Die Sache mit der Toleranz: Wie viel Intoleranz muss die Toleranz aushalten können?

Toleranz ist ein Begriff, der in aktuellen Diskussionen wieder häufiger abgerufen wird. Wurde die Begrifflichkeit in den letzten Jahrzehnten vor allem von linksliberalen Milieus in Beschlag genommen, die diese vor allem im Rahmen von Identitätspolitik genutzt haben, hört man heute auch öfter aus eher konservativen Kreisen Stimmen, die ihre Positionen betreffend auf den Begriff referieren und mehr Toleranz einfordern für ihre Ansichten und Stimmen im Diskurs.

Hintergrund sind hier sicherlich gesellschaftliche Verschiebungen, die sich in den letzten Jahrzehnten, spätestens mit der Bildungsexpansion der 60er Jahre, ereignet haben. Viele Ansichten, die sich gestern noch als Mehrheitsmeinungen kaum selbst argumentieren musste, finden heute immer weniger Zustimmung, müssen sich stärker streitbar machen, gerade in Fragen der Identitätspolitik. Die Lager haben sich massiv verschoben. Von Alt nach Jung. Von Land nach Stadt. Und von einer ehemals konservativen Mehrheit, zu einer heute eher liberalen Mitte.


Als Konservativer unter Anklage?

An eine „Ehe für Alle“, die heute für fünfundachtzig Prozent der Bevölkerung zur politischen Korrektheit gehört, war bis in die achtziger Jahre hinein kaum zu denken. In den Nullerjahren blockierte dann lediglich noch eine konservative Minderheit in unserem Bundestag eine rechtliche Gleichstellung nicht heteronormaler Beziehungen. Da ist eine Menge passiert in den Köpfen der Menschen, in der öffentlichen Meinung. Mit konservativen Ansichten finden sich heute nicht mehr so selbstverständlich Mehrheiten. Man ist unter Beschuss geraten, wird kritisiert, teils gar angeklagt, für eine Politik, die man in der Vergangenheit betrieben hat.

Das fühlt sich natürlich nicht gut an. Da fühlt man sich vielleicht in die Ecke gedrängt, wenn andere einem plötzlich vorwerfen, was man gestern „noch hat sagen dürfen“. Da kommen Vorwürfe von Sexismus, von Homophobie, von Klassismus oder Rassismus. Das gilt natürlich insbesondere auch für Gruppen, die ihre konservative Ethik religiös begründen.

Christen, die ihre Ablehnung von sexueller Vielfalt, ein Festhalten an tradierten Geschlechterrollen oder autoritären Strukturen anhand religiöser Texte argumentieren, fühlen sich hier vielleicht in besonderer Weise abgehängt, da ihre ideologisch geprägte Weltsicht im heutigen Diskurs kaum noch stattfinden darf. Man muss halt schon säkular argumentieren. Religiös motivierten Ansichten will im politischen Diskurs heute kaum noch einer zuhören. Das ist natürlich schwierig.

Andererseits – wenn Pädagogen in unseren Schulen und auch Kindergärten in Lehrplänen und pädagogischen Konzepten heute versuchen einer immer noch sehr hohen Alltagsdiskriminierung nicht etablierter sozialer oder kultureller Lebensweisen positiv entgegenzuwirken, versucht eine konservative Seite hier oftmals mit Begriffen wie dem der „Frühsexualisierung“ Diskursverschiebungen zu erreichen, die eine liberale Ethik und ihr Toleranzparadigma nun selbst unter Ideologieverdacht stellen wollen.


Eine Geschichte der Toleranz

Doch was meint Toleranz eigentlich? Wo liegen die Wurzeln des Toleranzdiskurses?

Der Toleranzbegriff ist insbesondere mit der „praktischen Notwendigkeit“ des Staates verknüpft gesellschaftliches Zusammenleben auch bei abweichenden religiöser Bekenntnisse zu ermöglichen. So wurden bereits im römischen Reich die Religionen der unterworfenen Völker toleriert, solange diese die Verehrung des römischen Kaisers nicht konterkarierten. Auch im Mittelalter wurden „Ungläubige“ durchaus toleriert. Die Grenze der Toleranz wurde hier allerdings zur Häresie, also zu abweichenden kirchlichen Lehren vollzogen, die sich klar und bewusst gegen die etablierten kirchlichen Lehren richteten.

Erst in der Neuzeit differenzierte man zwischen Staat und Kirche in dem Maße, dass sich der Diskurs um Toleranz zu unserem heutigen Verständnis um Religionsfreiheit und Menschenrechte weitete. So setzte vor allem die Reformation Anfang des 16. Jahrhunderts eine Entwicklungen in Gang, die wesentlich zu unserem heutigen Toleranzbegriff beitrug. Die protestantische „Zwei-Reiche-Lehre“ legte den Grundstein für eine Säkularisierung des Staates, die die nachfolgenden Diskurse erst ermöglichte.

In den folgenden Jahrhunderten löste sich mit dem Humanismus die Idee der „Glaubens- und Gewissensfreiheit“ aus ihrer starken Religionsbezogenheit und schloss immer mehr das ein, was wir heute als „Vielfalt der Lebensformen“ beschreiben. Als ein wesentlicher Marker der heutigen Toleranzidee ist so auch die amerikanische Unabhängigkeitserklärung zu nennen. In der „Bill of Rights“ wurden die Trennung von Kirche und Staat, sowie allgemeine Menschenrechte und Religionsfreiheit erstmalig als gesellschaftlicher Vertrag, als Verfassung eines Staates formuliert.

Ein moderner Toleranzbegriff ist somit sehr eng mit der Idee des säkularen Staates verknüpft in der die verschiedenen Gruppe einer Gesellschaft, ihre Herrschaftsgewalt an einen gemeinsamen Souverän, den Staat, abgeben, um so ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Dieser Souverän hat nun vor allem auch die Aufgabe zwischen den einzelnen Gruppen der Gesellschaft zu vermitteln und insbesondere auch Minderheiten zu schützen und deren Gleichberechtigung zu gewährleisten.


Toleranz der Intoleranz?

Wenn Konservative heute, ihre Belange betreffend, auf den Begriff der Toleranz referieren, ist dies oft aus der Perspektive heraus, sich in der heutigen, eher liberal geprägten Gesellschaft selbst als Minderheit wahrzunehmen. Die Idee einer „Glaubens- und Gewissensfreiheit“, wie sie dem Toleranzgedanke inhärent ist, gibt einem solchen Anspruch so zu aller erst auch einmal recht.

Natürlich muss der Souverän auch konservative Lebensformen schützen. Klassische Geschlechterverhältnisse, die heteronormale Ehe zwischen Mann und Frau oder auch das Ausüben der eigenen Religion, das sind Dinge, die sich formulieren lassen müssen, die nicht reglementiert werden dürfen. Natürlich hat man das Recht in unserem Staat auch konservativ zu leben und zu denken.

Problematisch wird die Diskussion allerdings an dem Punkt, wo Konservative ihre Positionen, ihre Lebensweise als „Leitkultur“ verstanden wissen wollen. Wo konservative Perspektiven in besonderer Weise Berücksichtigung finden sollen in unserer Gesellschaft und wo eine solcher Anspruch auch politisch formuliert und verfolgt wird.

Der Toleranzbegriff ist unweigerlich verknüpft mit der Reflexion um Herrschaftsverhältnisse. Das beinhaltet natürlich auch eine Reflexion empirischer Verhältnissen wie der von Mehrheiten und Minderheiten. Aber auch Fragen der Lebensrealität. Beispielsweise der Frage nach Diskriminierung. Welche Gruppen werden insbesondere benachteiligt oder diskriminiert in unserer Gesellschaft? Nicht zuletzt hier setzen ja auch Feminismus und Bürgerrechtsbewegungen an, wenn sie für die Gleichstellung der Geschlechter oder die Anerkennung nicht „heteronormaler“ Lebensweisen kämpfen.

Werden Konservative in unserer Gesellschaft strukturell benachteiligt? Wenn man auf den Toleranzbegriff pocht, wäre diese empirische Dimension sicherlich als Erstes zu klären. In der Regel fordern Konservative hier ja nicht ihr legitimes Recht ein gleichgestellt zu werden, sondern vielmehr besondere Privilegien, mit denen sie Anderen die Gleichstellung verweigern dürfen. Da kommt ein Toleranzbegriff natürlich an seine Grenzen.


Toleranz kennt eine Richtung

Zudem – wenn eine Mehrheit unserer Gesellschaft sich heute für die „Ehe für Alle“ ausspricht, heißt dies ja nicht, dass aus Minderheiten plötzlich Mehrheiten werden. Schwule, die für ihre Lebensform, ihre Beziehung, Gleichstellung einklagen, bleiben rein empirisch ja weiter eine Minderheit. Dass Menschen sich hier solidarisieren, geschieht im Geiste der Toleranz, verändert aber nichts an den tatsächlichen Herrschaftsverhältnissen. Die Mehrheit der Gesellschaft lebt ja weiterhin in heterosexuellen Beziehungen.

Toleranz als Diskurs kennt also eine klare Richtung. Ihr geht es um die Integration von Minderheiten. Toleranz soll ein friedliches Beisammen ermöglichen, wo Menschen in Freiheit ihrer Gesinnung folgen können ohne diskriminiert, benachteiligt oder angegriffen zu werden. Wenn man sich Kriminalstatistiken anschaut, kommt man kaum um die Tatsache herum, dass gerade Minderheiten angefeindet werden und nicht etwas Menschen, die den mehrheitlichen Identitätsmarkern um Religion, Ethnie, Gender oder Sexualität entsprechen.

Öffentliche Räume, beispielsweise Schule oder Kindergarten, haben hier natürlich die Verantwortung ihrem Bildungsauftrag nachzukommen. Themen um Rassismus, Feminismus oder auch eine „Vielfalt der Lebensformen“ hier möglichst früh zu besprechen, begründet sich in dem Anliegen und der Verantwortung, hier herrschende Ressentiments weiter abzubauen, um die Diskriminierung einzelner Gruppen in unserer Gesellschaft weiter einzudämmen. Das ist die Aufgabe, die wir Staat und Souverän in unserem Gesellschaftsvertrag zugeschrieben haben.


Toleranz ist kein Kulturkampf

Wenn wir mit dem Begriff der Toleranz also arbeiten ist es wichtig, dass wir aus dem Thema keinen Kulturkampf machen. Hier geht es nicht um Konservative vs. Progressive, sondern um grundlegende Absprachen in unserer Gesellschaft, die ein friedliches Zusammenleben ermöglichen sollen.

Wenn wir uns die Geschichte des Begriffs anschauen wird deutlich, dass es der Toleranz nicht um die Frage geht „Wer ist drinnen und wer ist draußen?“, sondern immer um den Versuch, „Wen können wir noch mit hineinnehmen?“ Wer passt noch mit ins Boot unserer Gesellschaft, unserer Demokratie?

Niemand stellt infrage, dass Konservative einen Platz in unserer Gesellschaft haben. Und natürlich haben auch konservativ lebende Menschen das Recht, dass man ihrer Lebensweise mit Respekt begegnet. Dass man ihr Lebensmodell toleriert und akzeptiert.

Schwierig wird der Diskurs immer dort, wo Gruppen für sich Privilegien einfordern oder, wie viele Konservative dies derzeit tun, etwa eine Pädagogik kritisiert, die bewusst inklusiv denkt und für mehr Toleranz eintritt. Mit einer solchen Haltung sägt man letztlich nämlich nicht nur am eigenen Ast, sondern gefährdet gar das generelle Zusammenleben, indem man einen Kulturkampf aufmacht, der bis an die grundlegendsten Lebensbedingungen unserer Gesellschaft herangeht.

Toleranz lebt von gewissen Bedingungen und gesellschaftlichen Absprachen. Ein säkularer Staat gehört dazu. Persönliche Freiheitsrechte hinsichtlich Religion und Lebensweise gehören dazu. Gleichberechtigung gehört dazu. Egal ob konservativ oder progressiv – wenn es um das Zusammenleben geht, sollten wir uns hüten, diese grundlegenden Lebensbedingungen im Rahmen eines „Kulturkampfes“ zur Disposition zu stellen. Damit tun wir uns alle keinen Gefallen.


Photo by Matt Popovich on Unsplash

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