Wäre es überhaupt gut, wenn Gott existiert? Die existenzialistische Herausforderung

Man kann die Frage, ob Gott existiert, aus zwei Richtungen stellen: von ihren Begründungen oder von ihren Folgen her. 

Die erste Perspektive ist die der Gottesbeweise und -widerlegungen: Was spricht für Gottes Existenz und was dagegen? Gibt es ihn wirklich und warum?  In diese Diskussion gehören zum Beispiel die großen Gottesbeweise der Philosophiegeschichte (ontologisch, kosmologisch, teleologisch), sowie deren Widerlegungen. Außerdem natürlich die Theodizee-Frage (“Wie kann ein allmächtiger, allwissender, gütiger Gott das Leid zulassen?”) und alle Versuche, sie zu beantworten. Aber auch persönliche Erlebnisse und ihre Deutung: Erweckungen, Bekehrungen, Erzählungen von “Zeichen und Wundern” – und wiederum die Zweifel an all dem, Ernüchterungen und Enttäuschungen. 

Das ist alles andere als neu. Jede(r) hat diese Diskussion schon in irgendeiner Form geführt. Zwischen Theisten und Atheisten wiederholt sie sich nach vorhersehbaren Mustern. Manche halten die Debatte für entschieden, manche für unentschieden, manche für unentscheidbar, manche für unergiebig. Ich persönlich glaube zwar, dass wir nach wie vor viel von ihr lernen können. In diesem Text möchte ich sie aber nicht verfolgen und stattdessen auf die zweite Richtung der Frage nach Gott eingehen.

Ich werde nur versuchen, die Frage selbst richtig zu stellen – eine Antwort zu finden, überlasse ich (erst mal) den Leserinnen und Lesern. Man kann diese zweite Frage in etwa folgendermaßen formulieren: Wenn Gott existieren würde – wäre das überhaupt gut? Oder wäre es schlecht? Oder wäre es völlig egal?

Auf den ersten Blick ist das natürlich eine Steilvorlage für den Gläubigen: Wenn sein Gott existiert, dann gelten all die Sachen, die sein Gott ihm verspricht. Das wertet den gläubigen Menschen enorm auf. Die Botschaft lautet: Gott hat Dich geschaffen. Darum bist Du wertvoll und besitzt eine Würde – direkt vom Schöpfer. Mehr noch: Dein Leben hat einen Sinn, der Schöpfer hat einen Plan für Dein Leben. Eine echte Bestimmung.

Es ist ziemlich leicht zu sehen, warum Menschen hier andocken können. Selbst wenn die Ebene der Begründungen nicht abschließend geklärt sein sollte – von den Folgen her scheint die Existenz Gottes ein sicheres Geschäft zu sein. Selbst der zweifelnde Gläubige hat jetzt eine Entscheidungshilfe. Er kann nämlich die Begründungen, an denen er vielleicht noch zweifelt, einfach offen lassen. Und er lebt, als ob Gott existieren würde und profitiert jetzt schon von den positiven Folgen, die sein Glaube hat: Zuversicht, Selbstwert, Gemeinschaft und so weiter.

Aber ist die Sache wirklich so einfach?

Der atheistische Philosoph Jean-Paul Sartre hat sich in einem einschlägigen Text, der den etwas sperrigen Titel Der Existenzialismus ist ein Humanismus trägt, mit dieser zweiten Frage auseinandergesetzt. In Kurzform lautet sein Einwand: Wenn Gott unser Schöpfer ist, sind wir nicht viel mehr als ein Brieföffner. 

Warum das?

Ein Brieföffner existiert nur deswegen, weil er einen bestimmten Zweck hat. Es gibt eine Definition des Brieföffners – Sartre nennt solche Definitionen die “Essenz” einer Sache – und nur weil es diese Definition gibt, gibt es überhaupt das Ding selbst. Kurz: “Die Essenz geht der Existenz voraus.” Wenn Gott nun den Menschen geschaffen hat, dann steht die Definition des Menschen schon fest – denn Gott hat sich den Menschen ja ausgedacht. Dann aber gibt es keinen prinzipiellen Unterschied mehr zwischen Mensch und Brieföffner. Wir sind vielleicht ein sprechender, singender, tanzender, pizzabackender, Quantenphysik betreibender Brieföffner. Etwas wirklich Spektakuläres. Aber es wäre eben schon festgelegt, was wir sind, ohne dass wir selbst das geringste Wörtchen mitzureden haben. Wir könnten zwar versuchen mitzureden, aber wir wären sowieso im Unrecht. Bei der Frage, was wir sind oder sein wollen, bleiben wir selbst außen vor. 

Ein Menschenbild, an eine feste Definition dessen glaubt, was der Mensch eigentlich ist, an eine Essenz des Menschen, nennen wir in der Philosophie essenzialistisch. Sartre kommt dieses Menschenbild würdelos vor. Aber nicht nur würdelos, sondern auch schlicht falsch: Denn der Mensch ist doch genau dasjenige Wesen, das sich selbst entwerfen kann, das “etwas aus sich machen” kann, wie man so schön sagt. Er existiert zuerst und überlegt dann, wozu er existiert – “Die Existenz geht der Essenz voraus”. Allein die Tatsache, dass der Mensch sich überhaupt zu irgendwas entscheiden kann – ob es um eine Bekehrung geht oder nur darum, morgens das Bett zu verlassen -, zeigt doch, dass nicht feststeht, was der Mensch ist.

Um Sartre richtig zu verstehen, dürfen wir den freien Selbstentwurf des Menschen nicht mit der angeblich “freien Entscheidung” des Menschen in der christlichen Tradition verwechseln. Dass der Mensch sich “gegen Gott entscheiden” kann, heißt dort letztendlich nur, dass Brieföffner manchmal Fehlfunktionen haben. Denn der Mensch ist hier ja auf ein bestimmtes Ziel hin (z. B. “Gemeinschaft mit Gott”) geschaffen, das er nun leider im Einzelfall verfehlt. Das ist aber nicht, was Sartre meint. Es geht ihm nicht darum, ob der Mensch das Ziel, das ihm vorgesetzt ist, auch erreichen will, sondern darum, ob er überhaupt ein Mensch ist, wenn es ein solches Ziel gibt.

“Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht. Das ist das erste Prinzip des Existenzialismus. Das ist es auch, was man Subjektivität nennt und uns unter diesem Namen vorwirft. Aber was wollen wir damit anderes sagen, als dass der Mensch eine größere Würde hat als ein Stein oder ein Tisch?”

Nochmal zur Erinnerung: Dem Tisch fehlt die “Würde” nicht deswegen, weil er zu wenig kann, sondern deswegen, weil schon feststeht, was er ist und wozu er da ist. Wann er ein “richtiger” Tisch ist und wann nicht. Er ist reduzierbar auf seine Nützlichkeit, auf die Frage: Erfüllt er seinen Zweck oder nicht?  Dass es Tische gibt, ist sicher toll – aber eben nicht für die Tische selbst. Dieselbe Logik betrifft auch den Menschen, wenn er etwas “Geschaffenes” ist. Der beliebte Satz “Gott hat einen Plan für Dein Leben” verliert dann all seinen Charme und seine Energie. Dieser Plan kann noch so großartig sein – wenn jemand anders diesen Plan entworfen hat, ist Dein eigenes Leben nur noch ein Mittel zum Zweck. 

Wenn Sartres Argument zutrifft, dann aktiviert es im Selbst- und Weltbild des Gläubigen sozusagen den Selbstzerstörungsmodus. Denn alles das, was den Schöpfer so anziehend machen soll, geht dann plötzlich nach hinten los. Der Mensch, so Sartre, hat genau dann keine Würde und keinen besonderen Wert, wenn er einen Schöpfer hat.

Für diesen Gedanken ist es übrigens völlig egal, wer Gott ist, was Gott will und was wir im einzelnen über ihn wissen oder zu wissen meinen. Es ist nicht einmal wichtig, ob Gott allmächtig ist. Das Geschöpf ist bereits dadurch degradiert, dass es überhaupt einen Schöpfer hat. Das gilt selbst dann, wenn der Plan des Schöpfers wäre, das Geschöpf “frei” zu machen – denn dann wäre nicht einmal die Freiheit der eigene Selbstentwurf des Geschöpfs.

Dein Leben, so Sartre, hat genau dann keinen Sinn mehr, wenn es einen Zweck hat. Und zwar einfach deshalb, weil es genau durch diesen festen Zweck nicht mehr im eigentlichen Sinne Dein Leben ist. 

Es wäre vielmehr ein fertiges Programm, das Du entweder richtig oder falsch herum durchläufst. Nochmal: In Sartres Argument kommt es überhaupt nicht darauf an, wie “gut” es der Schöpfer meint und wie “frei” er den Menschen macht. Der Mensch verliert genau das, was ihn auszeichnet, allein dadurch, dass sein Schöpfer überhaupt existiert.

Der Existenzialismus kritisiert den Glauben also nicht “von außen” her, wie etwa ein Ludwig Feuerbach oder ein Richard Dawkins. Sondern “von innen” her. Er zeigt: Genau dann, wenn der Glaube Recht hat, verfehlt er sein Ziel.

Eine wirklich starke Herausforderung. 

Christen sollten sich ihr stellen.


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19 Gedanken zu “Wäre es überhaupt gut, wenn Gott existiert? Die existenzialistische Herausforderung

    1. „Würde“ hieße hier, dass ich selber bestimmen kann, was ich bin und wozu ich da bin.

      Das kommt ziemlich nah an Kants Begründung der Menschenwürde: Würde haben heißt, kein bloßes Mittel zum Zweck zu sein.
      Wenn ich dazu existiere, einen (göttlichen) Plan auszuführen bzw. ihm zu entsprechen, dann bin ich ein Mittel in diesem Plan.
      Das verstößt gegen meine Würde. So in etwa lautet Sartres Überlegung in Kurzform.

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      1. Und das verstehe ich halt nicht.
        Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Ich kann ohne Gott doch genau so gut ist schlecht bestimmen, was ich bin, wie ich das mit Gott kann.

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  1. Das Problem lässt sich bestimmt nicht einfach lösen, aber es ist vielleicht ein Anfang, ein Paar Differenzierungen vorzunehmen. Die „Standartrede“ von „Gott hat einen Plan für dein Leben“ ist ja nicht unbedingt differenziert. Das lässt sich ja meistens auf die implizierte Forderung runterbrechen: „Du musst so leben, wie wir uns das vorstellen, denn das ist Gottes Plan.“ Deswegen ist die Kritik von Satre wahrscheinlich sehr wichtig.
    Laut dem, was Tolkien zum Beispiel im Silmarilion zum Ausdruck bringt ist das besondere am Menschen, dass er als Co-Schöpfer schöpferisch tätig sein soll. Seine würde besteht also auf eine Art darin, dass er selber entscheiden kann was er möchte und darin schöpferisch tätig ist (auch im Bezug auf das Ziel seines eigenen Lebens?!). Der Charakter des Bösen zeigt sich darin, dass es genau diese Freiheit des Menschen wegnehmen will. Vielleicht lässt sich mit diesem Gedanken zumindest ein Bisschen Harmonie zu Satre herstellen. Oder ist „Ich will, dass du für dich entscheidest“ auch schon zu sehr Zweck für Satre?
    Mit diesem Gedankengang Tolkins kann man jedenfalls ganz gut christliche Kultur kritisieren, weil man dann darüber nachdenken kann, ob diese Würde und Freiheit achtet oder sogar fördert. Spoiler: Sie tut es oft nicht…

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    1. Tolkien hatte ich jetzt echt als allerletzten Autor erwartet – hervorragend!!!!

      Ja, wie bereits angedeutet, wäre die Freiheit, die Gott für mich vorsieht, tatsächlich schon wieder ein von außen vorgesehener Zweck. Und dann wäre immer noch die Frage, wozu es in diesem Bild den Schöpfer braucht.

      Aber ich sehe es auch wie Du: Am Ende gibt es keine perfekte Lösung, trotzdem kann man versuchen, das Ganze etwas zu harmonisieren.

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  2. Ein Gedanke, der im christlichen Raum ja auch sehr beliebt ist, ist der der Kindschaft. Denkt man diesen konsequent, könnte man ja auch sagen, der Mensch ist nur bedingt nützliches Objekt, seine Schöpfung nicht unbedingt auf einen Zweck hin geplant, sondern eben passiert. Ein theologisches Denken das hierzu passen könnte wäre das der Prozesstheologie, die ja nicht nur unser Leben, sondern auch Gottes Handeln als prozesshaft versteht. Gott weiß eben nicht zu jedem Zeitpunkt warum er etwas tut, sondern es geschieht im Prozess, im Dialog. Vielleicht kann man eine Schöpfung des Menschen so auch wieder als einen einzigartigen Akt denken. Der eben nicht geplant wurde, sondern auch Gott war eben plötzlich „schwanger“ mit dem Menschen. Wenn man einen Schöpfungsakt jetzt auch einmal ein bissel weniger biblisch und stärker naturwissenschaftlich denkt, kann man auch sagen, das „Spiel der Reaktionen“ hat die Welt geschaffen wie sie heute existiert. Rein naturwissenschaftlich gesehen, hat das Spiel der Elemente das Potential auf Leben, es ist aber nicht berechenbar, es ist nicht generell angelegt, es braucht das Ereignis, das Unvorhergesehenen um aus dem Stillstand eine Bewegung zu schaffen, die den Zufall des Lebens ermöglicht. In einem prozesstheologischen Denken wäre auch Gott nicht Herrscher dieses Spiels, sondern lediglich Akteur. Er wirkt mit, bestimmt aber nicht. Das wäre vielleicht ein Bild, dass wieder Platz lässt für den Menschen als Ereignis, als Subjekt, dass sich seine ganze eigene Bedeutung in diesem Spiel schaffen kann.

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  3. Ist Sartres Ansatz wirklich so AT ist, sein Menschenbild ist doch sehr deifiziert.
    Diese ganze Transzendenz und Spiritualität mal raus genommen, Müssten wir ja zu einer biologistischen Sicht kommen.
    Sind wir dann mit dem Platz die Natur uns zuteilt Würdevoller als Mit dem Platz neben uns evtl ein Schöpfer zuteilt.
    Ich kann auf die Natur sakralisieren, Aber auch da bleibe ich eben nicht mehr wert als der Brieföffner.

    Die Vorstellung dass ein Willentliches Ja einen Platz einen Zweck eine Existenz zu gewiesen hat und nicht nur der Zufall der Evolution oder die reine Zweckmäßigkeit der Naturgesetze, kann doch auch als würde verstanden werden. Würde bekommt man nur von einem gegenüber, oder eben vielleicht auch von sich selber aber dann in Abgrenzung.

    In dem Sartre den Menschen und dessen Entscheidungsfreiheit und seinen Willen zur Gestaltung, Oder um es mit Victor Frankl zu sagen, seinen Willen zum Sinn, Sag realisiert und aus der Natur heraus hat, gibt er sein atheistischen Ansatz auf. Er löst sich eben nur von dem Gottesbild der BuchReligionen ab.
    Die Kabbala die Prozess TechnologiDie Kabbala die Prozesstheologie, Wer Mystizismus er so fieser Sufismus und Teile der christlichen Mystik würden im zustimmen wie es auf den Punkt dass sie Gott einrechnen. Dort sind wir eben ein Teil Gottes.

    Er schafft ja Gott nicht ab, sondern setzt den Menschen in seiner Möglichkeiten an dessen Stelle. Wie rechtfertigt er das wenn nicht irgendetwas praktisches diesen unterschied in die Spezies Mensch hineingelegt hätte?
    Oder eben der Mensch selber dieses tut, dann sich aber selber zu etwas göttlichen macht.
    Aber um was es mir geht, die Existenz eines Schöpfers gibt für mich in der Argumentation Satis eher die würde als eben eine nichtExistenz. Denn so ist diese Würde für mich begründbar

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    1. Ich habe leider einen großen Teil Deines Kommentars nicht ganz verstanden, kann darum auch nicht so viel dazu sagen.

      Vielleicht nur dies: Die Natur legt für Sartre ausdrücklich auch nicht fest, was der Mensch ist. Das wäre ja wieder ein essenzialistisches Menschenbild. Auch wenn die Natur den Menschen hervorbringt, kann sie ihn nicht definieren. Sie ist sozusagen stumm.

      Der Mensch entwirft sich selbst, weil er ein Bewusstsein hat. Für dieses Argument spielt es keine Rolle, wo das Bewusstsein herkommt.

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      1. Sorry die Natur hat den Menschen hervorgebracht zu einem bestimmten Zweck das istnNaturwissenschaftlich.
        Nichts im Universum existiert einfach so, ohne jetzt ein Plan dahinter zu vermuten, ist aber Existenz eines jeden Lebewesens und auch Himmelskörpers dem geschuldet dass es so sein muss wie es ist, damit das Weltall funktioniert.
        Die Natur hat Leben und so auch Menschen hervorgebracht, Weil dies in ihrer Matrix so angelegt ist.
        Die ganze moderne Biologie baut auf der Evolutionstheorie auf, die eben besagt dass nichts unnützes Bestand hat. Damit gibt die Natur dem Lebewesen einen Zweck.
        Als Teil der Nahrungskette, als Regulation, als Wirt und so weiter und sofort

        Nur weil Sartre das abstreitet heißt es ja nicht das die Naturwissenschaft unrecht hat.

        Woher kommt diese Fähigkeit des Menschen sich angeblich selbst zu gestalten? Genau es liegt in seiner Natur. warum hat aber die Natur dieses entwickelt, natürlich nicht willentlich planmäßig um einen Zweck zu verfolgen – ich möchte keinen teleologischen Geist in die Naturwissenschaft bringen. Im Endergebnis ist doch damit auch der Mensch das Ergebnis eines Prozesses, den er eben NICHT nicht selber steuern kann. Und dem man sich auch nicht widersetzen kann. Da war Sartres Kritik Wohl eher Kind eines Wunsches.

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      2. Die Naturwissenschaft, namentlich die Evolutionstheorie, sagt gerade nicht, dass der Mensch „zu einem bestimmten Zweck hervorgebracht“ wurde. Die Evolutionstheorie beschreibt nur, was tatsächlich passiert, nicht, was passieren soll. Zwecke sind aber Absichten, also etwas, das passieren soll. Der Evolution ist es egal, ob das Weltall funktioniert. Sie erklärt, warum manche Dinge Bestand haben und manche nicht. Es ist ihr aber egal, OB die Dinge Bestand haben, darum kann sie auch nichts „nützlich“ finden.

        Die Aussage, die Natur habe den Menschen „zu einem bestimmten Zweck hervorgebracht“, ist eigentlich genau die Definition davon, „einen teleologischen Geist in die Naturwissenschaft zu bringen“.

        Wenn der Blick auf die Natur den Menschen nur lehrt, was der Fall ist, kann die Natur den Menschen auch nicht lehren, was der Fall sein soll – insbesondere, was er mit seinem Leben anstellen soll.

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  4. Zusätzlich ist anzumerken, das wurde auch schon durch andere Kommentatoren deutlich dass Sara eine sehr eigenwillige und keinesfalls allgemein gültige Definition von „Würde“ anwendet. Ich habe in einer Enzyklopädie und zwei Wörter Bücher nachgekuckt und kam dort zu anderen Definitionen.

    Natürlich kann man Sartres Definition als Prämisse nehmen, dann allerdings wäre sein kritischer Ansatz ein Zirkelschluss

    Und sorry dass ich mein ersten Kommentar nicht mehr bearbeiten also korrigieren kann

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    1. Sartre versteht Würde so, dass man selbst nicht der reine Zweck für etwas Anderes / jemand Anderen ist.

      Das ist nicht „eigenwillig“, sondern eigentlich die ganz klassische Definition aus der Aufklärung, namentlich von Immanuel Kant, auf die man bis heute die universellen Menschenrechte zurückführen kann.

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  5. Anders als vielleicht Theodizee, sehe ich Sartres Einwand nicht als besonders schwieriges Problem. Es ist überhaupt kein „internes“ Problem, das das Christentum lösen müsste (wie etwa Theodizee, Relation von natürlicher/rationaler Theologie und Offenbarung etc.). Sartre liegt schlicht und einfach falsch. Nicht nur, aber besonders aus christl. Sicht. Aus dieser hat der Mensch seine Würde, da er imago Dei ist, nicht weil er sich „selbst erfinden“ kann. Denn auch rein naturwissenschaftlich betrachtet hat der indiv. Mensch sich natürlich nicht selbst hervorgebracht und er hat auch ein „Wesen“. Auch nach fast beliebigen phil. Traditionen vor ca. 1800 ist das der Fall. (Die Tradition von Antike bis früher Neuzeit hat eher ein „Werde, der Du bist“-Modell des Menschen als ein „Erfinde dich selbst“-Modell.) Sartre setzt eine Illusion (freilich eine in der Post/Moderne verbreitete) als Herausforderung. Diese Position kann man schlicht ablehnen (als Hybris/Sünde, ultimativer Stolz, sich an die Stelle des Schöpfers zu setzen usw.) bzw. auf viele Arten widerlegen (zB mit Überlegungen bei antiken oder späteren christlichen Philosophen zur Natur des Menschen). Sartre benennt keinen offensichtlichen internen Konflikt christl. Doktrin.

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    1. Ich muss sagen, dass mich diese Würde-Begriffe nicht mehr so sehr überzeugen. Vielleicht ändert sich das ja, wenn ich da mal eine entsprechende Herleitung und Begründung höre.

      Ich finde den Würde-Begriff aus der Autonomie, der seit Kant in der Ethik verwendet wird, ziemlich einleuchtend und er scheint mir auch eine ziemlich alltags- und lebensnahe Verwendung des Begriffs „Würde“ zu sein.

      Die Bemerkung, Sartres Würde-Begriff sei einfach eine „Illusion“ oder eine „Sünde“, verbuche ich dagegen eher unter „Er liegt falsch, weil er falsch liegt“.

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  6. Danke zunächst, Floriankraemer, für Deinen hervorragenden Artikel! Und auch den anderen dafür, dass die Ihr die Prozesstheorie ins Spiel gebracht habt, weil sie m.E. eine Versöhnung der beiden sich hier konträr gegenüberstehenden Perspektiven anbieten könnte.
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    Mich beschäftigt Sartres „Der Existenzialismus…“-Aufsatz schon seit Jahren, und inzwischen bin ich als Promotionsstudent zum Gottesbegriff Whiteheads, Hartshornes und Nachfolger eingeschrieben.
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    Kurz gesagt, stimme ich mit Sartres Auffassung der Menschenwürde, die er letztlich von Kant übernommen hat, überein: Der Mensch hat kraft seiner Freiheit die Möglichkeit und Pflicht der SELBST-bestimmung.
    Dagegen widerspreche ich der These Sartres, im Glauben an Gott (Sartre hatte spezifisch den christlichen Glauben im Sinn, und im weiteren beziehe ich mich nur noch auf diesen) gebe man diese Würde preis. Denn, so Sartre, man reduziere sich damit auf ein bloßes Mittel zu einem vorgegebenen Zweck (Sartres „Brieföffner“).
    (1) Zum einen nämlich kann und sollte man i.m.A. durchaus (auch wenn es hier eine Gegenstimme gab), die Entscheidung für oder gegen den Glauben an Gott als eine EXISTENZIELLE Entscheidung begreifen.
    Hier geht es doch genau darum, paradoxerweise ganz im Sinne Sartres, die eigene Existenz zu wählen! – Namentlich wählt der/die Gläubige seine/ihre Existenz als ‚NachfolgerIn Christi‘, die Nicht-ChristIn dagegen grenzt sich davon ab. Entsprechend verschieden sind dann auch die (autonom) gewählten Lebensformen.
    (2) Zum anderen bin ich selbst ein Anhänger des prozesstheologischen Modells der Gott-Mensch-Beziehung:
    So wie ich es lese (freilich gibt es im Detail vielfache Unterschiede zwischen versiedenen Ansätzen), besteht hier eine GEGENSEITIGE Abhängigkeit von Gott und Welt!
    Der zentrale Begriff bei Whitehead hier ist die „Kreativität“. Man kann m.E. sagen, dass er unter diesem Konzept das fasst, was traditionell die „Freiheit“ genannt wird.
    Alles Kreatürliche hat bei Whitehead einen Grad von Freiheit, und ist kreativ in seiner Selbst-Schöpfung. Das beginnt schon im Kleinsten, im sub-atomaren Bereich (Whiteheads „actual occasions“, die übrigens alle nicht nur einen materiellen, sondern auch einen geistigen Aspekt besitzen – er ist ein Panpsychist), und hält sich durch, mittels zunehmender Komplexität in organisierten Strukturen (weit oben etwa den „animal bodies“) bis zu uns Menschen.
    Gott ist nicht „allmächtig“ im traditionellen Sinne, aber vielleicht „allumfassend“ im Sinne Hartshornes.
    Das heißt (meine Deutung):
    Keine Selbst-Schöpfung geschieht ohne Beteiligung Gottes. Gott setzt jeder „actual occasion“ ein „initial aim“ vor, d.h. einen Vorschlag, wie sie sich gestalten SOLLTE. Diesen Vorschlag aber kann sie nun annehmen oder ablehnen. (Freilich wird es im anorganischen Bereich weniger Freiheiten geben, als etwa im Gehirn eines hochentwickelten Tieres).
    Gottes ‚creatio conitnua‘ ist, m.a.W., nicht WIRKursächlicher, sondern ZIELursächlicher (teleologischer!) Natur
    So kann man z.B. eine spontane Intuition, oder unser Gewissen, als das Wirken Gottes in uns Menschen deuten.
    Dann aber bin ich sowohl frei im Sinne Sartres: Ich bin kein „Brieföffner“, ich werde nicht zu einem Ziel GEZWUNGEN (noch kein Brieföffner hat sich absichtlich seiner Bestimmung widersetzt ;-p), sondern ich erhalte nur VORSCHLÄGE, aber wähle meine Ziele dennoch selbst!
    (Nebenbei, das ist für mich der sympathischste Zug in Whiteheads Philosophie: Wenn ich Mist baue, und z.B. jemandem schade, dann leidet Gott mit: Er ist genauso unmittelbar ‚in‘ mir, wie ‚in‘ der geschädigten Person:
    „God is the great companion – the fellow-sufferer who understands“.)
    Mit der Prozessphilosophie lässt sich erstens auch die Darwin’sche Evolutionstheorie teleologisch deuten (oder besser: „ergänzen“; an sich ist sie eben nicht teleologisch: hier ist reine Wirkursächlichkeit am Werk – das wurde hier ja auch diskutiert), und zweitens eben die Menschenwürde im Sartre’schen/Kant’schen Sinne wahren:
    Die Selbstbestimmung des Menschen wird in keinster Weise angegriffen, jedoch von Gott zu jeder Zeit begleitet und geleitet.
    Als Aufgabe des Menschen kann man begreifen, Gott in seiner Begleitung zu unterstützen:
    Gott braucht uns Menschen, damit er nicht ‚an der Menschheit‘ leidet.

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    1. Hi – sehr, sehr interessant.

      zu Punkt 1) ich bin nicht mehr so sicher, in welchem Sinne man tatsächlich eine bewusste „Entscheidung“ für den Glauben trifft. Wenn mit Glauben ein Überzeugtsein von bestimmten Sachverhalten gemeint sein soll – so versteht es ja der evangelikale Raum mit seinem Ruf nach festen Bekenntnissen usw. -, dann entscheiden wir m. E. NICHT. Ich „entscheide“ mich ja auch nicht wirklich, ob ich der Überzeugung bin, dass es gerade ca. halb sechs ist o. ä. – es gibt einfach Dinge, die mich dazu bringen, das zu „glauben“ – und dann „glaube“ ich das.

      Ich gehe jetzt mal davon aus, dass Du Glauben auch nicht unbedingt in diesem Sinn verstanden wissen willst, sondern tatsächlich als Selbst-Entwurf, als Modell, wie das Leben sein könnte etc.

      Zu 2) Bemerkenswert! Wenn ich Dich richtig verstehe, wäre also die prozesstheolog. Kritik an Sartre in etwa: Gott als „Hersteller“ unterstellt, dass Gott seiner Schöpfung als etwas „Anderes“ gegenübersteht. Wenn man diese Prämisse nicht mehr kauft, fällt auch Sartres Kritik ein Stück weit in sich zusammen. Gott wäre dann gerade der Inbegriff der Freiheit („Kreativität“) o. ä. – Ich vermute nur, dass sich dieses Gottesbild von dem, was im alltägl. Diskurs unter „Gott“, „christlich“ etc. verstanden wird, schon ziemlich stark unterscheidet. Dann wäre zu prüfen, welcher Glaube / welche Religiösität da herauskommt und inwiefern sie überhaupt noch im tradierten Sinne „Religion“ etc ist – aber da warte ich am besten gespannt auf Deine Diss. 🙂 (die Du dann bitte hier im Blog ausführlich vorstellst)

      Grüße

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      1. Zu 1):
        Leider weiß ich nicht genau, was mit „evangelikaler Raum“ gemeint ist. Offenbar ein Diskursfeld, mit dem ich nicht vertraut bin…
        Gehört insbesondere dieser Blog hier zum „evangelikalen Raum“? Oder ist er ein Gegenentwurf?
        Falls ich irgendwelche Regeln nicht befolgen sollte, sag‘ (oder sagt) mir bitte Bescheid!

        (Ich bin über eine Radiosendung in BR2/BR5 hierher gelangt, wo von „post-evangelikalen“ Bewegungen die Rede war. Damit bezeichnet man, laut dieser Sendung, christliche Bewegungen, die sich von den tradierten kirchlichen Organisationsformen zunehmend lösen, sich vorwiegend online im Netz finden, und wo insbesondere auch Kritik und Skepsis größerer Raum geboten werde. Das hat mich angesprochen, da ich mich (durch die Prozesstheologie) wieder als Christ sehen kann, und mein Fach auch nicht die Theologie, sondern die Philosophie ist.
        Ich bin katholisch getauft, habe meinen Glauben aber erst 2014 in einer lutherisch-evangelischen Gemeinde wiedergefunden, studiere jetzt an einer katholischen (jesuitischen) Hochschule, bin aber kein Kirchenmitglied mehr. D.h. ich sehe mich als Christ, finde aber in den Kirchen nicht mehr den richtigen Ort, um den Glauben zu leben. Die Rituale dort sagen mir nichts mehr. Aber sehr wohl viele als ‚links‘ konnotierte gesellschaftliche Bewegungen, wie etwa die Frage der Gender-Gerechtigkeit, um nur eine zu nennen).

        Aber gleichwie. Ist der Glaube eine bewusste Entscheidung?
        Nach meinem Verständnis: Ja!
        Das aber umfasst SOWOHL ein „Überzeugtsein von bestimmten Sachverhalten“, als auch eine Lebensform, also das, was Du „Selbst-Entwurf, als Modell, wie das Leben sein könnte etc.“, nennst.
        Ich halte mich hier an das Modell, das ich erst kürzlich im Buch „the Predication of Belief“ von Philip Clayton und Steven Knapp entdeckt habe. Die beiden versuchen hier, den großen Herausforderungen zu begegnen, denen der christliche Glaube heute ausgesetzt ist. Etwa die Vereinbarkeit mir den Naturwissenschaften, die inner-christlichen, konfessionellen Konflikte, die Konkurrenz mit anderen Religionen (in einer globalisierten Welt!), und, heute so aktuell wie eh und je, die Theodizee-Frage.
        Jedenfalls nennen sie ihr Modell einen „Christian minimalism“, was nicht bedeuten soll, dass sie den christlichen Glauben ’nicht so ernst‘ nehmen, sondern vielmehr wollen sie der Tatsache Rechnung tragen, dass es auch unter Gläubigen verschiedene Ansichten gibt, WELCHE Sachverhalte man als wahr anerkennt.
        (Was z.B. bedeuten „Allmacht“, „Schöpfung“? Gab es z.B. Gott schon ‚vor‘ der Zeit? Dann hätte er ja noch ‚keine Zeit‘ gehabt, um Himmel und Erde zu erschaffen – ‚Draygombs Paradoxon‘, schon Augustinus hat darüber nachgedacht, „Auferstehung“ – man denke an Rudolf Bultmanns ‚Entmythologisierung‘: Die christliche Wiedergeburt sieht er als eine Auferstehung INS LEBEN, d.h. eine Veränderung der Lebensform, usw. usf.
        Fragt man z.B. zwei Gläubige vor dem Abendmahl in der Kirche, was da jetzt gleich GENAU geschieht, so ist es wohl unwahrscheinlich, dass sie beide das gleiche antworten. Beiden bedeutet es etwas (im Idealfall), jedoch sieht vielleicht der eine es als ‚unergründbares Geheimnis‘ und die andere als ‚leibliche Anwesenheit Christi im Brot‘.

        Es wäre also nicht überraschend, wenn wir beide anderer Ansicht wären, was es bedeutet zu glauben.
        Zu Deinem Beispiel: Ja, auch ich habe nicht „entschieden“, dass es jetzt gerade 19:00 Uhr ist, und glaube es trotzdem.
        Das christliche Pendant wäre ja (nach lutherischem Verständnis) die göttliche GNADE.
        Sie, seine Gnade, ist es alleine, die uns zum Glauben verhilft.
        Für mich gilt dieser Satz, wenn man den Einschub weglässt:
        Ja, die göttliche Gnade ist es, die uns zum Glauben verhilft. Aber sie ist es nicht ALLEINE. Und damit komme ich zurück zur Prozesstheologie: Gott braucht auch da unsere aktive Mithilfe. Er ‚lockt (Whitehead: „lure for a feeling“), aber die Entscheidung müssen letztlich WIR treffen. Der Gott der Prozesstheologie kann uns nicht zum glauben ZWINGEN. (Vermutlich will er das auch nicht, aber ich bin kein Prophet. ;-))

        Zu (2):
        Doch, Gott steht bei Whitehead, Hartshorne und in der gesamten Prozesstheologie (die sich ab Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, in Nordamerika entwickelt hat) der Welt als ein Anderes gegenüber.
        Gott ist NICHT identisch mit der Welt (das wäre Pantheismus).
        Hartshorne z.B. nennt seine Variante einen „Panentheismus“, Clayton einen „offenen Panentheismus“, aber das sind Spezialfälle. Hartshorne z.B. vertritt i.m.A. keinen christlichen Gott, Clayton sehr wohl, einschließlich ‚creatio ex nihilo‘, und anderen altehrwürdigen Glaubenssätzen.
        Der Unterschied zu Sartres Blick aufs Christentum, den ich stark machen wollte, liegt genau im Kern seiner Philosophie, nämlich in der FREIHEIT:
        „Der Mensch ist zur Freiheit verdammt.“ – Das ist wohl der berühmteste Satz von Sartre.
        Das gilt aber auch für die Prozesstheologie, und zwar in ALLEN Varianten (abgesehen von der pessimistischen Färbung).
        Der Mensch KANN NICHT ANDERS, als frei zu sein.
        Das lässt sich direkt aus den Grundannahmen der Prozessphilosophie herleiten. Alles im Universum ist grundsätzlich frei. Von ‚ganz unten‘ bis hinauf in die komplexesten Strukturen.
        Gott taucht hier noch gar nicht auf.
        (Und Sartre kümmert sich nicht um so eine Modellbildung: Er beginnt bei der für ihn spannenden Frage: Was bedeutet es für den MENSCHEN, frei zu sein.)
        Jetzt aber bringt er Gott ins Spiel, und dabei ist er – aus meiner Sicht – einseitig vorurteilsbehaftet.
        In der ganzen Vielfalt individuell sehr UNTERSCHIEDLICHER, christlicher Überzeugungen (siehe oben, bei Punkt 1 in diesem Post) wählt er sich ein Modell, das ich ebenfalls ablehne (auch durch seinen Einfluss!):
        Der Mensch ist nicht ‚von Gott hergestellt‘ wie ein Brieföffner, um einem vorherbestimmten Zweck zu dienen.
        Whitehead und Harshorne würden sagen: Gott könnte das gar nicht, Clayton und Knapp würden sagen: Gott könnte zwar, aber er hat MORALISCHE Gründe, darauf zu verzichten. (Das näher zu erläutern, würde jetzt aber zu weit führen. Den Konflikt beider Varianten möchte ich in meiner Dissertation behandeln, aber bis jetzt habe ich noch nicht mehr als ein Exposé geschrieben, und momentan hat meine Hochschule ohnehin alle Schotten geschlossen, wegen Corona – unklar für alle Studierenden, wie es jetzt weitergeht.)
        Letzter Satz:
        Für mich ist der Glaube eine von Gott begleitete und geleitete Lebensform. Sie beinhaltet zwar auch das Fürwahrhalten von Sätzen (allen voran, dass wir auf unseren Wegen niemals alleine sind), aber auch und vor allem die Hoffnung, dass ich (nach Bultmann, als Interpret von Heidegger) in meinem ‚Sein-zum-Tode‘, mit Gottes Hilfe, die existenzielle Angst überwinden kann, wenn es darauf ankommt.
        Beste Grüße

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      2. zunächst mal: Keine Sorge, Du musst Dich hier an keine Regeln anpassen, außer einem Mindestmaß an Höflichkeit, Toleranz usw. Also kein Problem! Aber um auf Deine Frage einzugehen, dieser Blog formuliert durchaus Gegenansichten zur „evangelikalen“ Szene, mehr dazu in der Serie von Chris im Eule-Magazin https://eulemagazin.de/ressort/post-evangelikal/ , grundlegend als Einführung hier: https://eulemagazin.de/was-ist-eigentlich-post-evangelikal/

        Ich selber verrotte mich übrigens auch mehr in der Philosophie als in der Theologie, darum freue ich mich sehr, hier mit Dir in einen Austausch zu kommen. Whitehead ist halt gar nicht mein Fachgebiet. Darum fällt es mir etwas schwer, mir vorzustellen, wie Gott ein Schöpfer sein kann ohne zugleich im Sinne Sartres ein „Hersteller“ zu sein. Denn für diesen Gottesbegriff, den Du ja nach eigenem Bekunden ablehnst, reicht es ja aus, überhaupt etwas zu kreieren und sich vorher zu überlegen, was man da macht und warum.

        Magst Du das nochmal erklären? Ist es vielleicht so zu denken wie beim Kreieren von Kunst, wo man sich auch Dinge überlegen muss, aber evtl. nicht alles und wo auch u. U. kein Zweck im Spiel ist?

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  7. Freue mich ebenfalls! 🙂
    Zumal sich sonst nicht viele Gelegenheiten bieten, sich über philosophische Spezialthemen auszutauschen (hier Existentialismus und rationale Theologie)…

    Möglicherweise bin ich auch zu sehr Einzelgänger, aber das war meine Erfahrung während des gesamten Philosophiestudiums (KU Ingolstadt, LMU, HfPh München): Nette und interessierte Leute, aber irgendwann alle eingeschlossen in ihrem speziellen Gebiet. Und Whitehead & Co. kennen hierzulande sowieso nur die wenigsten. Ich habe das Glück, jetzt an der HfPh noch von einem Whitehead-Experten betreut zu werden: Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ.

    Vorweg eine (kleine) Korrektur: Das Buch von Clayton und Knapp heißt richtig: ‚The PREDICAMENT of Belief‘ (die missliche Lage des Glaubens).

    Aber jetzt zu Deiner Frage.
    Ist der Gott Whiteheads eine Art Künstler, der keinen Zweck verfolgt? Oder eine Art „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ im Sinne von Kants Ästhetik (in der KdU)?
    Ja und nein.
    (1) JA.
    Das Problem, aber auch das Schöne, an Whiteheads Gott, ist es, dass das religiös Relevante erst ganz am Ende, auf den letzten Seiten seines Hauptwerks ‚Process and Reality‘, auftaucht (342-352, Kapitel „God and the World“).
    Hier ändert Whitehead auch seine Sprache: War der Rest des Werkes noch ausgesprochen technisch (Whitehead war auch Mathematiker, wie ich übrigens auch; bin schon 41), so verwendet er jetzt eine (vergleichsweise) POETISCHE Sprache mit vielen Metaphern, wenn er über Gott redet.
    Und hier nennt er Gott tatsächlich einmal den ‚Poeten der Welt‘ („the poet of the world“, 346).
    Gerade Charles Hartshorne (den ich noch nicht so gut kenne) hat diesen Gedanken von ‚Gott als Ästheten‘ aufgegriffen und vertieft (bei ihm hat sogar – ganz im Gegensatz zu Kant – die Ästhetik Vorrang vor der Ethik: Letztere setzt, bei Hartshorne, erstere voraus).
    Es waren wohl jene letzten Seiten in ‚Process and Reality‘ (und vielleicht das Folgewerk ‚Adventures of Ideas‘), welche die Bewegung der Prozesstheologie inspirierten.
    Aber es bietet sich da ein großer Interpretationsspielraum, der sich auch in der vielfältigen Landschaft der Prozesstheologie widerspiegelt.
    Ich bleibe hier bei Whitehead.
    (2) NEIN.
    Da stimmmt es nun, anderseits, ausdrücklich NICHT, dass Gott keine Zwecke verfolgt (ich wähle absichtlich den Plural).
    Das hatte ich versucht, in meinen vorigen Posts zu beschreiben. Ich versuche es nochmal, und fange wieder bei Sartre an.
    Sartre kritisiert, dass der absolute, UNILATERAL mächtige Gott des Christentums den Menschen nur zu EINEM bestimmten Zweck geschaffen habe, einem Zweck für sich (Gott) selbst: Gott habe die Menschen erschaffen, um von ihnen verehrt werden. So wie wir einen Brieföffner herstellen, eben um damit Briefe zu öffnen.
    Dieses Gottesbild kritisiert Sartre.
    Whiteheads Gott verfolgt, wie gesagt, auch Zwecke. Eigentlich tut er NICHTS ANDERES!
    Aber er verfolgt (1) für alles Wirkliche, d.h. für jede „actual occasion“, INDIVIDUELLE Ziele, und (2)- ganz wichtig – er kann dabei nichts ‚aufzwingen‘, oder ‚verordnen‘.
    Diese actual occasions (aus denen alles in der Welt besteht, auch wir Menschen – Whitehead gibt KEIN Beispiel, man mag an subatomare Partikel denken), zeichnen sich vor allem durch ihre KURZE LEBENSDAUER aus. Sie entstehen, und schon sind sie wieder vergangen.
    „Wir müssen uns die ganze Welt als ein vibrierendes Geflecht ständig auftretender und wieder verschwindender wirklicher Ereignisse vorstellen.“ (Brüntrup)
    Dauerhafte Dinge (Stein, Tisch, Blume, Personen) erfahren wir nur deswegen in der Welt, weil die Einzelereignisse in STRUKTUREN organisiert sind. Wenn eines vergeht, dann gibt es quasi seine Vergangenheit weiter an das Nachfolgeereignis, welches sie dann als ‚Information‘ für seinen eigenen Entstehungsprozess nutzt.
    Was aber ist dabei die Rolle Gottes?
    Er versucht, bei jedem Einzelprozess ‚die Richtung‘ vorzugeben, welche das neue Ereignis nehmen soll.
    Und DAS sind die individuellen Zwecke (auf unterster Ebene).
    Ein Wassermolekül zum Beispiel (bzw. seine ‚actual occasions‘) hat bei hoher Temperatur keine große ‚Wahl‘, als Gottes Vorschlag anzunehmen. Die sog. ‚Naturgesetze‘ (nebenbei: Selbst eine Metapher!), sind in Whiteheads Gott ‚zu Hause‘.
    (Für Whitehead-Kenner*innen: Sie haben ihren Ort in seiner ‚Urnatur‘, während das meiste, was ich hier schreibe, seine ‚Folgenatur‘ betrifft – bei Whitehead hat alles Wirkliche zwei Aspekte, so auch Gott).
    Für die Einzelereignisse, welche ein tierisches Gehirn ausmachen, sieht das wohl schon ganz anders aus.
    Wenn sich insbesondere bei einem Menschen böse Gedanken abzeichnen, dann kann man sich das so vorstellen, dass gerade sämtliche ‚actual occasions‘ in seinem Gehirn gegen die Vorschläge Gottes rebellieren.
    Wichtig für unseren Zusammenhang ist dabei:
    Whiteheads Gott könnte NICHT die bösen Gedanken ‚löschen‘, oder gar in gute Gedanken ‚umwandeln‘.
    Das ist der Unterschied zwischen Zweck- und Wirkursächlichkeit (der auf die letztlich auf die Vier-Ursachen-Lehre des Aristoteles zurückgeht).
    Der ‚klassische‘ Gott kann jederzeit ein beliebiges Ereignis in der Welt bewirken, wann immer er will (etwa ‚das Rote Meer teilen‘). Das ist Wirkursächlichkeit.
    (Viele Strömungen des Christentums lehnen mittlerweile diese ‚wortwörtliche‘ Lesart der biblischen Wunder ab, aber das ist ein eigenes Thema. Ich persönlich finde, die ‚religiöse Redlichkeit‘ verlangt es zumindest, sich mit wissenschaftliche Fakten auseinanderzusetzen; siehe etwa das Buch ‚Keine Posaunen vor Jericho‘ vom Israel Finkelstein und Neil A. Silberman. Aber das ist ein eigenes Thema.)
    Whiteheads Gott dagegen besitzt nicht DIESE Art der Macht. Er ist allgegenwärtig, und nichts kann OHNE seinen Einfluss geschehen. Aber sein Einfluss besteht eben darin, dass er (in seiner Urnatur) die ‚Formen der Bestimmtheit‘ für die Einzelereignisse bereithält (Whitehead nennt sie „eternal objects“, sie entsprechen grob den platonischen Ideen), und jedem das passende zur Verwirklichung im Entstehungsprozess vorschlägt.
    Um bei der Kunst-Metapher zu bleiben:
    Gott ist wie ein Performance-Artist, dessen Akt in ständiger Interaktion mit dem Publikum stattfindet. Und nur, wenn das Publikum mitspielt, lässt sich an diesem Abend „the kingdom of heaven“ erleben.

    Beste Grüße!

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