„Cancel Culture“ in Deutschland – Berechtigte Kritik oder selbstgefälliges Gejammer?

Gerade in einer eher konservativen Debattenkultur gibt es immer mal wieder Modeworte, die aufkommen und unter denen dann gerne verschiedenste Diskurse kumuliert werden, um sich kritischer Stimmen anderer Lager zu erwehren. So wurde lange der Begriff des Gender-Mainstreaming als Schlagwort für unterschiedlichste Diskurse aus der Geschlechterforschung genutzt. Oder der Begriff der Identitätspolitik einseitig auf ein „linksgrünes“ pädagogisches Umerziehungsprogramm verkürzt. Dass die eigenen Positionen meist genauso so eine identitäts-politische Absicht und Wirklichkeit haben, darauf will man sich dann aber lieber nicht ansprechen lassen.  

Unterm Deckmantel 

Mit der Debatte um Cancel Culture, die mittlerweile auch in Deutschland angekommen ist, verhält es sich da recht ähnlich. Denn auch hier werden Diskurse abgehandelt, die dort im engeren Sinne oft nicht hingehören. So z.B. die Diskussion darum, ob man Straßennamen nun umbenennen sollte, die sich vielleicht auf Menschen berufen, die wir heute eher kritisch sehen. Gerade ein Götz Aly, der auch viel kluges Zeug zur NS Zeit geschrieben hat, arbeitet sich an solchen Fragen ab und meint es sei ein Canceln von Kultur, Straßen oder Gebäude umzubenennen. Dann stelle man sich einmal vor, man würde im “Hitler-Park” spazieren gehen. Es ist ja nicht so, als wäre die Debatte um Straßennamen wirklich neu. Und auch Chemnitz heißt heute nicht mehr Karl-Marx-Stadt. Hier zum historischen Namen der Stadt zurückzufinden, war eine demokratische Bürgerentscheidung. Aber naja, das ist etwas anderes, wird mancher da sagen. Warum?

Ein weiteren Thema, das unter anderem auch von Svenja Flaßpöhler eingebracht wird, ist der Diskurs um gendergerechte Sprache. Diese kennen wir vor allem in Form des großes Binnen-I, oder des Queer-Sternchens. Diese Schreib- und Sprechweisen haben sich vor allem im wissenschaftlichen und journalistischen Schreiben etabliert. Hintergrund sind hier Jahrzehnte Diskurs in Sprachwissenschaft, Bildungswissenschaft und Sozialwissenschaft zur Relevanz von Sprache für gesellschaftliche Realitäten. Wo hat Frau Flaßpöhler, als Intellektuelle, geschlafen die letzten Jahrzehnte, dass sie uns bei Hart aber Fair erfundene Geschichten von der Irrelevanz der Sprache auftischt, die der Diskurs ja bereits seit Jahrzehnten deutlich selbstkritischer, empirischer und tiefer besprochen hat? Nein, gendergerechte Sprache durchsetzen zu wollen ist keine Cancel Culture. Hier geht es darum Frauen sichtbarer zu machen, auch in der Sprache. Und nein, man denkt Frauen nicht automatisch mit, wenn man das generische Maskulinum verwendet. In der Sprache sind Frauen Menschen zweiten Rangs. Man muss dem Anspruch hier nicht folgen, wenn man nicht mag. Es zwingt einen ja auch niemand „Portmonee“ zu schreiben. Gerne kann man sich auch an der Uni Dozenten und Seminare suchen, die weniger geschlechtersensibel unterwegs sind. Man kann aber den Spieß nicht einfach umdrehen wollen und von der Vulnerability der Anderen sprechen. Hier geht es nicht um Verletzlichkeit, sondern um Macht und Politik.

Der entlarvenste Diskurs-Ausrutscher gelang aber sicherlich Dieter Nuhr. Dieser setzt sich nämlich allen Ernstes als gut verdienender, erfolgreicher TV Comedian in einen Talk Format – als der Typ, der gerne auch mal flache Witze über Greta Thunberg macht oder Geschmackloses, weil sexualisiertes, über die Kanzlerin auf der Bühne präsentiert, und will uns verkaufen, er dürfe im Namen der Satire alles, während seine Kritiker aber Cancel Culture betrieben, wenn sie ihn öffentlich für seine Inhalte angreifen. Sorry, aber das ist albern und lediglich Ausdruck der eigenen Selbstgefälligkeit des Herrn Dieter “Ich bin ja Satiriker” Nuhr. Mit Cancel Culture hat das aber nichts zu tun.

Cancel Culture und Kritik

Bevor man sich also ernsthaft mit einer möglichen “linksgrünen” Cancel Culture beschäftigen kann, muss man erstmal die ganzen Trittbrettfahrer aus dem Weg räumen, die sich diesen Diskurs unberechtigt zu eigen machen.

Der Begriff hilft nämlich nicht, wenn Provokateure wie Broder, Nuhr oder auch eine Rowling damit der Kritik an ihren Witzeleien entfliehen wollen. Von Cancel Culture reden wir nicht, wenn es um Kritik, nicht einmal wenn es um Shitstorm geht. Es ist auch keine Zensur, wenn sich Veranstalter vielleicht einmal von einem eingeladenen Gast distanzieren, weil dieser in aktuellen Diskursen vielleicht gerade Töne anschlägt, die sie nicht vertreten wollen, oder die ihr Publikum nicht teilt. Natürlich hat auch das Publikum eine gewissen Macht. Willkommen in der Demokratie.

All das ist nicht neu. Und all das ist auch nicht zwingend ungerecht, oder wirklich problematisch. Das ist der völlig normale Diskurs den wir führen. Der gestaltet sich natürlich auch nicht immer fair. Sicher. Aber Ausladungen, Shitstorms oder Distanzierungen, das ist ja nichts, was nur linke Milieus betreffen würde. Das passiert in allen Milieus. Hier wäre der Hint vor allem, nicht nur den Splitter im Auge des Anderen zu suchen, sondern vielleicht auch den im eigenen Auge. Ein Hint, den sich vielleicht gerade konservative ChristInnen einmal gefallen lassen sollten, sind es doch ihre Kirchen und Vereine, die Cancel Culture seit jeher betreiben, wenn es um die Lebensführung, die Theologie oder die Nase von Andersdenkenden geht. – Aber nein, das ist jetzt bestimmt wieder was anderes. 

Eine Frage der Perspektive 

Das Problem des Begriffs der Cancel Culture ist, dass dieser vor allem als politischer Kampfbegriff gegen eine „Political Correctness“ ins Feld geführt wird, einen Begriff also, der auch eher einem konservativen Lager entspringt. So schaut Cancel Culture nur auf das andere Lager. Es geht dem Begriff nicht um etwas systematisches, sondern darum, wie die eigene Gruppe und deren Haltungen öffentlich verhandelt werden.

Wenn man über Cancel Culture also ernsthaft debattieren will, müsste man zuallererst einmal die Perspektive neu ausrichten. Man müsste dazu finden, den Begriff systematischer zu nutzen, um ihn auf alle Lager anzuwenden. Macht man das, sieht man schnell, dass Cancel Culture kein Problem eines speziellen Lagers, als vielmehr eine Verengung unserer Debattenkultur als solche ist, die damit korreliert, dass Gesellschaft eben diverser wird und somit auch mehr Gegensätze und Streitpotential entwickelt. 

Was meint Cancel Culture eigentlich?

Was man mit diesem Begriff eigentlich beschreiben möchte ist eine Empörungskultur. Eine Kultur, die sich heute, auch durch die neuen Medien, deutlich mehr hochschaukeln kann als in Zeiten, wo diese Empörung vielleicht noch am privaten Stammtisch blieb und weniger Ansteckungspotential hatte. Und Empörung richtet sich ja in der Regel auch nicht gegen jeden, sondern vor allem gegen Personen des öffentlichen Lebens.

Klar bildet sich auch in linken Lagern Empörung. Beispielsweise gegen sexistisches oder diskriminierendes Verhalten. Klar ist das nicht immer differenziert. Auch hier sind nicht alle Akademiker. Klar erntet eine Rowling gerade von links massive Kritik an ihrem Feminismus, der sich zuweilen eben transfeindlich formuliert. Da gibt es auch Fronten in den eigenen Reihen. Und es gibt tatsächlich auch Fälle, wo eine solche Empörungswelle Menschen auch privat treffen kann. Beispielsweise weil Menschen ihren Job verlieren aufgrund ihres Verhalten oder ihrer Aussagen. Oder Menschen auch von Veranstaltungen wieder ausgeladen werden, weil sie akut öffentlich am Pranger stehen. Dieser öffentliche Pranger ist heute sicherlich ein Problem, auch weil das Internet nicht vergisst und wir Dingen wie Reue und Veränderung weniger Platz einräumen. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass Empörung ja nicht generell unangebracht ist. Oft ist es erst die öffentliche Empörung, die Dinge verändert. Dass in Hollywood aufgrund der #metoo Debatte auch Leute „gecancelt“ wurden, die über Jahre Frauen belästigten, ist das denn generell falsch? Ist es generell falsch, dass Menschen auch einmal angeklagt werden für ihr Verhalten und dies auch Konsequenzen hat? Ja, Kevin Spacey wurde gecancelt von Netflix. Aber ja auch nicht grundlos.

Alles hat zwei Seiten

Die Frage bei öffentlicher Kritik ist natürlich immer – wo setzt man da die Grenzen? Spricht man bei einem Xavier Naidoo oder Attila Hildmann auch noch von Cancel Culture, nimmt sie in Schutz, wenn diese sich in ihren Verschwörungsideen verstricken? Oder ist das dann die eigene Schuld?

Wie ist das mit der #metoo Debatte? Hier wurden sexuell übergriffiges Verhalten bis hin zur Belästigung und Vergewaltigung aufgedeckt und angeklagt. Wird hier nicht mit dem Begriff Cancel Culture von der eigentlichen Debatte nur abgelenkt, nämlich dem strukturellen Sexismus in vielen gesellschaftlichen Kreise und Wirtschaftszweigen?

Und wie ist es bei Trump und seinen Anhänger die gezielt gegen Demokraten hetzen, Journalisten verunglimpfen und Falschmeldungen über Menschen verbreiten? Wird da nicht auch Cancel Culture betrieben?

Wie ist es mit Konservativen, die LGBTIQ mit Pädophilie in einen Topf werfen. Die Erziehern und Pädagogen, die sich gegen Diskriminierung und für Vielfalt an unseren Kitas und Schulen einsetzen, die „Frühsexualisierung“ unserer Kinder vorwerfen. Welchen Begriff nutzen wir da?

Und wie ist das mit rassistischen Diskursen? Lassen wir einer AfD im Bundestag nun fortan alles durchgehen, auch wenn hier Stigmatisierungen von Migranten, Ausländern und Geflüchteten stattfinden? Wollen wir Solidarität und bürgerliches Engagement heute mit Begriffen wie der Cancel Culture diskreditieren?

Mit zweierlei Maß

Das Problem ist, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Vielleicht canceln wir am Ende alle. Ja. Aber sicherlich nicht die Linken am meisten. Je nach Machtverhältnis und Perspektive stellt sich das sehr unterschiedlich da. Und mir würde es sehr schwer fallen da die „Politische Correctness“ der Linksliberalen mehr in Verantwortung zu sehn, als die Selbstverständlichkeit vieler konservative Positionen und deren Attitüde.

Gegen einen Diskurs um unsere Debattenkultur ist sicherlich nichts einzuwenden. Auch nicht dagegen unsere Gespräche vielleicht wieder mit weniger Aufgeregtheit zu führen. Aber sind es am Ende tatsächlich die Linken, die politisch Korrekten, die in den Diskurse poltern, ranten und haten? Und sind es im Gegenzug dann wirklich gerade die Broders, die Nuhrs oder die Rowlands, die das mit dem Zurückhalten, der Anständigkeit und der Sensibilität im Diskurs besonders gut können und vormachen? Ich weiß ja nicht.

Ganz ehrlich – der Kunstfigur Lisa Eckhart ist es vermutlich ziemlich egal, ob sie bei einer Veranstaltung ausgeladen wird. Die Figur bedient sich alter faschistischer Witze aus dem untersten Fach der Satire, oft kunstfertig und gewitzt, und bietet diese einem Publikum da, das so doof ist, dass es auch wirklich darüber lacht. Über irgendwelches Cancel Culture Gejammer kann eine Eckhart doch nur kurz auflachen bis mitleidig dreinschaun. 

Solange man mit “Poltern” wirtschaftlich erfolgreich ist und sein Publikum findet ist ja alles gut – scheinbar. Wenn einem dann irgendwann aber immer weniger hören mögen, oder die Kritik lauter wird, dann wurde man nicht gecancelt, sondern ist vielleicht einfach unbeliebt. Eine Eckhart will gar nicht beliebt sein. Ein Nuhr anscheinend schon. Und da scheint auch das Problem zu sein.

Klüger wäre hier aber dafür nicht die Anderen anzuklagen, und so den Spieß einfach umzudrehen, sondern vielleicht zu schauen, ob man vielleicht einmal selber zuhören sollte. Wie man vielleicht selber ein bisschen sensibler werden kann. Auch ein Böhmermann macht seine Witzchen über Linksliberale, allerdings aus dem eigenen Milieu heraus und mit dem Talent, hier richtig zu adressieren. Vielleicht kann auch ein Bildungspublikum hier und da einmal über Nuhrs Witze lachen, wenn sie weniger platt und polterig wären. Oft hilft es in solchen Diskursen auch, sich einmal hinzusetzen, nicht nur auf die Anderen zu zeigen, sondern für sich selbst einmal zu schauen, was da schief läuft und zu erkennen, dass man auch Teil des Problems ist.

Es gibt kein Zurück

Machen wir uns nichts vor. Die Welt hat sich verändert. Sie ist vor allem diverser geworden. Gleichberechtigung, Geschlechterdiversität, Sexuelle Vielfalt, Awareness für PoC, Multikulturalität… Das sind Themen, die gehen nicht wieder. Auch gendergerechte Sprache wird bleiben und sich zunehmend durchsetzen. Die jungen Menschen werden uns weiter auf diskriminierendes Verhalten im Alltag oder unsere Klimabilanz hinweisen. Auch das Straßennamen sich gelegentlich einmal ändern, oder nicht jedes alte Kriegerdenkmal mit Applaus bedacht wird, damit wird man leben müssen. Eine Mohrenstraßen wird es im 21sten Jahrhundert nicht mehr geben. Genauso wenig wie der Hitlerpark in der jungen Republik 1948 als Kulturerbe ging.

Wenn ein Jürgen von der Lippe heute merkt, dass nicht mehr jeder über seine Witze lachen kann, ist das dann ein Problem? Es lachen wirklich genug, und das ist auch ok. Aber als „alter, weiße Mann“ wird er nicht dadurch diskriminiert, dass jüngere Generationen mit seinen gendertypischen Witze nichts mehr anfangen können. Man ist halt nicht von gestern. Aber genau damit muss man auch leben lernen. Das ist etwas, was uns allen passieren kann. Niemand sollte sich einbilden immer vorne mit dabei zu sein. Auch #gottistlinks ist sicherlich nicht die Speerspitze progressiver Entwicklung und an vorderster Front wenn es um Sensibilität und Awareness geht.

Haben die Babyboomer ihre Nazieltern einfach noch durch ihre schiere Masse einfach verdrängen können, erleben wir heute schon aufgrund der demografisch anderer Bedingungen vielmehr ein Gegeneinander verschiedener Gruppen und Interessen. Auch das ist eine Realität mit der wir leben lernen müssen. Eine „das wird man ja noch sagen dürfen“ Mentalität, wie sie Babyboomer für sich postulieren, die endet spätestens bei den Millenials im Streitgespräch. Spätestens hier ist die kulturelle Kluft dann so groß, dass Streit der Normalzustand sein wird und ganz ehrlich, es auch sein sollte. Denn Millenials leben bereits im morgen, weil sie ihre Zukunft erst noch gestalten müssen.

Also lernen wir zu streiten! Denn ein Zurück wird es nicht geben. Die Zukunft kann nur ein Vorwärts sein. Dazu gehört aber auch, sich nicht in Selbstgefälliges zurückzuziehen, sondern auch zu schauen, dass man die Themen Anderer ernst nimmt und selber auch lernt sich hier sensibler zu verhalten. Wer den Willen hier nicht aufbringt, den wird niemand dazu zwingen. Nur ist es dann auch albern sich zu beschweren. Denn die Kritik an vielen Selbstverständlichkeiten der Babyboomer, der Generation X und vielleicht bald der Generation Y, die wird bleiben. Sie wird sich nicht auflösen.

Um Stefan Schulz vom Alias Fernseh-Podcast einmal frei zu zitieren: „Wenn man Marx heute anwenden will, dann findet Klassenkampf heute nicht zwischen Arbeitern und Arbeitsgebern statt, sondern zwischen Babyboomern und Millenials.“

Spätestens beim Klimawandel werden uns weder Selbstgefälligkeit noch ein Problematisieren von Empörungskultur helfen. Da muss in der Bewegung vorwärts ein anderer Weg gefunden werden. Denn hier müssen wir ernsthaft verhandeln zwischen einem Gestern und einem Morgen. Am besten natürlich ohne uns dabei gegenseitig zu canceln. Was man dabei meines Erachtens aber im Blick behalten sollte ist, dass dieses morgen nicht uns gehört, sondern den Jungen.


Photo by Volodymyr Hryshchenko on Unsplash

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s