Nur fromme Fantasy? Zwei politische Probleme christlicher „Endzeit“-Erzählungen

Zu den scheinbar “nerdigen” Themen evangelikaler Frömmigkeit gehört die Lehre von der Endzeit, der Apokalypse und der Wiederkunft Christi. Die Welt geht unter, mit Blockbuster-Spektakel und fetten Fanfaren; und im letzten Gericht werden endlich (!) alle (!) sehen (!), dass nur der christliche Gott und seine Kirche… während alle Anderen… – hach, Ihr wisst schon. 

Eine beliebte Spielart dieser Erzählung ist der sogenannte Dispensationalismus, der lehrt, dass alle wahren (!) Gläubigen von Gott in den Himmel entrückt werden, während hingegen hienieden auf Erden die “große Trübsal” wütet, bis irgendwann die Schlacht von Armageddon den großen Kampf gegen den Endgegner (den “Antichristen”) einläutet. Man beruft sich auf ausgewählte Stellen aus dem Neuen Testament. Zum Beispiel auf die kryptische Offenbarung des Johannes oder auch auf den Ersten Thessalonicher-Brief, Kap. 5, wo das “Kommen des Herrn” beschrieben wird und die Gläubigen “entrückt werden auf den Wolken.” Die bunte Bildershow dazu liefern Fantasy-Longseller wie “Finale. Die letzten Tage der Erde” (Tim LaHaye / Jerry B. Jenkins), die in ganzen zwölf Bänden den Kampf der letzten Frommen mit den Schergen des Antichristen ausmalen.

Endzeit – eine coole Story?

Natürlich liefert der Weltuntergang schon immer eine brauchbare Kulisse in Fantasy und Science Fiction: Das “Licht” kämpft gegen die “Finsternis”, das Häuflein der Aufrechten behauptet sich während der Zombie-Apokalypse und so weiter. Aus diesen Imaginationsräumen können wir sogar einiges lernen: über die Abgründigkeit des Menschen, die Zerbrechlichkeit sozialer Ordnungen, die Unbestechlichkeit der Naturkräfte, über die Abwege des Fortschritts und so weiter. 

Aber was passiert, wenn man diese Fantasien (mehr oder weniger) wörtlich nimmt? Also wirklich zu wissen glaubt, dass das Ende unmittelbar bevorsteht? So wie es bestimmte konservativ-evangelikale Glaubensrichtungen ja tun? Kann uns diese Lehre, die auf viele sicher befremdlich wirkt, egal sein?

Ich habe den starken Verdacht, dass dieser Glaube ein Problem ist.
Und zwar für alle – auch für die, die nicht daran glauben.

Der Glaube ans bevorstehende Weltende ist nämlich mehr als ein harmloser religiöser Spleen. Er hat gravierende politische Konsequenzen. Genauer gesagt bringt er bestimmte Einstellungen hervor, die ihrerseits politische Implikationen haben und dadurch politische Meinungen bilden. Und weil es in einer Demokratie (zum Glück!) auf die politischen Meinungen aller Beteiligten ankommt, haben diese Meinungen auch Konsequenzen für alle. Denn sie können Politik in eine bestimmte Richtung bewegen. 

Und dieser Glaube bewegt Politik meiner Meinung nach in die falsche Richtung.

Erstes Problem: „Endzeit“ bedeutet ökologische und soziale Resignation

Laut Endzeit-Lehre sitzen wir hier auf einem sinkenden Schiff. Das die Christ*innen laut dispensationalistischer Lehre sowieso bald verlassen werden. Die Welt ist im Eimer. Naturkatastrophen, Kriege, Seuchen, Hungersnöte: All das sind laut Neuem Testament (z. B. Mk. 13,7ff.; Offb. Kap. 6 und 8) nur erwartbare Zeichen für das Weltende. 

Das aber bedeutet: Es lohnt sich gar nicht, irgendetwas gegen all die ökologischen oder sozialen Schieflagen zu unternehmen, die sich auf der Erdkugel überall abzeichnen (und die in Wahrheit ja eng zusammenhängen) – im Gegenteil. Aus Endzeit-Sicht läuft hier ein globaler Planeten-Verschrottungs-Algorithmus ab, der im Himmel bereits fest einprogrammiert ist. Wer meint, dagegen aufstehen zu müssen, kämpft auf verlorenem Posten, will retten, was nicht mehr zu retten ist. Schlimmer noch: Sie/er maßt sich an, gegen den Plan des Allmächtigen zu arbeiten, der längst das Ende allen Fleisches beschlossen hat. Und wenn nach uns sowieso die Sintflut kommt, brauchen wir nicht mehr den Meeresspiegel vermessen.

Aber wer vertritt ernsthaft so eine Meinung? Kleine, randständige Splittergruppen? 

Weit gefehlt! In einer Umfrage des Public Religion Research Institute von 2013 führten ganze 49% aller befragten US-Amerikaner*innen die Häufigkeit an Naturkatastrophen auf biblische Endzeit-Erzählungen zurück (62% auf den Klimawandel, Mehrfachnennung möglich). Bei weißen Evangelikalen waren es sogar 77% (Klimawandel: 49%). (Quelle: Washington Post) Und wenn wir uns anschauen, wen weiße Evangelikale in den letzten Jahren so gewählt haben und welche Klimapolitik auf dieser Grundlage betrieben wurde, dann sollte klar werden, dass wir hier nicht mehr nur über fromme Fantasy sprechen. Die USA allein stoßen ca. 14% der weltweiten CO2-Emissionen aus.

Aus Sicht eines wissenschaftlichen Weltbildes sind alle “endzeitlichen” Krisen – Klima, Flucht und Vertreibung und, ja, auch eine Pandemie wie Corona – in Wahrheit ein Ergebnis menschlichen Handelns. Und damit etwas, das durch menschliches Handeln auch wieder behoben werden kann. Wenn der politische Wille da ist. Und der kann wiederum nur dann da sein, wenn Menschen auch wissen, dass sie tatsächlich handeln können. Und dass der Weg ins Verderben eben nicht unausweichlich vorgezeichnet ist.

Zweites Problem: „Endzeit“ befeuert Verschwörungstheorien

Um das zweite Problem zu verstehen, braucht man etwas Genre-Kenntnis. Der Endzeit-Schinken “Finale” von Jenkins / LaHaye (s. o.) porträtiert den Antichristen als charismatischen, redegewandten Politiker, protegiert von Kirchen und Religionsgemeinschaften und gefeiert von den Medien. Alleine die treue “Left-Behind”-Gemeinde ahnt die Wahrheit hinter der Fassade. 

Die damit verbundene apokalyptische Sicht auf Weltpolitik ist häufig inspiriert von Texten wie dem Propheten Daniel, der hinter den Kulissen der Weltpolitik dämonische Mächte und Engelsfürsten gegeneinander kämpfen sieht. Im gerade erst vergangenen US-Wahlkampf haben Donald Trumps Unterstützer aus der pfingstlich-charismatischen Szene solche Narrative gerne und häufig bedient. (Quelle: Deutschlandfunk, vgl. dazu auch die entsprechende Episode im Hossa-Talk #160)

Die Auffassung, dass geheime Mächte die Weltpolitik steuern, geheime Mächte, die den Rechtgläubigen nicht wohlgesonnen sind, ist also essentieller Bestandteil vieler “bibeltreuer” Endzeit-Erzählungen. In der Politik ist etwas im Gange, etwas, das nur Eingeweihte wirklich durchschauen. 

Klingt vertraut, oder? Wir haben es ganz offensichtlich mit der Logik der Verschwörungserzählung zu tun. Die Verschwörung ist von außen nun mal nicht zu durchschauen. Dass es keine Beweise für die Verschwörung gibt, soll selber geradezu als Beweis für die Verschwörung gelten: Der Antichrist hat sich halt verdammt gut getarnt. 

Damit ist der Endzeit-Glaube alles andere als unpolitisch. Er hat eine konspirative Schlagseite. Im extrem konservativen Bibelbund setzt man da schon mal die Europäische Union mit dem Reich des Antichristen gleich (denn, hey: Offenbarung – römisches Weltreich – römische Verträge…?) (Quelle: Bibelbund) Und auch für das “Malzeichen”, mit dem der Antichrist laut Offenbarung 13 die ganze Menschheit  stempeln will, findet diese Erzählung es in der Corona-Pandemie endlich wieder Hinweise (Bill Gates…? Impfung…? Mikrochip…?)

Es wäre fast schon lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Es kann jedenfalls kein Zufall sein, dass Freikirchler*innen für Verschwörungserzählungen besonders anfällig sind, wie jüngst eine Studie der Uni Münster zeigte.

Verschwörungserzählungen sind mehr als ein krudes Hobby. Denn sie markieren den “Anderen” als ferngesteuerte Marionette und sie bauen systematisches Misstrauen auf gegen alle politischen – auch demokratischen – Institutionen. Überzeugte Verschwörungstheoretiker*innen können rein logisch betrachtet gar nicht an der Demokratie teilnehmen. Sie müssen das Kapitol stürmen. 

Verschwörungserzählungen verhindern systematisch Demokratie. Deswegen sollten sie nicht mit vermeintlich bibeltreuer Folklore gefüttert werden. 

Kein unpolitisches Dogma

Die “Endzeit”-Theologie ist also keine rein dogmatische (falls es so etwas überhaupt gibt). Sie ist nicht unpolitisch. Auch dann nicht, wenn diejenigen, die sie aufstellen, gar keine bewussten politischen Absichten haben. Sie hat nämlich sehr ernstzunehmende politische Konsequenzen. Über die Christen sich klar sein sollten, bevor sie an ihren Vorstellungen vom globalen Doomsday herumbasteln. 

Das Private ist politisch.

Bildquellen: pixabay.com, CC-0

3 Gedanken zu “Nur fromme Fantasy? Zwei politische Probleme christlicher „Endzeit“-Erzählungen

  1. Ich mag die echte Linke!
    Sie ist ein Vorbild mit Verantwortung und Pflichtbewusstsein, die harte Maloche wertschätzt! Und da gibt es die Schein-Linke, die überall Jagt auf Privilegien macht und die Beute mit den Stolzen teilt

    Gefällt 1 Person

  2. Stimmt. Das waren auch für mich Gründe, mit diesem Glauben an die Endzeit zu brechen. Ich wollte nicht glauben, dass alle, die nicht so sind wie ich von Dämonen gesteuert sind. Hab die Finale-Reihe als Jugendliche komplett gelesen, aber schon da bei der Hälfte nur noch gedacht, ist ja ziemlicher Scheiß. Erstens weil es teilweise so weit hergeholt war, dass man es wirklich kaum ernst nehmen konnte und zweitens weil die Christen in den Büchern auch von ihrem Verhalten nicht besser waren als die bösen Weltlichen, die Christen haben genauso mit Maschinengewehren rumgeballert und dann noch gemeint, um die anderen wäre es ja nicht wirklich schade, weil die sowieso bald in die Hölle kommen, egal wer es ist. Schlimm, dass ich es trotzdem noch lange Zeit ernst genommen habe.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s