Die Bibel „wörtlich“ nehmen? Wie Texte funktionieren (und wie sie nicht funktionieren)

Zu Beginn eine kleine Geschichte*: Ein Missionar lebt im südamerikanischen Urwald. Er predigt dort für einen Stamm von Ureinwohnern. Diese Menschen leben nicht in Häusern, sondern in Bäumen: Wer eine “Wohnung” baut, der rammt einen Pfahl in die Erde und baut seine Behausung oder seine Hängematte dort hinein.

Der Missionar übersetzt für sie sogar das Neue Testament – bis er zum berühmten Text am Ende der Bergpredigt kommt: “Wer meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute…” – Moment mal, sagen die Leute. Auf Fels bauen? Was für eine beknackte Idee! Man kann doch keinen Pfahl in den Fels rammen. Genau dieses Haus wird umfallen. Ein kluger Mann baut natürlich auf Sand, ein dummer dagegen auf Fels.

Der Missionar kommt ins Grübeln. Er kann jetzt an seinem Bibeltext festhalten – um den Preis, dass die Botschaft sinnlos und unverständlich wird. Oder er kann die Botschaft “retten”, indem er den Text einfach umdreht: “Stimmt, Ihr habt Recht. Also: … der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Sand baute” und so weiter. Oder er gründet eine theologische Fakultät, in der nun von Generation zu Generation Texthermeneutik und historischer Kontext gelehrt wird. Wenn das mal gut geht…

Ich überlasse ihn an dieser Stelle seinem Schicksal. Dieses kleine Gedankenexperiment zeigt sehr deutlich den Unterschied zwischen Wortlaut und Bedeutung. Der Wortlaut ist der Text, den wir tatsächlich lesen können; die Bedeutung ist das, worauf uns der Text hinweisen kann, was er mit uns macht, was wir aus ihm lernen können und so weiter. Die Bedeutung hat mit dem Wortlaut zu tun, aber sie geht nicht 1:1 aus ihm hervor.

Im Beispiel kann der Missionar die Bedeutung sogar nur dadurch retten, dass er den Wortlaut in sein Gegenteil verkehrt. Wenn der Missionar sich für diese Lösung entscheidet, dann kann man ihm jedenfalls ganz sicher keinen mangelnden Missionseifer vorwerfen. Denn er will gerade die Bedeutung des Textes retten. Es geht ihm darum, eine Botschaft zu transportieren, nicht eine Serie von Buchstaben.

“Es steht geschrieben…” – und jetzt?

Evangelikale Kirchen versuchen häufig, “kontroverse” Themen wie zum Beispiel das Verhältnis zwischen Schöpfungsbericht und Evolutionstheorie einfach durch das Lesen des Wortlauts zu entscheiden (wir könnten hier sicher auch über die fortgesetzte Ausgrenzung von homosexuellen oder transidentitären Menschen reden): Das Argument lautet: “Es steht geschrieben…” Damit ist gemeint: Es gibt eine “biblische Wahrheit”, die Jeder einfach im Text nachlesen kann – sofern er “bibeltreu” ist. Ob Moral, Politik oder Naturwissenschaft: Der Hinweis auf Kapitel und Vers soll alles erledigen. “Bibeltreu” heißt hier in der Selbstbeschreibung: “die Bibel wörtlich nehmen”.

Ist das wirklich so? Ist man “bibeltreu”, wenn man den Text “wörtlich nimmt”? Was heißt das überhaupt, “die Bibel wörtlich nehmen”? Warum muss man das? Geht das überhaupt?

Ich komme direkt zum Kern meines Arguments: Die Frage ist nicht, was in der Bibel steht. Sondern die Frage ist, was das, was in der Bibel steht, bedeutet. Und die Frage nach der Bedeutung eines Textes kann man nicht erschöpfend beantworten, indem man einfach den Wortlaut vorliest. 

Wir lesen den Wortlaut von Texten überhaupt nur deswegen, weil wir irgendeine Frage an den Text haben. Und erst dann entsteht Bedeutung: Wenn wir etwas für uns aus dem Wortlaut herausnehmen können, wenn der Text etwas mit uns macht. Bedeutung entsteht überhaupt erst durch Interpretation. Texte bedeuten so lange gar nichts, so lange wir sie nicht interpretieren.

Die Bedeutung selbst kann dann dann aber schon rein logisch betrachtet nicht selbst als Wortlaut im Text stehen. Denn dann müssten wir auch diesen Wortlaut wieder interpretieren. Deswegen gibt alleine der Hinweis “in meiner Bibel steht …” noch keine wirklichen Antworten auf irgendetwas. Einen Text vorzulesen ist nicht dasselbe, wie ihn zum Sprechen zu bringen. 

Kein Text bedeutet etwas ohne Leser

Zur Interpretation gehört immer der Interpret mit seinen Fragen. Ohne Leser sind Texte nur Summen aus Buchstaben. Man kann den Leser nicht aus dem Text kürzen und kein Text kann irgendeine Bedeutung haben jenseits des Interpreten. Darum kann derselbe Text unterschiedlichen Lesern mit unterschiedlichen Fragen und Lebenswelten auch unterschiedliche Antworten geben.

Hier tritt sofort die Angst vor der “postmodernen Beliebigkeit” auf. Kann man denn dann alles aus jedem Text herauslesen? Falls das wirklich die Auffassung der Postmoderne ist, muss man ihr nicht nachgeben. Denn: Was ist ein Text? Ein Text ist, wie der Name sagt, eine Textur, ein Gewebe aus Zeichen, Bildern und Codes. Er hat bestimmte Elemente und eine bestimmte Gestalt. Man kann mit einem Text mehreres sinnvoll tun – aber eben nicht alles. So wie ich mein Fahrrad verwenden kann, um zur Arbeit zu fahren oder Kunststücke vorzuführen –  aber als Mittagessen ist es halt nicht so geeignet.

So können wir auch sagen, dass ein Text sich bestimmten Interpretationen öffnet, dass er sie ermöglicht oder zulässt – und dass andere Interpretationen ihm eher Gewalt antun. Oder dass sie vielleicht Antworten bieten, aber nur auf Fragen, die keiner stellt.  

Soviel zu einer kleinen Einführung in die Hermeneutik, die Wissenschaft von der Interpretation von Texten. Dieses Argument nimmt der Bibel absolut nichts weg. Das Buch wird dadurch nicht weniger “heilig”, “inspiriert” oder was auch immer. Dieses Argument nimmt vielmehr das ernst, was die Bibel tatsächlich ist: ein Text. 

Denken ohne Geländer

Alles das sind noch keine radikalen Gedanken. Auch “Konservative” akzeptieren gewöhnlich, dass Texte von Interpreten ausgelegt werden müssen, die dann zu verschiedenen Schlüssen kommen. Die Erwartung ist dann aber, dass es bei allem Interpretieren aber eine feste “bottom line” gibt, die nicht überschritten werden darf. Eine beliebte Formulierung hat z. B. Markus Till in seiner Verteidigung eines konservativen Bibelverständnisses aufgegriffen: “Die Schrift legt sich selbst aus.” 

Diese Formulierung soll vermutlich Vertrauen und Sicherheit geben. Sie ist aber schon auf der wörtlichen Ebene irreführend: Texte können nicht lesen, sondern nur gelesen werden. Darum können Texte auch keine anderen Texte “auslegen”, sie können nur selbst verwendet werden, um andere Texte zu interpretieren. Dann aber ist auch diese Verwendung schon Interpretation. Wenn wir den Akt der Interpretation ernst nehmen, kann es keine absolut “richtige” Lösung geben. Denn “absolut” heißt ja wortwörtlich (lat.) nichts anderes als los-gelöst. Es wäre also eine Lösung, die vom Text selbst losgelöst ist. Dann hätte sie aber gar nichts mehr mit ihm zu tun. 

Es gehört zum Grundwissen der Geisteswissenschaften, dass Interpretation ein offener Prozess ist, der sich zwischen den tatsächlichen Fragen des Interpreten und der Faktizität des Textes, der Textur, vollzieht. “Offen” heißt, dass ich nicht vorher schon weiß, was am Ende herauskommen darf und was nicht – sonst hätte ich gar keinen Grund, den Text überhaupt zu lesen. “Offen” heißt, der Prozess ist frei – mir gefällt in diesem Zusammenhang Hannah Arendts Sprachbild “Denken ohne Geländer”. 

Die logische Crux hinter “Prinzipien” der Bibelauslegung 

Freiheit ist immer auch eine Herausforderung – und ein Risiko. Um das Risiko einer Fehl-Interpretation zu minimieren, kennt die konservative Bibelauslegung einige Leitlinien. Die Interpretation, so fordert man, soll zum Beispiel

  1. zum Kontext passen.
  2. zur Gesamtaussage der Schrift passen.
  3. zur Person Jesus Christus passen.

Zur Freiheit gehört auch die Freiheit, sich selbst Geländer zu geben. Wahrscheinlich sind solche Geländer schon aus rein pragmatischen Gründen sinnvoll: Sie geben mir eine mögliche Richtung vor. Darum habe ich auch nichts gegen Geländer, im Gegenteil. Wir müssen uns nur über Folgendes im Klaren sein: Keines dieser Geländer steht “von selbst” fest. 

Erstens gibt für die meisten dieser Richtlinien nicht einmal einen Bibelvers der Gestalt “Lege die Schrift aus, indem Du X tust”. Also einen Vers, der eine dieser Richtlinien glasklar belegt. Das ist ziemlich erstaunlich für eine Position, die doch eigentlich begründen will, dass nur der Wortlaut der Bibel entscheiden darf. Dann müsste doch mindestens zu diesen Richtlinien der Bibelauslegung ein entsprechend eindeutiger Wortlaut zu finden sein. Die Bibel enthält aber nicht einmal einen Vers, der eindeutig besagt, dass jeder Vers in der Bibel “wörtlich” zu verstehen sei. Die Bibel kann auch gar nicht von der Bibel handeln. Denn allein schon die Entscheidung, welche Schriften überhaupt zur Bibel gehören, ist ja nicht durch den Inhalt des Textes selbst festgelegt

Zweitens würde auch ein solcher Wortlaut nichts helfen. Denn selbst wenn die Richtlinie selbst im Text stünde, dann müssten wir sie trotzdem erst auslegen, um sie zu verstehen. Wofür wir wieder Meta-Richtlinien bräuchten usw.  Und selbst wenn in der Bibel stünde, dass die Bibel “wörtlich” verstanden werden muss, müssten wir auch hier schon “vorher” wissen, dass wir diesen Vers wörtlich nehmen müssen. 

Genau das gilt auch für Richtlinien wie 1)-3). Sie handeln von Konstruktionen, die erst aus dem Lesen des Textes hervorgehen können: Eine “Gesamtaussage der Schrift” kann ich erst aufstellen, wenn ich die ganze Schrift gelesen und interpretiert habe. Und auch ein Bibelvers wie “Die Gesamtaussage der Schrift ist XY” wäre wieder nur ein einzelner Vers, der unter einer Gesamtaussage stünde. Wenn es so etwas wie “die Gesamtaussage” von Texten überhaupt gibt. Dasselbe gilt für die Frage, was genau “der” Kontext ist oder was genau Jesus für eine Person ist. Alles das sind schon Ergebnisse von Interpretation.

Im Ergebnis heißt das: Wir können sehr gerne darüber sprechen, welche Richtlinien wir beim Interpretieren verwenden sollten. Vielleicht auch gepflegt streiten. Aber wir können nicht so tun, als müssten wir diese Wahl gar nicht treffen. Und wir können auch nicht so tun, als wäre es vollkommen selbstverständlich, was genau mit den jeweiligen Richtlinien gemeint sein soll.

Plädoyer für eine hermeneutisch offene Sicht

Ich nenne oben skizzierte Bibelauffassung “hermeneutisch offen”, wehre mich aber auch nicht ausdrücklich gegen (wertende?) Etiketten wie “liberal”. Wichtig ist mir, dass die Bibel dadurch kein “schwächerer” oder “unzuverlässiger” Text wird. Im Gegenteil steht gerade die “wörtliche” Bibelauslegung in der Gefahr, den Text zu schwächen. 

Denn wenn “die Bibel sagt die Wahrheit” bedeuten soll, dass jeder Wortlaut der Bibel 1:1 die Wirklichkeit wiedergibt, ist der Text nur so stark wie sein in dieser Hinsicht “schwächstes” Glied: Die “heilsentscheidenden” (?) Aussagen gelten dann nur, wenn alle anderen Aussagen auf der Ebene eines möglichst einfachen Wortlauts “wahr” sind – das heißt, wenn der Hase ein Wiederkäuer (3. Mose 11,6) und der Himmel eine “Feste” zwischen den Wassern ist (1. Mose 1,6), es ein “äußerstes Meer” gibt (Ps. 139,9) oder die Erde 6.000 Jahre alt ist. 

Wer “bibeltreu” als Treue zum “Wortlaut” versteht, muss also an sehr vielen Fronten gleichzeitig kämpfen, um seine Sicht zu verteidigen. Unabhängig von der Frage, wie aussichtsreich dieser Kampf ist, wird die Bibel auf diesem Weg irgendwie plötzlich zu einem ziemlich schwachen Buch. Man kann diese Sicht auch die “Pullover-Theorie” nennen: Sobald man anfängt, an einem herausstehenden Faden zu ziehen, steht das ganze Ding in der Gefahr, kaputtzugehen.

Was heißt es aber dann, dass die Bibel “wahr” ist? In welchem Sinn können Texte überhaupt “Wahrheit” aussprechen? Das führt an dieser Stelle zu weit, ist aber sicher Stoff für einen eigenen Blogartikel.

In der hermeneutische offenen Perspektive hängt die Ergiebigkeit eines Textes jedenfalls nicht davon ab, ob jede einzelne Aussage in irgendeinem (noch zu klärenden) Sinn “wahr” ist, sondern davon, welche Erfahrungen der Text ermöglicht. Welche Antworten der Text auf die Fragen meines eigenen Lebens gibt und ob diese Antworten meinem Leben tatsächlich etwas bringen. Die Frage ist weniger, ob der Text wahr ist, sondern, ob er sich bewährt.

Dann aber bedeutet ein “Glaube” an die Bibel nicht, jeden Vers von vorneherein quasi blind zu unterschreiben. Das Muster “Bewährung” versteht den Glauben an die Bibel vielmehr ähnlich wie den Glauben an eine Person, an einen Partner: Man gibt sich gegenseitig eine Chance. Man lässt sich auf einen Dialog ein. Baut schrittweise Vertrauen auf. Darf jederzeit Fragen stellen. 

Und erst in einer solchen Beziehung ergibt der Begriff „Bibeltreue“ überhaupt Sinn. Der Bibel treu zu sein wie einem Partner heißt, ihre Macken und Merkwürdigkeiten zu akzeptieren. Und trotzdem das Gute, das Lebensspendende an ihr zu entdecken und zu schätzen.

Dieser Glaube nimmt nicht nur den Text ernst, sondern auch den Leser. 

* diese Geschichte habe ich vor längerer Zeit in einer Predigt gehört und sie hat mich sehr lange zum Nachdenken gebracht (vermutlich in eine andere Richtung als der Prediger beabsichtigt hat). Ich habe keine Ahnung, ob sie wahr ist, aber sie funktioniert sehr gut als Gedankenexperiment.

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2 Gedanken zu “Die Bibel „wörtlich“ nehmen? Wie Texte funktionieren (und wie sie nicht funktionieren)

  1. Hey Florian,
    danke für den Artikel. Feine Gedanken! Zu dem Begriff „Text“ würde ich noch ergänzen, dass in einen Text auch immer dessen Verfasser, Adressat und raum-zeitliche Umstände mit eingewoben sind. Das wäre für mich beim Bibellesen wichtig.
    Die drei „konservativen“ Prinzipien, die du genannt hast, halte ich nicht für speziell konservativ – im Gegenteil, gerade das „Kontext-Prinzip“ und das „Jesus-Prinzip“ werden ja in konservativen Auslegungen häufig missachtet. Das mit der „Gesamtaussage“ höre ich öfters, aber unter „Gesamtaussage“ wird etwas anderes verstanden, als ich bspw. unter der Gesamtaussage der Bibel verstehe 😉
    Grüße
    Katja

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