Sprachfähig werden – Was wir von Greta Thunberg lernen können

Klimawandel und Erderwärmung sind nicht erst seit gestern Themen, die in der Öffentlichkeit besprochen werden und für die sich Aktivisten einsetzen. Dennoch scheint mit einer Greta Thunberg das Thema neue Fahrt aufgenommen zu haben. Sicherlich spielt hier ihr junges Alter eine Rolle. Greta steht symbolisch für eine junge Generation, die plötzlich lautstark Eintritt für ihre Zukunft. Die nicht weiter hinnehmen will, dass die, die heute politisch und wirtschaftlich am Drücker sind, durch Misswirtschaft und kurzsichtige Politik die Zukunft der jüngeren Generation verzocken.

Sicherlich hat es einen besonderen Impact, wenn Jugendliche und junge Erwachsenen – so jung ist eine Greta Thunberg im übrigen auch nicht mehr – in Massen auf die Straße gehen, die Schule verweigern und sich plötzlich politisch engagieren. Interessanter ist meines Erachtens aber noch der Ton, den die Fridays for Future Bewegung anschlägt. Denn mit Greta Thunberg, verschiebt sich vor allem die Sprache, die bezüglich der Klimadiskussion verwendet wird. So spricht man hier nicht mehr lediglich von einem Klimawandel sondern von der Klimakrise. Im deutschsprachigen Raum verschärft ein Harald Lesch im Zuge des Diskurses gar zum Begriff der Klimakatastrophe.


Setting the tone

Schaut man sich die wissenschaftliche Diskussion zum Thema Klimawandel an, gibt diese der Sprache einer Greta Thunberg recht. Die Wissenschaft stärkt ihr den Rücken, wie viele Kommentatoren sagen. Seit Jahrzehnten warnen Klimawissenschaftler vor den Folgen der hohen CO2 Emissionen der industrialisierten Welt. Dass wir es nicht nur mit einem Wandel, sondern mit einer Krise zu tun haben, davon zeugen aber nicht schmelzende Gletscher und aussterbende Populationen, sondern vor allem zunehmende Dürren und deren Opfer, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent. Hungersnöte, Wasserknappheit, Flucht und Gewalt sind in vielen Regionen der Welt in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Klimawandel zu setzen.

Längst wird also ein pragmatischer, aus dem wissenschaftlichen Diskurs stammender Begriff des Wandels der humanitären Realität nicht mehr gerecht, in der wir uns heute befinden. Längst schon müssen wir hier von einer Krise, wenn nicht gar Katastrophe sprechen. Und Greta Thunberg macht genau das. Sie verschiebt die Sprache des Diskursen. Sie selbst sagt, sie wolle Panik verbreiten. Eine Panik aber, die der reellen Situation auch sachlich deutlich gerechter wird. Denn Begriffe wie Krise oder Katastrophe nötigen uns (endlich) zum Handeln, weil sie auch die humanitäre Situation berücksichtigen, während Begriffe wie Wandel im schlimmsten Fall zu einem Abwarten und Teetrinken (ver-)führen, wie es große Teile des konservativen und wirtschaftsliberalen Flügels der Politik scheinbar zelebrieren.


Prophetie als Ermahnung Gottes

Im hebräischen Tanach meint Prophetie meist nur zu einem kleinen Teil Verheißung, so wie der Begriff oft gemeinhin verstanden wird, sondern die Texte widmen sich vielmehr gesellschaftskritisch Gegenwart wie auch Vergangenheit. Die Propheten richten sich ermahnend, manchmal drohend an die Gesellschaft, an das Kollektiv. So deuten die Schriften des alten Testaments auch Naturkatastrophen oft als Strafe Gottes für ein Fehlverhalten der Menschen. Am populärsten sticht hier sicherlich die Sintflut Erzählung hervor. Hier wird die alles vernichtende Flut als Strafe Gottes an einer Zivilisation gelesen, die im Tanach simpel als böswillig bezeichnet wird.

Doch auch die Büchern vieler anderer Schriftpropheten sprechen von der Böswilligkeit und Ignoranz der Menschen. Der Prophet als Gesandter, als Sprecher Gottes, will soziale Missstände, Gewalt, Missgunst und andere negative gesellschaftliche Entwicklungen im Namen Gottes anklagen und Veränderung bewirken. Die Propheten wollen ermahnen zu mehr Mitmenschlichkeit und drohen mit der Strafe Gottes, sollten die Menschen sich nicht ändern.

Die christliche Tradition kennt einen Begriff für die Böswilligkeit des Menschen, nämlich den der Sünde. Wenngleich dieser Begriff in der Kirchengeschichte zunehmend eher mit persönlichen moralischen Verfehlungen assoziiert und aufgeladen wurde – insbesondere natürlich im Rahmen eines in der Aufklärung verwurzelten (christlich-) bürgerlichen Idealismus – bezieht sich der Begriff der Sünde in der jüdisch christlichen Tradition vor allem aber auf diese Böswilligkeit des Menschen. Auf eine Abkehr von Gott, die sich in der Verführung des Menschen zu einem bösen Handeln realisiert. Für Paulus beispielsweise ist Sünde so eine Macht, die uns zu Sklaven unserer Leidenschaften macht und das Zusammenleben, die Liebe untereinander, gefährdet.


Was ist Sünde?

In den 90er Jahren ist der Münchener Soziologe Ulrich Beck mit seinem Ansatz der Risikosoziologie bekannt geworden. Hier stellt Beck die These auf, dass sich in einer industrialisierten Welt Risiken immer weiter verallgemeinern, regelrecht demokratisieren, wie er schreibt. Das meint, von Risiken wie Klimawandel oder Atomkraft sind alle Menschen gleichermaßen betroffen. Solcherlei Risiken machen keinen Unterschied zwischen Arbeitern und Managern, zwischen Stadt und Land, oder auch zwischen Osten und Westen.

Sicherlich, die Folgen des Klimawandels sind nicht gleich verteilt. Wir sehen, dass vor allem der afrikanische Kontinent unter der Erderwärmung zu leiden hat. Langfristig aber zerstören wir uns mit unserer Art des Wirtschaftens auch die eigene Lebensgrundlage. Auch wenn man mit den „vielen Kilometern dazwischen“ noch in der Lage sein kann, das Leid dieser Welt weitgehend auszugrenzen, spätestens mit der prognostizierten Klimamigration im großen Stil, werden die Konsequenzen unseres Handelns und Wirtschaftens früher oder später auch direkt vor unserer Haustüre stehen.

Auch in den prophetischen Schriften des Tanach können wir sehen, wie die Risiken von Sünde sich in gewisser Weise verallgemeinern. Im Falle der Sintflut macht Gottes Zorn in Form einer Naturkatastrophe letztlich keinen Unterschied zwischen arm und reich, zwischen Herrscher und Diener. Auch nicht zwischen Mensch und Tier. Die Schöpfung ist als Ganzen den Folgen ihrer Böswilligkeit ausgeliefert. Die Sintflut vernichtet alles was war, alles was als Schöpfung eigentlich einmal gut war, was, so das Buch Genesis, eigentlich das Potential zum Guten hatte.

Im Tanach finden sich viele Erzählungen, die von einer radikalen Vernichtung sprechen, wenn der Mensch nicht zur Besinnung käme und sich Gott wieder zuwende. Nicht zuletzt aufgrund solch gruseliger Szenarien tun wir uns heute oftmals schwer mit den alttestamentarischen Texten. Wie kann ein Gott so grausam sein? Das passt heute nicht mehr zu unserem neu-humanistischen Weltbild, das spätestens in der Moderne gelernt hat, den Menschen auch als abhängiges, nur begrenzt schuldfähiges Subjekt zu verstehen. Warum soll das Individuum die Strafe tragen für eine Schuld, die wir uns als Gemeinschaft zugezogen haben? Ein materialistisches Weltbild kommt hier an seine Grenzen, weil es die Verwobenheit von Subjekt und Gesellschaft moralisch nicht aufzulösen vermag. Insbesondere der französische Philosoph, Historiker und Aktivist Michel Foucault hat sich mit dieser Frage sehr grundlegend beschäftigt.


Die Kunst der Kritik

Für Foucault, so könnte man sehr vereinfachend sagen, ist Kritik letztlich eine Frage der Deutungshoheit. So stellt er in seinem Vortrag „Was ist Kritik?“ sich selbst und seinem Publikum die Frage:

Wie ist es möglich, dass man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird – dass man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird? (Michel Foucault: Was ist Kritik, Berlin: Merve Verlag 1992)

Kritik ist letztlich die Kunst der ständigen, progressiven Neubetrachtung. Ein Kratzen an den Rändern der Diskurse, eine Technik, die immer wieder gegen den Strich liest indem sie Dinge neu benennt. Und hierzu gehört vor allem eben auch die Fähigkeit die Begriffe, mit denen wir unsere Diskurse führen, immer wieder in Frage zu stellen.

Greta Thunberg stellt den Begriff des Klimawandels und die damit verbundene Vorstellung in Frage, in dem sie den Begriff der Klimakrise aufruft. Dieser Begriff soll Panik wecken, eine Panik, die subversiv die Unsicherheiten schüren soll, die wir eigentlich bezüglich des Klimawandels empfinden sollten, die wir mit unserem pragmatischen Abstand aber längst zu überdecken gelernt haben.

Greta Thunbergs Sprache ist ungemütlich. Sie macht vielleicht gar Angst, weil sie nämlich aktivistisch ist. Weil sie etwas bewegen und in Frage stellen will, mit dem wir uns eingerichtet haben. Denn wir haben den Klimawandel längst in unserem Alltag kompensiert – wodurch das Thema deutlich an Brisanz verliert. Doch sorry Leute – mal eine Facebook Artikel posten, oder persönlich mehr regionale Produkte kaufen, um das eigene Gewissen zu beruhigen, das verändert nichts. Die Ursachen für die Klimakrise sind viel systematischer, viel politischer, viel grundlegender.

Auch Foucault war Zeit seines Lebens genau deshalb auch Aktivist und nicht nur Individuum, denn erst in der Solidarität werden wir wirklich politisch. Verfestigte Diskurse, die Dominanzen im Spiel der Wahrheiten, lassen sich nicht durch leise Töne in Frage stellen, sondern in der Regel nur durch gezieltes Wachrütteln und, sprechen wir von epochaltypischen Schlüsselproblemen wie dem des Klimawandels, auch klare Begriffe, die Dinge auch konkret benennen. Begriffe, die vielleicht auch einmal Angst machen und unbequem sind.


Wir brauchen wieder Rote Lettern!

In den USA hat sich in den letzten Jahren eine Bewegung formiert, die sich Red Letter Christians nennt. Diese, aus dem evangelikalen Raum entstandene Bewegung, zeichnet sich dadurch aus, dass sie in besonderer Weise auf die Jesus Worte in den Evangelien Bezug nimmt. Im angelsächsischen Raum gibt es nämlich spezielle Bibeleditionen, die die Jesus Worte in roten Lettern hervorheben. Die Red Letter Bewegung zentriert in ihrer Lesart der biblischen Texte so insbesondere die Worte Jesu, dem sich andere Aussagen der Schrift unterzuordnen hätten. Man nimmt sich sozusagen eine Brille, eine Stoßrichtung, mit der man die religiösen Texte liest.

Im Falle der Red Letter Christians führt das zu ganz interessanten Ergebnissen. Denn als Folge einer solchen Lesart zentriert die Bewegung vor allem die Soziale Frage, aber auch identitätspolitische Themen, beispielsweise um Rassismus und Sexismus. Interessant ist vor allem, dass man sich hier auch vor Begriffen wie dem der Sünde nicht scheut. Begriffe also, die eine westliche, liberal-progressive Christenheit kaum noch anzufassen wagt. Die RLC hingegen sprechen hier eine sehr klare Sprachen, wenn sie zeigen, dass gemessen an den Red Lettern Soziale Ungerechtigkeit, die wirtschaftliche Ausbeutung Dritter, Rassismus oder Intoleranz Versündigungen an den Worten Jesu seien.

Gewachsen aus der evangelikalen Bewegung, haben sich die Red Letter Christians so eine Sprache erhalten, Missstände in einer Klarheit zu benennen, die wir als westliche Gesellschaft oftmals weitgehend verlernt haben. Der Glaube an einen Gott, der am Guten interessiert ist, das Schlechte aber auch verurteilt – das macht Christen, zumindest in ihrem eigene Milieu, auf eine besondere Weise sprachfähig. Denn man ist so fähig auch außerhalb von materialistischen Erörterungen und Reflexionen um die Autonomie des Individuums Fluchtpunkte der Beurteilung zu setzen, die Dinge wie Schuld noch zu benennen wagen.


Warum nicht von Sünde sprechen?

Wenn Menschen, oder Gesellschaften, zu aller erst ihr eigenes wirtschaftliches Interesse und Fortkommen berücksichtigen, wie es etwa ein „America first“ dies formuliert – warum hier nicht von Sünde sprechen? Wenn eine Wirtschaft, trotz besseren Wissens, weiter wirtschaftet auf Kosten zukünftiger Generationen und zu Lasten wirtschaftlich schwächeren Staaten – warum dann nicht von Sünde sprechen? Wenn Menschen oder Gesellschaften sich rassistisch verhalten, indem sie ethnische Minderheiten marginalisieren, benachteiligen oder stigmatisieren – warum hier nicht von Sünde sprechen?

Konservative Christen haben oft kein Problem mit dem Begriff Sünde, wenn es darum geht nicht heteronormale Lebensweisen herabzuwürdigen. Oder wenn es meint, Sexualität, meist die von Frauen, zu reglementieren. Selten hört man hingegen den Begriff Sünde, wenn es um das Buchen des möglichst günstigsten Fluges in den nächsten Urlaub geht. Oder wenn ein Unternehmen seine Mitarbeiter nicht fair bezahlt, unbefristete Stellen abbaut, um günstigere Leiharbeiterplätze auszubauen. Selten hört man den Begriff Sünde in Zusammenhang mit der Schere zwischen Arm und Reich, im Rahmen von Gesundheitsvorsorge, Altersarmut, Arbeitslosigkeit oder Chancengerechtigkeit. Oder, um beim Thema zu bleibe, hinsichtlich unserer Klimabilanz? Oder des fairen Handels? Folgt man den Gedanken der Red Letter Christians sind wir dermaßen in Sünde verstrickt, dass einem vor lauter Scham und Schuldgefühlen eigentlich schlecht werden müsste.


Was ist die Konsequenz?

Greta Thunberg erzählt ihre Geschichte so, dass sie, nachdem sie Kenntnis über die wissenschaftlichen Diskurse zum Klimawandel gewonnen hatte, nicht anders konnte, als konsequent zu handeln. Dass es für sie die einzig logische Konsequenz war, aktiv zu werden. Denn die Fakten lägen nun einmal auf dem Tisch und wären nicht wegzudiskutieren.

So etwa beginnt die Erzählung um Greta Thunbergs Schulstreik und die Fridays for Future Bewegung. Ihr konsequentes Vorgehen hat tausende junge Menschen motiviert und inspiriert. Sie alle haben das Thema zu ihrem gemacht, eine Stimme geformt, eine Sprache, die sagt: „There is no Planet B“.

Aus Awareness muss Konsequenz folgen, sonst läuft sie ins Leere. Vielleicht bringt die junge Generation um Greta Thunberg tatsächlich die nötige Konsequenz in ihrem Handeln auf, dass sie nicht nur selber überlegt, ob sie in den nächsten Urlaub fliegen, oder doch lieber die Bahn nutzen sollte, sondern auch, auch die Politik dauerhaft unter Druck zu setzen, dass diese aus ihrem lethargischem Pragmatismus erwacht und zum konsequenten Handeln gezwungen wird. Denn nur so wird die Klimakrise von heute nicht zur Klimakatastrophe von morgen.

Wesentlich ist meines Erachtens aber, dass man es schafft sein Begriffe zu etablieren. Dass nicht aus der Klimakrise morgen bereits wieder der Klimawandel wird, das Engagement verpufft und alles wieder beim Alten ist. Um Diskurse zu verändern, muss man dran bleibe. Muss man die Deutungshoheit verschieben. Dazu gehört Engagement, Nachhaltigkeit und manchmal durchaus auch Lautheit.


Die Moral von der Geschicht

Ich glaube auch als progressive Christen müssen wir wieder eine Sprache finden die deutlich ist. Wenn es uns ernsthaft um Gerechtigkeit, Toleranz, Nachhaltigkeit und Frieden geht, dann müssen wir lernen unseren Themen auch wieder klare Worte zu geben. Und ich glaube wir könnten diese finden. Zumindest in unserem Milieu.

Vielleicht ist die Zeit reif wieder von Sünde zu sprechen. Von Schuld. Vielleicht ist die Zeit reif einmal ernst zu werden. Natürlich dürfen wir auch die Vergebung nicht vergessen. Denn ohne Option auf Vergebung, gibt der Mensch auf, weil er keine Hoffnung hätte. Doch bei aller Vergebung dürfen wir nie vergessen, dass Sünde Folgen hat. Dass Menschen sterben, hungern, flüchten, ausgegrenzt oder diskriminiert werden. Dass Sünde immer zu Ungerechtigkeit führt, die man nicht wegdiskutieren kann, die man auch nicht immer wird heilen können. Ungerechtigkeit ist die Spur, die Sünde hinterlässt. Da braucht es klare Worte.

Machen wir uns nichts vor. Im Christentum gibt es keine Vergebung ohne Reue. Um Vergebung zu erfahren muss man hinschauen. Muss man Schuld auch erkennen. Das ist niemals einfach und wird einem immer etwas kosten. Gerade hier ist der christliche Glaube schon immer deutlich gewesen. Finden wir dahin zurück.


Photo by Mika Baumeister on Unsplash

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