Geschlecht ist Sexismus: Warum wir mit der Kategorie Geschlecht heute empfindsamer umgehen.

Immer wieder trifft man in Gesprächen auf Unverständnis, bezüglich des heute oft geforderten sehr feinfühligen Umgangs mit dem Begriff Geschlecht. Auf den ersten Blick scheint das überzogen – Geschlecht sei ja keine Kategorie, die an sich problematisch ist. Geschlecht kann man ja sehen, da gibt es klare biologische Marker, die es auch erlauben hier klar zu sprechen.

Abgeholt sind viele Menschen heute sicherlich in Fragen der Gleichstellung – Gender-Mainstreaming als politisches Programm, also ein verantwortungsbewusstes Mitdenken der Kategorie Geschlecht in unseren politischen und wirtschaftlichen Prozessen, das ist etwas, wo die Mehrheit unserer Gesellschaft heute sicherlich mitgeht. Die Gleichstellung der Geschlechter bezüglich politischer Partizipation, Chancen, Bildung, Bezahlung oder gerechterer Aufteilung von Care-Arbeit, das ist ein Narrativ, das heute höchstens noch Ultrakonservative in Frage stellen.

Dennoch fühlt sich mancher heute vielleicht wie der Elefant im Porzellanladen, wenn es um Geschlechterverständnis, Geschlechtsidentität, Sexismus oder Fragen der Intersektionalität geht. Im Folgenden möchte ich einmal einen sehr wesentlichen Gedanken zum Geschlechterbegriff aufgreifen, weil ich glaube, dass sich hierin ganz gut die Spannung darstellen lässt, mit der wir es in unserem heutigen Gespräch zu tun haben. Ein Gedanke, der, wenn man ihn einmal mitgeht, vielleicht auch hilfreich ist, dass ganze Thema um Geschlecht, Gender und Sex auch etwas zu entwirren, besser zu verstehen und so die eigene Empfindsamkeit weiter zu entwickeln.


Sex und Gender

Bereits seit den 60er Jahren haben sich die Begriffe Sex und Gender in der Geschlechterforschung weitgehend durchgesetzt. Man unterscheidet hier zwischen biologischem und sozialen Geschlecht. Unter Sex sammeln sich Diskurse, die die Unterschiedlichkeit, oder auch Fluidität, biologischer Merkmale von Geschlecht besprechen, unter Gender hingegen Dimensionen um gesellschaftliche Erwartungen, Rollenvorstellungen oder auch die soziale Ausgestaltung und Inszenierung, das Doing Gender, von Geschlecht.

Hier Trennschärfe herzustellen, hat die Geschlechterforschung sicherlich deutlich nach vorne gebracht und vor allem dem politischen Diskurs um Gleichstellung eine argumentative Grundlage gegeben. Befreit vom Biologismus, konnte Geschlechtlichkeit Gegenstand sozial- und kulturwissenschaftlicher Betrachtung und empirischer Forschung werden. Wir haben uns angeschaut wie sich Geschlecht in verschiedenen Kulturen, historisch und gegenwärtig, in religiösen oder säkularen Kontexten unterschiedlich ausformt, inszeniert und ausgestaltet. Wir haben Gender als etwas Konstruierbares beschrieben, etwas diskursives, das eben vor allem eine Frage des gesellschaftlichen Dialogs ist.


Geschlecht ist Sexismus

Nochmals neu aufgerollt wurde der Geschlechterdiskurs in den 90er Jahren. Mit ausschlaggebend waren hier vor allem die Überlegungen der amerikanischen Philosophin Judith Butler.

In ihrer Auseinandersetzung zu Geschlecht und Performanz weist Butler auf ein epistemologisches Problem hin, indem sie sagt, dass Geschlecht, auch in seiner Unterscheidung von Sex und Gender, dennoch zu aller erst einmal eines ist, nämlich eine Interpretation von Körperlichkeit. Die Iterabilität des Begriffs ergibt sich hier aus dessen Einübung. Vereinfacht gesagt – Menschen anhand körperlicher Merkmale zu kategorisieren ist letztlich ein kultureller Akt, etwas, das wir gelernt haben zu tun, das sich aber nicht zwingend aus der Betrachtung von Körperlichkeit ergeben muss.

Butlers Kritik am Begriff Geschlecht greift somit nochmals deutlich tiefer und grundsätzlicher. Für Butler ist Geschlecht generell eine Determinierung, die wir kulturell vornehmen, auch Sex versteht sie bereits als einen kulturellen Akt. Daher sei eine strikte Trennung der Diskurse um Sex und Gender eher irreführend und man müsse sich gerade wieder mehr mit Körperlichkeit auseinandersetzen.

Warum für Butler eine Interpretation von Körperlichkeit in Form des Begriffs Geschlecht bereits in sich problematisch ist, kann ganz gut mit einer Parallelisierung verdeutlichen:

So gibt es durchaus auch andere Interpretationen von körperlichen, sexuellen oder sozialen Merkmalen, die wir heute problematisieren, deren Problematisierung aber bereits deutlich mehr Common Sense ist als unser Geschlechterdiskurs. So könnte man Menschen ja auch nach der Hautfarbe unterscheiden. Was wir gemeinhin dann Rassismus nennen. Oder aber nach sozialen Status und kulturellem Kapital. Da sprechen heute von Klassismus.

Scharf formuliert kann man so ein Reden von Geschlechtern generell bereits als Sexismus beschreiben. Gemeinhin sprechen wir heute von Heteronormativität oder Heterosexismus, wenn gesellschaftliche Gruppen oder Mehrheiten von der Vorstellung ausgehen, das es genau zwei binäre Geschlechter gibt, die sich sexuell gegenseitig begehren. Fluide Formen der sexuellen Identität werden hier bereits aufgrund der dichotomen Grundannahme, von der sich jede Geschlechtsidentität ableiten muss, als abseits des „Normalen“, diskriminiert.


Sexuelle Identität: Ein Spannungsfeld

Auch einer Judith Butler war bewusst, dass Geschlecht als Narrativ etwas ist, dass man nur schwer einfach ablegen kann. Wir befinden uns in einer Spannung, hier einerseits mit Identitäten arbeiten zu müssen, andererseits aber immer auch deren Überwindung anzustreben.

Dies sieht man insbesondere natürlich im Feminismus. Denn eine Gleichstellung der Geschlechter bedingt einerseits Solidarität, das heißt auch ein bewusstes Bekennen zum eigenen Geschlecht, vielleicht auch ein gezieltes Herausarbeiten der eigenen Identität zwecks Emanzipation. Andererseits ist eine wirkliche Gleichstellung nur dann erreichbar, wenn die Bedeutung der Kategorie Geschlecht für unsere Identität eher kleiner, unbedeutender wird.

Auch hier kann man die Parallele zu Fragen um „ethnische“ Zugehörigkeiten ziehen. Dass wir über Hautfarbe nicht mehr reden, scheint heute selbstverständlich. Diese kulturelle Verschiebung war letztlich aber auch nur über Bürgerrechtsbewegungen (wie etwa Black Power) erreichbar, die ihre „schwarze“ Identität aber gerade in besonderer Weise betont haben.

Dieses Spannungsfeld der Betonung, bei gleichzeitiger Überwindung, findet sich in Diskursen um Sexismus und Heteronormativität letztlich in gleicher Weise wieder. Und genau diese Spannung ist es, die ein solch hohes Maß an Empfindsamkeit im Gespräch fordert.


Rolling Eyes

„Das Unbehagen der Geschlechter“ hieß Judith Butlers Publikation „Gender Trouble“ in der deutschen Übersetzung. Ein Unbehagen, dass sicher schon immer da war, sich aber dadurch, dass die Selbstverständlichkeit einer heteronormativen, binären Geschlechterordnung heute hinterfragbar ist, seine Freiheit sucht und neue fluide Identitäten findet, die sich auch komplett jenseits binärer Ordnungsmuster formulieren können.

Eine gewissen Empfindsamkeit ist gefordert, wenn man Menschen mit Respekt begegnen will. Gerade hinsichtlich Fragen der Identitätsbildung. Ein wenig Auseinandersetzung gehört natürlich dazu – aber genau das bedeutet Respekt eben auch. Hier die Aufmerksamkeit und Empfindsamkeit aufzubringen, sich tatsächlich mit dem Anderen auch zu beschäftigen.

Und hierzu ist auch kein geisteswissenschaftliches Studium nötig. Tatsächlich schafft es das Sozial- und Kulturwissenschaftliche Seminar der Hochschule Düsseldorf in einem kleinen Heftchen mit dem Titel „Rolling Eyes Glossar“ alle wesentliche Begriffe um Diskriminierungserfahrungen kurz und knapp auf den Punkt zu bringen.

Sicher, Empfindsamkeit setzt eine gewisse Privilegiertheit voraus. Da sollte man sich nichts vormachen. Erschreckend andererseits aber, wie viele Privilegierte ernüchternd wenig Empfindsamkeit und Awareness aufbringen, obwohl sie es sich leisten könnten. Da sollten wir uns mehr bemühen und uns auch immer wieder an den Balken im eigenen Auge erinnern lassen. Vielleicht gerade auch von jüngeren Generation, die in solchen Fragen oftmals deutlich feinfühliger und weiter sind.


Photo by 🇨🇭 Claudio Schwarz | @purzlbaum on Unsplash

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