Was ist eine gerechte Verteilung? Die Arbeiter im Weinberg

Der Text im Neuen Testament, der mich zur Zeit am meisten fesselt, ist das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Denn er stellt die große Frage nach einer “gerechten” Verteilung.

In Matthäus 20, 1-15 lesen wir (EÜ 2016): 

Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. 2 Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. 3 Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten. 4 Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. 5 Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso. 6 Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig? 7 Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! 8 Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten, bis hin zu den Ersten! 9 Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. 10 Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten einen Denar. 11 Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn 12 und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen. 13 Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? 14 Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. 15 Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin? 16 So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.

Auf den ersten Blick ein ziemlich verwirrendes Gleichnis. Ich kann den Ärger der Arbeiter irgendwie sehr gut nachvollziehen. Ich glaube, auch ich würde  erst mal “murren”. War das jetzt wirklich “gerecht”? 

Gerechtigkeitstheorien unter dem Brennglas 

Was heißt überhaupt „gerecht“? In diesem Gleichnis treten verschiedene Annahmen auf, die aus der Gerechtigkeitstheorie bekannt sind: Die Arbeiter argumentieren mit ihrer Leistung. Sie haben mehr “Hitze” und “Last” ertragen – und verdienen darum (gefühlt) mehr. Die Idee dahinter: Wer mehr leistet, hat auch mehr verdient. Dem ersten Vertrag lag dagegen vielleicht eine Verteilung nach Bedarf zugrunde: Ein Dinar ist scheinbar das, was einem Tagelöhner einen Tag Leben ermöglicht. Bedarfsgerechtigkeit heißt: Wer mehr braucht, bekommt mehr. 

Der Gutsbesitzer dagegen wählt eine egalitäre Verteilung: Alle kriegen genau gleich vielDas Argument, das er selber anbringt, definiert Gerechtigkeit aber ganz anders, nämlich rein subjektiv: Allein Tatsache, dass alle dem Vertrag zugestimmt haben, soll ihn schon gerecht machen. „Gerecht“ ist dann das, was sich für Alle gerecht anfühlt, unabhängig von den „objektiven“ Kriterien Leistung, Bedarf und Gleichheit.

Alle vier Ideen sind bis heute Kernelemente der Gerechtigkeitstheorie. Der Text versammelt sie wie unter einem Brennglas.

Aber welche stimmt denn nun? 

Die Philosophie kommt hier zu sehr unterschiedlichen Antworten – dazu vielleicht mehr in einem späteren Blogeintrag. Bei Matthäus lesen wir jedenfalls keine echte Diskussion dazu. Die vier Ideen werden einfach nacheinander aufgereiht. Beim Lesen bestätigt sich der Verdacht, dass die Frage nach der Gerechtigkeit angeblich sowieso nicht beantwortet werden kann.

So schnell können – und dürfen – wir die Frage aber nicht aufgeben. Selbst wenn der Text keine eindeutige Antwort gibt. 

Das Gleichnis, von links gelesen

Das Gleichnis erzählt nicht, wie die Arbeiter zuletzt reagieren. Kaufen sie dem Gutsbesitzer sein liberales Argument ab? Müssen sie das? Steht der Gutsbesitzer nicht für Gott? Bestätigt das Gleichnis also einfach die herrschenden Verhältnisse? Der allmächtige Arbeitgeber, der Arbeit aus dem Nichts schafft und dem Arbeiter damit einen Lebensinhalt gibt?   

Lesen wir das Gleichnis einmal aus einer linken, materialistischen Perspektive. Durch die Brille: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Schauen wir nicht nur darauf, wie die Akteure argumentieren (Bewusstsein), sondern darauf, in welcher ökonomischen Situation sie sich befinden (Sein). Schauen wir nicht nur darauf, wer was sagt, sondern vor allem darauf, wer überhaupt was sagen kann

Der Gutsbesitzer hat es am einfachsten. Ob sein Modell einer gleichen Verteilung für Alle gerecht ist, wäre eine Diskussion wert – der Gutsbesitzer ist aber selbst gar nicht davon betroffen. Er ist so privilegiert, dass solidarische Umverteilungen sein eigenes Leben gar nicht substanziell ändern würden. Umso besser kann er darüber reden. Fühlt man sich da als linksliberaler Leser nicht ein wenig ertappt…?

Die “Ersten” Arbeiter sind weniger privilegiert als der Gutsbesitzer. Aber sie sind insofern in einer relativ guten Position, als sie erstens ihren Lohn selbst mitbestimmen konnten und zweitens eine hohe Sicherheit darüber haben, was sie am Ende des Tages erwarten können. Aus einer Position, in der man selbst nicht mehr wirklich viel zu verlieren hat, redet es sich natürlich sehr leicht über Leistung.    

Die Arbeiter der späteren Stunden dagegen haben es schwerer: Sie sind nicht an den Verhandlungen beteiligt und bekommen auch keine festen Zusagen – sie kriegen “was recht ist”. Was immer das heißen soll. Warum gehen sie darauf überhaupt ein? Weil sie einen Tag voller Unsicherheit verbringen und weil sie nehmen müssen, was sie kriegen können. Vor allem haben sie im Gleichnis gar keine Stimme. Sie kommen nicht zu Wort. In der Diskussion über die gerechte Verteilung redet man über sie, nicht mit ihnen.

Das “Reich Gottes” als Projekt des gemeinsamen Guten Lebens

Der Blick auf die Schwächeren, Ausgegrenzten, relativ Benachteiligten ist typisch für das gesamte Leben von Jesus und für seine Lehre. Der “Gutsbesitzer” wird in V.1 nicht mit Gott identifiziert. Es geht vielmehr um das “Reich Gottes” – womit eine besondere Qualität des menschlichen Zusammenlebens gemeint ist.

Die Frage, wie jede(r) Einzelne Wertschätzung erfahren und geben kann, wie Alle gut zusammenleben können, scheint mir die zentrale Frage dieses Projekts zu sein.  Auch in diesem Projekt  muss und wird es Konflikte um die Verteilung geben. Drei grundsätzliche Ansätze lassen sich dem Gleichnis dabei entnehmen. 

Erstens: Weg von der Logik des MEHR.

Warum erleben die Arbeiter eigentlich ihre Bezahlung plötzlich als unfair?

Nur weil Andere genauso viel bekommen. Sonst hat sich nichts verändert. Ob ich “viel” habe, hängt hier nicht davon ab, was ich brauche, sondern davon, was Andere haben. “Viel” ist immer “Viel im Verhältnis zu…”. Dadurch werden Menschen, die eigentlich an einem gemeinsamen Projekt arbeiten (dem Weinberg), von Mitstreitern zu Gegnern. Das ist Gift fürs Zusammenleben. 

Dass die Logik des MEHR das Problem des 21. Jahrhunderts ist, zeigt allein schon der Klimawandel: Wir wissen, dass wir zu viel Fleisch essen und zu viel fliegen. Wenn man beides einschränkt oder verteuert, wird es aber immer noch Menschen geben, die Fleisch essen oder fliegen können – entweder irgendwo im Ausland, wo es dieselben Maßnahmen nicht gibt, oder eben die Reicheren, die sich auch teurere Konsumgüter leisten können. 

Niemand hat Lust, auf Fleisch zu verzichten, so lange andere – Privilegiertere – noch welches haben dürfen. Ich tue mich natürlich schwer auf Flugreisen zu verzichten, so lange Andere ihr schönes Leben in meinem Instagram-Stream ausbreiten. Auf der Ebene ganzer Volkswirtschaften gilt dieselbe Logik: Wachstum ist Gesetz, auch wenn es regelmäßig in Umweltkatastrophen, Ausbeutung und Spekulationsblasen führt.

Das Ende des MEHR hören wir immer als Beginn des WENIGER. Könnten wir uns aber vorstellen, dass es auch ein GENUG geben könnte?

Genau daran erinnert der Gutsbesitzer den Arbeiter: An den Zeitpunkt, als er noch selbst bestimmt hat, was “gerecht” für ihn ist. Können wir überhaupt auf unser eigenes Leben schauen und ohne den Blick auf Andere feststellen, was wir wirklich brauchen?

Zweitens: menschenwürdiges Leben und menschenwürdige Arbeit

Das Projekt, das der Gutsbesitzer vorführt, entspricht in etwa dem solidarischen Grundeinkommen, wie es das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vorschlägt. Im Unterschied zum bedingungslosen Grundeinkommen muss im solidarischen Grundeinkommen Jeder (nach seiner Möglichkeit) für sein Einkommen arbeiten – er bekommt aber eine Garantie dafür, dass auch Arbeit für ihn da ist.

Dahinter steht die Annahme, dass Menschen nicht nur eine Grundversorgung an Gütern brauchen, sondern dass sie tatsächlich arbeiten wollen. Sie betrachten Erwerbsarbeit nicht an sich als etwas Erniedrigendes, von dem man sich befreien müsste. Sie wollen tätig sein, und noch mehr: Sie wollen etwas beitragen, das Andere wertschätzen. Sie wollen das nur nicht unter erniedrigenden Umständen tun.

Dem Neuen Testament ist dieses Bild zumindest nicht fremd. Viele Gleichnisse stellen den Menschen als arbeitendes Wesen vor, das von seiner Arbeit bestimmt ist (Sämann, Bäckerin, Fischer, …). Die Fragen seines Lebens sind die Fragen seiner Arbeit.

Dass der Gutsbesitzer das Geld nicht einfach verschenkt, sondern dafür Arbeit erwartet, hängt vielleicht mit seinem Respekt vor den Menschen zusammen. Sie wollen nicht abgespeist werden, sie wollen Wertschätzung. Wertschätzung für ihre Arbeit.

Drittens: Im Gespräch bleiben

Vielleicht ist die Frage nach der gerechten Verteilung auch gar nicht so aussichtslos. Wissen wir denn, wie das Gespräch im Gleichnis weitergeht? Vielleicht gelingt es den Gewerkschaftern ja, den Arbeitgeber zu überzeugen? Vielleicht gibt es eine neue Einigung für den nächsten Arbeitstag? 

Das Erstaunliche ist doch, dass der Gutsbesitzer sich überhaupt für seine unternehmerische Entscheidung rechtfertigt und den “Murrenden” auch noch “Freund” nennt. Für mich ist allein diese Aktion schon die Pointe der Geschichte. Das hat der Gutsbesitzer zu diesem Zeitpunkt der Geschichte nämlich überhaupt nicht mehr nötig. Es bringt ihm nichts mehr. Aber er tut es trotzdem. Es reicht ihm nicht, dass er seiner eigenen Überzeugung treu geblieben ist. Sondern er will darüber hinaus auch die Beziehung ins Lot bringen. Hier reden keine anonymen Marktteilnehmer, sondern Menschen, die auch morgen noch miteinander auskommen wollen. 

Selbst wenn wir auf die Frage nach der Gerechtigkeit keine abschließende Antwort finden, müssen wir doch über sie reden. 

Und so lange wir das überhaupt auf Augenhöhe tun können, sind wir in einer Gemeinschaft, die ein Gutes Leben ermöglicht. 


Header by DanMeyers on Unsplash.

2nd Photo by Aaron Burden on Unsplash.

3rd Photo by Anaya Katlego on Unsplash.

4th Photo by Andreas Brücker on Unsplash.

5th Photo by Jeff Ackley on Unsplash.

6th Photo by Kate Kalbach on Unsplash.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s