklung, das sehe ich schon auch als die große Verantwortung für christliche Leiter in unserer heutigen Zeit.

Leider wird das Thema Individualisierung oftmals allerdings nur von erzkonservativer Seite aus aufgegriffen und hier dann als postmoderner „Zeitgeist“ problematisiert. Eine ernsthafte, systematische, auch konstruktive Auseinandersetzung wird aber nicht betrieben. Dafür sind Konservative typischerweise viel zu sehr mit ihren eigenen Verlustängsten beschäftigt und außer die eigenen Gebäude, den Status Quo, zu verteidigen, kommt da traditionell in der Regel nicht viel bei rum.

Gefordert sind hier vielmehr progressive Ideen, die die gesellschaftlichen Entwicklungen ernst nehmen, sie aufnehmen und zu integrieren lernen. Derzeit profitieren hauptsächlich sehr junge Gemeindefranchises von den Entwicklungen. Denn ICF, C3 Church und Co. setzen da einfach auf und machen ihr Ding – erfolgreich. Eigentlich braucht es aber Menschen und Leiter, die nicht einfach nur mit schwimmen, sondern die aufstehen, Gegenvorschläge machen und gestalten wollen.

In der Bibel, in der Kirchen- und Theologiegeschichte finden wir genug Material und Gedanken um Gemeinde nicht nur an die Post-Moderne anzupassen, sondern auch progressive Gegenentwürfe zu machen. Wo wir vielleicht gerade sagen – Gemeinde ist eben nicht homogen. Gemeinde und Kirche will gerade in einer sich individualisierenden Gesellschaft ein Ort der Begegnung sein, der Menschen durch den Glauben zusammenbringt, die in ihrem Alltag vielleicht nichts miteinander zu tun haben.

Gemeinde als progressives Gegenmodell zur Individualisierung – nicht im Modus einer konservativen Verneinung, sondern einer progressiven Reaktion, die zeigt, dass man die Dinge ernst nimmt. – Das wäre meines Erachtens das Projekt vor dem die Kirche, aber auch jeder Einzelne in seiner „Selbstsorge“ – um die politische Dimension dieses Begriffs auch einmal anzubringen – heute steht. Hier eine Awareness zu schaffen, die die strukturellen Veränderungen ernst nimmt, aber auch Angebote macht, die Solidarität, Inklusion und ein Zusammen der unterschiedlichen Gruppen und Milieus wieder fördert. Das wäre ein Projekt an dem ich mich auch gerne beteilige und auch konservativen Mitstreitern die Hand reichen würde.

Und sicher – vielleicht kann auch Lobpreis hier ein integrativer Moment sein, den man nutzen kann. Musik ist eine Sprache, die uns allen geblieben ist, die uns auch ein Turmbau zu Babel nicht hat nehmen können. Das wäre vielleicht auch bereits ein Gedanke, den man hier einbringen könnte.


Zum weiter lesen:

Faix, Tobias / Künkler, Tobias: Generation Lobpreis und die Zukunft der Kirche, Neukirchen 2018

empirica Forschungsinstitut für Jugendkultur & Religion: Spiritualität von Jugendlichen – Eine Pilotstudie im Auftrag des Amtes für Jugendarbeit der Evangelischen Kirche in Westfalen, Marburg 2012

Generation Lobpreis – Prof. Dr. Tobias Künkler über die Glaubens- und Lebenswelten von Jugendlichen heute. ERF Plus, 2019

Faix, Tobias: Generation Lobpreis. Über die Emotionalisierung des Glaubens. Erste Ergebnisse der empirica Jugendstudie 2018.


*City Church wird als Bezeichnung von unterschiedliche Franchises, aber auch unabhängige Gemeindearbeiten genutzt. Als bekanntesten Bewegung wäre die C3 Church zu nennen. Viele City Churches in Deutschland organisieren sich aber auch im freikirchlichen Bünden oder sind, wie die Köln City Church (KCC), pfingstlerisch geprägt, generell aber unabhängig. Die meisten City Churches kann man vermutlich der Neo-charismatischen Szene zuordnen, die sich stärker als Netzwerk organisiert und in der freie Gemeinden oft üblich sind.


Photo by Joshua Hanks on Unsplash

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3 Gedanken zu “Generation Lobpreis: „Gott zwischen göttlichem Butler und kosmischem Therapeuten.“

  1. Ich bin kein ICFler, aber habe gute Kontakte zur ICF München. Sicherlich kann man mit gutem Recht sagen, dass ICF wie JEDE Kirche und Gemeinde ein bestimmtes Milieu besonders anspricht. Was ich dort aber auch erlebe: Eine durchaus bunte Mischung Gottesdienstbesucher (Nationalitäten, Alter, sozialer Background), soziales Engagement auf den direkten, aber auch weltweiten Kontext bezogen, Menschen, die gemeinsam durch tiefe Krisen gehen. Mein Schwager hätte den Zerbruch seiner Ehe ohne seine Freunde in der ICF wohl nicht so ohne Weiteres unter die Füße bekommen. Kurzum: das pauschale Urteil über die ICF‘s etc. greift mir deutlich zu kurz! Die ICF München lebt viel von dem, was sie in ihrer Vision beschreiben. Ich erlebe die ICF München nicht als Bewegung, die sich selbst und Gott auf der Sonnenseite des Lebens abfeiert! Hier wünsche ich mir eine größere Differenzierung. Claims wie „die Eventisten“ helfen hier einfach nicht weiter.

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  2. Da ich die genannten Gemeinden nicht kenne, kann ich zu ihnen selbst ja auch nicht sagen. Wenn sie allerdings so sind, wie Du beschreibst, dann trifft Deine Kritik zu. Ich würde sie aber noch grundsätzlicher ansetzen, nämlich beim Gottesbild. Ein solch klinisch reines positives Bild halte ich keineswegs für gesund, und ein Psychologe tut es vermutlich auch nicht. Zur gesunden Persönlichkeit gehört auch immer die Integration der Schattenseiten. Und dass selbst Gott seine Schattenseiten hat, ist nicht nur meine ganz persönliche Erfahrung, das wird auch in der Bibel reichlich dokumentiert.

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